Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 08/2016

Der Lebenslauf der Dinge

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Anders als bei Franzosen, die bei Arbeitskämpfen gern ein paar Autos abfackeln oder Firmenchefs das Sakko zerreißen, regiert bei mitteleuropäischen Arbeitern und Angestellten seit der Globalisierung die Angst vor Arbeitslosigkeit und sozialem Abstieg. Fast jeder hat in der eigenen Branche oder gar Firma schon Sparrunden erlebt, bei denen auch gute Leute ihre Habseligkeiten in einem Karton aus dem Büro trugen. Da ziehen die Zurückgebliebenen lieber den Kopf ein.

Doch der Wind dreht sich in einzelnen Bereichen – und die IT-Branche gehört dazu. Firmen bekommen Projekte oder Aufträge nicht mehr gestemmt, weil ihnen die richtigen Leute dafür fehlen. Die Klagen darüber sind allgegenwärtig, während der Mangel weiter wächst: Das Personalunternehmen Robert Half errechnete für seine "Arbeitsmarktstudie 2016", dass 87 Prozent der deutschen IT-Chefs weitere Stellen schaffen und freigewordene Stellen neu besetzen wollen. Wenn Unternehmen heute um die Besten im scharfen Wettbewerb stehen, möchte man meinen, dass sie die Arbeitsbedingungen sichtbar verbessern, arbeitnehmerfreundliche Zeitmodelle entwickeln, großzügige Weiterbildungsmöglichkeiten schaffen und dicke Boni zahlen.

Das mag für einzelne Firmen wie Google auch zutreffen, die Mehrheit der klein- und mittelständischen Betriebe sieht solche Nerd-Streicheleinheiten als Verschwendung an. Die ITK-Strategieberater von Techconsult attestierten deutschen Rechenzentrumsbetreibern gerade, dass Fachkräfte zu gewinnen der mit Abstand am schlechtesten bewertete Prozess im gesamten RZ-Betrieb ist.

Wer das dämlich genug findet, sei belehrt, dass schon über die Ufer getretene Dummheit keinen festen Siedepunkt hat, ab dem sie sich physikalisch verflüchtigt. Denn nicht wenige Firmen versuchen ihre Recruiting-Probleme mit Softwaretools zu lösen. Die sortieren aus der vermuteten Jahrhundertflut an Bewerbern die aus, mit denen es lohnt zu reden, indem sie die eingehenden elektronischen Bewerbungsunterlagen maschinell sichten. Wie solche Filter arbeiten, offenbart die gut gemeinte Mitteilung vom Betreiber der Meta-Jobsuchmaschine Adzuna unter dem Titel "Die gröbsten Bewerbungsfehler – aus der Sicht eines Computers". Die Top 5:

1. Der Lebenslauf enthält Tabellen, was zu Konvertierungs- und Gliederungsfehlern führt.

2. Im Lebenslauf sind Grafiken mit Informationen eingebettet, obwohl das Parsing die ignoriert.

3. Start und Ende der beruflichen Stationen sind nicht als »Monat JJJJ« formatiert.

4. Das Dokument kommt als PDF- statt als Microsoft-Word-Datei an.

5. Die Gliederung ist individuell benannt und nicht mit "Ausbildung", "Berufserfahrung" und so weiter.

Die so händeringend suchenden Unternehmen benutzen Tools die kreativ schreibende und gestaltende Menschen genauso ausfiltern wie Leute ohne MS Word. Inja Schneider von Adzuna dazu: "Viele Bewerber sind sich jedoch nicht bewusst, dass ihr Lebenslauf bei zahlreichen Bewerbungsverfahren in erster Linie von einem Computersystem gelesen wird, das von einer aufwändigen Form- und Farbgestaltung keine Notiz nimmt."

Man möchte ergänzen: "Viele Arbeitgeber sind sich jedoch nicht bewusst, dass ihre Personalsuche in erster Linie für den Arsch ist, weil die Lebensläufe von einem schlecht programmierten Computersystem gelesen werden, das von den besten Bewerbern keine Notiz nimmt".

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