Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 07/2016

Theorem-Prüfung

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Menschen sind oberflächlich. Ein Beispiel: Wenn wir "Nerd" hören oder lesen, stellen wir uns einen ungelenken jüngeren Mann mäßigen Aussehens und in schlimmer Kleidung vor, zu der ein billiger Laptop-Rucksack passen muss. Dabei könnte ein zu diesem Stereotyp passender Mensch genauso gut kein Nerd sein, sondern ein Sozialarbeiter mit Dyskalkulie.

Auf dieser Seite war schon öfter von Nerds die Rede und einmal auch schon von Claude Elwood Shannon, dem vielleicht größten Nerd aller Zeiten, der dieser Tage hundert geworden wäre, hätte nicht 2001 sein Neuronalrechner für immer aufgehört zu arbeiten. Und auch der passt optisch nicht ins allgemeine Nerd-Raster, denn auf alten Schwarz-weiß-Aufnahmen scheint er eher "Citizen Kane" entsprungen als "The Big Bang Theory". Dem mit Wissenschaftpreisen überhäuften Shannon wurde die Ehre zuteil, dass eine Maßeinheit nach ihm heißt – das Shannon macht den Informationsgehalt einer Nachricht messbar.

Seit Shannon wissen wir beispielsweise, wie viel Information durch einen Übertragungskanal passt und dass Kodiertes auch von seinem Kontext abhängt. Bahnbrechend ist seine Ultimate Machine: Ein Kästchen mit einem Schalter und einer elektrisch betriebenen Hand, die unter einer Klappe wartet. Legt ein Mensch den Schalter um, erscheint die Kunsthand und stellt ihn wieder zurück. So reduziert hat niemand wieder das alte Ein-aus-Spiel der Informatik anschaulich machen können. Zugleich wirkt das Kästchen wie ein Schlüsselwerk absurder Kunst. Genial!

Ob sich das Ministerium für Kommunikation im Irak von Claude Elwood Shannons Gadget hat inspirieren lassen, als es die Kommunikationsprovider fast des ganzen Landes anwies, am 16. Mai mehrfach alle Internetkommunikation für drei Stunden zu unterbrechen, ist nicht bekannt. Möglich wäre es aber: Wenn der ISP Earthlink besipielsweise um 5:00 Uhr den Ultimate Switch umlegt, dann fällt das Land in die Digitalstarre, bis ein anderes Earthlink-Händchen um 8:00 Uhr den Schalter wieder betätigt. Die Kommunikationskanäle würde Shannon als ideal gestört bezeichnen, und für sein Abtasttheorem reicht eine Samplingrate von 90 Minuten.

Das überraschend zivile Ziel der drakonischen Maßnahme im kriegsgeschüttelten Land: Alle Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe und der Highschool, die an dem Tag Prüfungen schrieben. Offenbar hatten in den letzten Jahren die Betrügereien mit in die Prüfungsklassen eingeschmuggelten Smartphones solche Ausmaße erreicht, dass den Lehrer-Oberen dies als einziger Ausweg erschien. Effektiv ist er allemal, die Nebenwirkungen auf Wirtschaft, Verwaltung und Zivilgesellschaft aber gewaltig. Ob Professor Shannon so viel Einsatz für die Lehre gutheißen würde? Schwer zu sagen.

Irakische Schüler können sich einstweilen mit anderen Gadgets des Nerd-Titanen die Zeit der Blackouts vertreiben: Hüpfende Pogostöcke mit Motor, eine Jongliermaschine, raketengetriebene Frisbees, einen Apparat zum Gedankenlesen, die mechanische Maus Theseus, die sich mit aus Relais aufgebauten Schaltkreisen in Labyrinthen orientiert, und ein ganz früher Schachcomputer. Hach, Menschen sind so oberflächlich. Oder Nerds.

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