Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 06/2016
© Brian Jackson, 123RF

© Brian Jackson, 123RF

Disaster-Recovery-Framework

Ganz relaxt

Es ist nur ein einfaches Bash-Shellskript und doch ein äußerst leistungsfähiges Werkzeug: Relax-and-Recover erzeugt aus laufenden Systemen Rettungsmedien, kümmert sich um Backups und hilft auch beim Migrieren von Rechnern auf neue Hardware oder beim Umwandeln in virtuelle Maschinen.

1137

Der Laptop hat die besten Zeiten hinter sich und die Daten sollen auf ein neues Gerät umziehen? Der Server steht seit Jahren in der Ecke, frisst Strom und wäre als virtuelle Maschine besser aufgehoben? Ein simples Shellskript namens Relax-and-Recover [1] hilft Desktop-Nutzern und Sysadmins bei diesen und anderen Aufgaben gleichermaßen. Das unter der GPLv2 stehende Disaster-Recovery-Framework für Linux erzeugt Rettungsmedien (CDs, USB-Sticks oder PXE-Bootimages) und sichert die Daten – wahlweise in Kooperation mit einer externen Backuplösung.

Beim anschließenden Recovery erweist sich das Tool als flexibler Partner, der auch auf veränderte Hardware Rücksicht nimmt. Damit eignet sich Relax-and-Recover nicht nur als Rettungsfallschirm, sondern auch als Migrationstool. Physische Computer werden so zu virtuellen Maschinen (Physical to Virtual, P2V). Auch der Weg zurück auf echte Hardware (Virtual to Physical, V2P) ist möglich – und sogar ein Wechsel von einer Virtualisierungs-Lösung zu einer anderen (Virtual to Virtual, V2V).

Die Tester arbeiteten unter Debian 8 (Jessie) und Ubuntu 16.04 (Xenial Xerus) mit der aktuellen Stable-Variante 1.17.2 sowie mit der neuesten Relax-and-Recover-Version 1.18 aus dem Github-Repository (März 2016, [2]). Sie erzeugten ein Rettungsmedium sowie ein Backup von einem Desktoprechner. Außerdem sicherten sie einen älteren Server und kombinierten das Skript dazu mit einer externen Backuplösung. Die Rettungssysteme und Datensicherungen waren danach die Basis, um die physische Hardware in virtuelle Maschinen umzuwandeln.

Gut vorbereitet

Relax-and-Recover liegt einigen Distributionen bei, allerdings nicht unbedingt in der neuesten Ausgabe. Aktuelle Varianten bieten die Entwickler fertig gepackt auf der Projektseite an [1]. Um das Auflösen der Abhängigkeiten auf ihrem jeweiligen System müssen sich Anwender selbst kümmern. In der Regel weist der Paketmanager auf fehlende Komponenten hin.

Alternativ checken Benutzer das Programm aus dem Github-Repository [2]. Dazu installieren sie die Pakete »git« , »syslinux« , »extlinux« und »binutils« und führen danach folgende Befehle aus:

git clone https://github.com/rear/rear.git
cd rear
make deb

Auf RPM-basierten Systemen lautet das Paketbau-Kommando entsprechend »make rpm« . Nach der Installation nistet sich »rear« im Verzeichnis »/usr/sbin« ein. Anwender benötigen Rootrechte zum Starten des Skripts.

Als Nächstes geht es ans Formatieren des Sicherungsmediums, das sämtliche Daten überschreibt. Relax-and-Recover bringt ein eigenes Kommando dafür mit, was Benutzer über »rear format« initiieren. Dahinter steht der Gerätename des Wechselmediums, das nicht gemountet sein darf:

$ sudo rear format /dev/sdb
USB device /dev/sdb must be formatted with ext2/3/4 or btrfs file system
Please type Yes to format /dev/sdb in ext3 format:

Es ist wichtig, »Yes« genau in dieser Schreibweise und nichts anderes einzugeben, da »rear« sonst den Dienst quittiert. Auch sonst ist das Formatieren nicht ganz störungsfrei – auf einem der Testsysteme brauchte ein USB-Stick eine frische Partitionstabelle, damit Relax-and-Recover das Medium akzeptierte. Bricht die Software ab, dann weist sie sofort auf das Logfile hin, das ausführliche Informationen zum Problem enthält. Wenn alles glatt läuft, dann versieht das Tool den Stick mit dem in der Ausgabe genannten Dateisystem und verpasst ihm das Label »REAR-000« (Abbildung 1).

Abbildung 1: Relax-and-Recover formatiert das USB-Medium und setzt das Label REAR-000.

Rettet den Desktop!

Für die ersten Gehversuche mit der Software bietet sich ein Backup des eigenen Arbeitsrechners an. Nachdem das USB-Medium formatiert ist, wenden sich Benutzer der Einrichtungsdatei »/etc/rear/local.conf« zu. Diese ist in der Voreinstellung lediglich mit ein paar Kommentaren der Entwickler bestückt. Mit einem Texteditor hinterlegen sie hier beispielsweise die folgenden Wünsche:

OUTPUT=USB
BACKUP=NETFS
BACKUP_URL=usb:///dev/disk/by-label/REAR-000

Das Rettungs-Initram-FS, das für den Systemstart benötigte Dateien enthält, soll auf einem USB-Medium landen. Alternativ sind hinter »OUTPUT« auch die Angaben »ISO« , »PXE« , »RAMDISK« oder »OBDR« möglich; das Handbuch [3] erklärt Näheres. Zudem ist die Art des Backups definiert: »NETFS« ist die interne »rear« -Methode, die ein einfaches Tar.gz-Archiv von allen Daten des Systems erzeugt. Das Rettungsimage und auch das Backup selbst speichert Relax-and-Recover in diesem Fall auf dem Gerät mit dem Label »REAR-000« .

Der nächste Schritt hängt davon ab, ob Benutzer lediglich ein bootfähiges Rettungssystem oder zusätzlich ein Vollbackup benötigen. Ersteres entsteht über den Aufruf »rear mkrescue« ; die Option »-v« schaltet ausführliche Meldungen ein (Listing 1). In diesem Fall erzeugt Relax-and-Recover nur ein startfähiges Medium, mit dem Anwender die grundsätzliche Umgebung des Systems (etwa Festplatten-Layout, Treiber und Netzwerkkarten-Konfiguration) wiederherstellen können; die Programme und Daten fehlen jedoch. Die sichert dann ein zweiter Schritt.

Listing 1

Rettungsmedium

01 $ sudo rear -v mkrescue
02 Relax-and-Recover 1.17.2 / Git
03 Using log file: /var/log/rear/rear-craptop.log
04 Creating disk layout
05 Creating root filesystem layout
06 TIP: To login as root via ssh you need to set up/root/.ssh/authorized_keys or SSH_ROOT_PASSWORD in your configuration file
07 Copying files and directories
08 Copying binaries and libraries
09 Copying kernel modules
10 Creating initramfs
11 Writing MBR to /dev/sdb
12 Copying resulting files to usb location

Viel bequemer ist es, wenn Relax-and-Recover auch diese Aufgabe übernimmt. Falls der USB-Wechseldatenträger groß genug ist, sichert der Aufruf »rear mkbackup« alles auf einem Medium. Reicht der Platz dort nicht aus, helfen externe Festplatten oder Netzlaufwerke aus. Den Ort für die Sicherungskopie definiert die Variable »BACKUP_URL« in der erwähnten Konfigurationsdatei »/etc/rear/local.conf« . Sie nimmt Werte wie »file://« , »nfs://« , »tape://« oder »cifs://« entgegen.

Authentisierungs-Informationen für Samba-Shares tragen Nutzer in die Datei »/etc/rear/.cifs« ein; auch in diesem Fall lohnt sich ein Blick ins Handbuch [3] für eine Beispielkonfiguration.

Nach dem Starten des Rettungssystems erscheint ein Auswahlmenü (Abbildung 2), welches das Rettungsimage und im zweiten Schritt vorhandene Backups anbietet. Anwender entscheiden außerdem, ob Relax-and-Recover alles automatisch machen soll oder ob sie selbst Hand anlegen wollen. In diesem Fall melden sich Benutzer als »root« ohne Passwort an. Den Wiederherstellungsprozess stoßen sie mit »rear recover« an. Auch hier sorgt der Schalter »-v« wieder für ausführliche Meldungen.

Abbildung 2: Das Bootmenü von Relax-and-Recover zeigt vorhandene Images (hier silberfisch) und alternative Startmethoden.

Im Zuge der Wiederherstellung legt das Programm die Partitionen neu an und formatiert sie mit dem ursprünglichen Dateisystem. Auch Swap landet am selben Ort. Das Mounten übernimmt das Skript ebenfalls und spielt dann die Daten zurück. Als Letztes installiert Relax-and-Recover den Bootloader Grub. Bevor Anwender den Rechner neu starten, können sie sich das Ergebnis der Bemühungen unter »/mnt/local« ansehen, wie das Skript verrät (Abbildung 3).

Abbildung 3: Wer vor dem Reboot das Ergebnis kontrollieren möchte, sollte einen Blick auf /mnt/local werfen.

Diesen Artikel als PDF kaufen

Express-Kauf als PDF

Umfang: 4 Heftseiten

Preis € 0,99
(inkl. 19% MwSt.)

Linux-Magazin kaufen

Einzelne Ausgabe
 
Abonnements
 
TABLET & SMARTPHONE APPS
Bald erhältlich
Get it on Google Play

Deutschland

Ähnliche Artikel

comments powered by Disqus

Ausgabe 04/2017

Digitale Ausgabe: Preis € 6,40
(inkl. 19% MwSt.)

Artikelserien und interessante Workshops aus dem Magazin können Sie hier als Bundle erwerben.