Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 06/2016

Function & Form

529

Viele Menschen gehen regelrecht auf in ihrer Aufgabe. Die Konzentration aufs Wesentliche ist angesichts der arbeitsteiligen Gesellschaft verständlich und zudem für die Nutznießer oft beglückend: Wer narkotisiert auf dem OP-Tisch liegt, wird es vorziehen, wenn sich der Chirurg ganz auf die Fettleber konzentriert statt über das religiöse Spätwerk Søren Kierkegaards nachzusinnen.

Das Phänomen gilt natürlich universell. Wer kennt sie nicht, die Programmierer, die bei einer beliebigen Linux-Veranstaltung an der Wand vor einem Vortragssaales lehnend in ihrer Notebook starren? Sie steppen mit einem Debugger durch ihren Code und haben nur Augen für zappelnde Variablen, nehmen aber die Schritte der um sie herum laufenden Besucher nicht wahr.

Das Fixieren auf die eigene Funktion verläuft jedoch nicht immer so konfliktfrei wie zwischen programmierenden und flanierenden Nerds. Eine internationale Studie von VMware und "The Economist" zur IT-Sicherheit in Firmen hat unter Anderem ergeben, dass Geschäftsführern die Reputation des Unternehmens geschützt sehen wollen. Für IT-Verantwortlichen steht dagegen die Sicherheit der Daten und der Anwendungen an erster Stelle (siehe Meldung S. 12). Der eine sorgt sich um den Umsatz, macht also seinen Job, und der andere macht auch nur seinen Job. Heraus kommt aber ein kaum lösbarer Zielkonflikt um Werte, Ressourcen und Entscheidungskompetenzen.

Während der zu konzentrierte IT-Leiter in der Firma maximal seinen Job verliert, riskieren Millionen Smombies jeden Tag ihr Leben. Smombie ist das Jugendwort des Jahres 2015 und beschreibt mit ihrem Smartphone Verschmolzene, die des aufrechten Gangs nicht mehr fähig sind und wie Zombies umherstolpern. Die Stadt Augsburg testet gerade an zwei Haltestellen, ob in die Bordsteinkante eingelassene rote Blinklichter verhindern, dass Smombies vor die herannahende Straßenbahn laufen und ihr Facebook-Profil nie mehr aktualisieren können. Die chinesische Millionenstadt Chongqing hat bereits den ersten exklusiven Fußweg für Smombies eingerichtet.

Bis jeder Ort auf dem Planeten mit den technischen Einrichtungen zum Artenschutz des Homo Smartphonensis umgerüstet ist, wird jedoch noch einige Android-Versionen lang dauern. Zu lange vielleicht, weil die nächste und vielleicht perfekte Stufe der Verschmelzung von Funktion und Mensch ansteht: Chipimplantate. Es geht um die Humanfirmware und die Funknetzwerke, die Gott bei Adam und Eva fahrlässig nicht implementiert hatte – vielleicht, weil die Technik damals nicht lizenzfrei verfügbar war.

Die Akzeptanz von Chips unter der Haut beschränkte sich vor einigen Jahren auf Konzeptkünstler und im Kopf sehr jung gebliebene Modding-Freaks. Eine aktuelle Befragung normaler Mittel- und Westeuropäer förderte nun eine überraschend hohe Akzeptanz von Biohacking und Chipimplantate zu Tage. Laut der Studie von Kaspersky Lab und Arlington Research lehnen lediglich 29 Prozent der Befragten ab, sich Chips unter die Haut pflanzen zu lassen. Deutsche sind hier etwas vorsichtiger: 49 Prozent möchten kein Hardware-Plugin, weil sie Fehlfunktionen oder eine "feindliche Übernahme" des eigenen Körpers fürchten.

Das ficht 51 Prozent der Befragten nicht an, die Chips zu medizinischen Belangen sinnvoll finden. 46 Prozent hätten gern, dass ihr Körper einen Notruf absetzen kann, und 35 Prozent scheinen ihren Reisepass gern subkutan aufbewahren zu wollen. Je länger man sich mit der Verschmelzung von Funktion und Mensch befasst, umso sozial kompetenter erscheint der ins Notebook starrende Nerd.

Diesen Artikel als PDF kaufen

Express-Kauf als PDF

Umfang: 1 Heftseiten

Preis € 0,99
(inkl. 19% MwSt.)

Linux-Magazin kaufen

Einzelne Ausgabe
 
Abonnements
 
TABLET & SMARTPHONE APPS
Bald erhältlich
Get it on Google Play

Deutschland

Ähnliche Artikel

comments powered by Disqus

Ausgabe 10/2017

Digitale Ausgabe: Preis € 6,40
(inkl. 19% MwSt.)

Artikelserien und interessante Workshops aus dem Magazin können Sie hier als Bundle erwerben.