Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 05/2016

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"Ich bin kein netter Mensch, und du bist mir gleichgültig. Ich kümmere mich um die Technik und den Kernel – das ist mir wichtig." Wer hat's gesagt? Als Quizfrage ist das Zitat unwürdig, weil fast jeder die Urheberschaft korrekt beantworten würde – Linus Torvalds, genauer: Anfang 2015 auf einer Linuxconf.

Über Torvalds' Rolle als Stinkstiefel im Besonderen und den Sound auf der Kernelentwickler-Mailingsliste im Allgemeinen ist schon viel geschrieben worden. Einer der letzten Beiträge zu dem Thema kam vom amerikanischen Computerjournalisten Steven J. Vaughan-Nichols in der Computerworld. Unter dem Titel "How bad a Boss is Linus Torvalds?" bestätigt er in der Sache den sehr archaischen Umgangston, findet aber die Konsequenzen milde im Vergleich zu den Gefahren, denen angestellte Programmierer ausgesetzt sind: "Wenn sagen wir Larry Ellison sauer auf dich ist, kannst du deinen Job vergessen. Wenn Torvalds wütend über deine Arbeit wird, kriegst du eine E-Mail, in der er dich anschreit, das ist alles."

Vaughan-Nichols meint, das Ganze sei nicht Torvalds' Schuld. Er sei nun mal ein technischer Leiter mit einer Vision, kein Manager. Das wirkliche Problem sei, dass es niemanden im Software-Entwickler-Universum zu geben scheint, der einen verbindlichen Ton anschlägt.

Was fehlt, ist also ein sozial kompetenter und sendungsfähiger Mensch. Einer vielleicht, der einmal im Monat eine Videobotschaft an die Community richtet? Konzernlenker, Al-Qaida-Kämpfer oder die deutsche Bundeskanzlerin tun das auch. Denn kaum ein anderes Medium ist geeigneter, um schwierig zu vermittelnde Inhalte Anhängern und solchen, die es werden könnten, zu überbringen. Aber was tun, wenn sich niemand für den Job findet? Typisch für Nerds ist es, nach einer technischen Lösung zu suchen. Vorarbeit haben Forscher vom Max-Planck-Institut für Informatik und der Multimedia-Konzern Technicolor geleistet. Sie sind in der Lage, ein 3-D-Gesichtsmodell realitätsgetreu allein auf der Basis von Aufnahmen einer einzelnen Standard-Videokamera zu rekonstruieren. Mathematische Methoden schätzen die nötigen Parameter ab, um alle Details des Modells zu erfassen, neben Gesichtsgeometrie, die Oberflächenform, Reflexionseigenschaften und Szenenbeleuchtung.

Hochwertige, animierbare 3-D-Modelle sind in der Filmindustrie schon länger bei Special Effects gängig, aber mit dem Einsatz von teuren Mehrkamerasystemen, Spezialscheinwerfern und Tiefenkameras verbunden. Den Max-Planck-Informatikern aus Saarbrücken reicht ein normales Video. Der Algorithmus beinhaltet bereits die Information über zahlreiche Mienen, die unterschiedliche Emotionen ausdrücken, also Freude, Wut, Angst, Nachdenklichkeit oder Ärger. Das genau ist die richtige Technik, um positive Videobotschaften zu programmieren – ein paar alte Videoaufnahmen vom griesgrämigen Torvalds und die Algorithmen aus Saarbrücken reichen.

Dass der Kernelchef-Avatar nur ein Subset der Emotionen verkörpern muss, nämlich "Netter, charismatischer Torvalds motiviert die Gemeinde", nimmt sogar recht viel Komplexität aus der Aufgabe. Vorstellbar ist, dass ein Raspberry Pi 3 (Test ab Seite 72) reicht, um dem miesepetrigen Linus die Zornesfalten in Echtzeit von der Stirn zu bügeln und als fröhliches Glattgesicht die Kernelgemeinde um die Bildschirme zu versammeln. "Unsere Technik kann dafür sorgen, dass sich die Menschen bei ihrer Kommunikation mit und durch Avatare wohler fühlen", verspricht Christian Theobalt, Leiter der Gruppe Graphics, Vision and Video am Max-Planck-Institut.

Anlässlich welches Kernels wird wohl das erste Video kommen? Sicher zumindest scheint, dass der Begriff "Upstream" dann für Linuxer eine zweite Bedeutung bekommt.

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