Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 04/2016

Ohne Dichter und Denker

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Jens-Christoph Brendel, stellvertretender Chefredakteur

37814 geteilt durch 73. Das rechnet vielleicht ein Savant im Kopf, ich aber kann das nicht. Und selbst der Inselbegabte wäre lächerlich langsam im Vergleich zu einem Computer. Denn schon ein stinknormaler PC schafft locker Tausende Millionen Gleitkommaoperationen in der Sekunde. Eins aber – das schien mir tröstlich – können die Computer nicht: denken. Und deshalb werden sie Menschen überall dort niemals ersetzen, wo es um mehr als schnelles Rechnen geht. Sondern ums Nachdenken, ums Probleme lösen, um Kreativität. Das war immer der Konsens.

Im Jahr 1996 aber gewann im Schach, dem Denksport schlechthin, erstmals ein Computer, Deep Blue, eine Partie gegen den amtierenden Schachweltmeister Gari Kasparow. Im Jahr darauf entschied der Rechner ein ganzes Turnier gegen den Champion für sich. Seitdem sind Menschen chancenlos, wenn es um Schachduelle gegen Großrechner geht. Kasparow soll jedes Rematch verweigert haben.

An dem zweiten Jahrtausende alten Denkspiel, an Go, bissen sich Computer dagegen stets die Zähne aus. Denn dort gibt es tatsächlich unvorstellbar viele mögliche Züge, 10100-mal mehr als beim Schach. Der Faktor ist größer als die Anzahl der Atome im Universum. Daran müssen Brute-Force-Strategien, die jeden Zug bedenken wollen, scheitern – völlig egal, wie schnell die Rechner sind. Schlimmer noch: Beim Go fehlt außerdem ein so klares Entscheidungskriterium für einen guten Zug, wie es beim Schach der Materialgewinn ist. Im Go, meinte deshalb der Deep-Blue-Chefingenieur Feng-Hsiung Hsu im Jahr 2007, also zehn Jahre nach seinem Triumph, werden Menschen mindestens noch eine Dekade lang unschlagbar sein.

Jetzt hat ein Go-Programm – deutlich bevor diese Frist 2017 abgelaufen wäre – den dreifachen Europameister Fan Hui besiegt. Klar mit 5:0, und zwar unter Turnierbedingungen, ohne eine Vorgabe in Anspruch zu nehmen. Die von Google entwickelte siegreiche Maschine Alpha-Go konnte zudem 499 von 500 Partien gegen etablierte Go-Programme für sich entscheiden. Der neue Champion verengte mit Hilfe riesiger neuronaler Netze mit Millionen von Verknüpfungen zunächst den Suchraum sehr stark, bevor er nur noch eine verhältnismäßig kleine Menge an Zügen im Stil einer Monte-Carlo-Simulation bis zum Ende durchrechnete. Die neuronalen Netze wiederum lernten zuvor aus 30 Millionen von Menschen gespielten Zügen und aus Tausenden Partien gegen sich selbst. Diese Technik, so hoffen Forscher, könnte auch bei anderen Problemen helfen, die sich mit sturem Rechnen nicht lösen lassen.

Als Journalist, so glaubte ich, habe ich einen Beruf, den Computer niemals wegrationalisieren können. Jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher. Seit geraumer Zeit schreiben Rechner beispielsweise Sportnachrichten. Anfangs waren das nur simple Spielstandsmeldungen, inzwischen sind es ganze Fußballanalysen. Wann werden sie sich an Editorials wagen?

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