Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 03/2016

Unzufriedene, habt Dank

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Da stochert einer in seinem faden Essen. Den nächsten stören respektlose Kinder, der dritte findet einen Linux-Magazin-Artikel kacke, … "Bleibt mal auf dem Teppich!" möchte man diesen Querulanten zurufen. Zufriedene Menschen genießen unsere Zuneigung. Die Madigmacher, die Da-hätte-ich-mehr-erwartet-Brummler und die Das-ist-eben-so-Infragesteller verderben nur die Stimmung. Zufriedenheit gilt in den meisten Religionen als Tugend, sogar die Sozialforschung erhebt Indikatoren wie Customer Satisfaction Index, Life Satisfaction Scale, Bruttonationalglück oder gar den Happy Planet Index.

Die Französische Revolution haben jedoch nicht Zufriedene angezettelt, und den Morseapparat hat kein Bote zu Pferde erfunden. Ein Unix-Lizenzen madig machender Richard Stallman gründete 1983 das GNU-Projekt, und der Student Linus Torvalds wollte sich 1991 nicht mit den Minix-Beschränkungen abfinden. Wie sähe die Welt aus, in der Zufriedenheit der Treibstoff für den Fortschrittmotor wäre?!

Die Verwegenen bringen ihr Unzufrieden-Sein in eine publizierbare Form: Martin Luther nagelte 1517 seine 95 Thesen an die Schlosskirche in Wittenberg: "Warum baut der reiche Papst nicht wenigstens den Petersdom von seinem Geld?" 477 Jahre später machte sich einer Luft über das Softlanding Linux System: "SLS [...] ist ziemlich sicher die Distribution mit den meisten Fehlern und die am schlechtesten betreute. Unglücklicherweise ist sie auch die populärste. [...] Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, erwirtschaften diese 'Distributoren' mit ihren Leistungen genug Geld, um große Anzeigen in Zeitungen zu schalten – hier wird ganz klassisch inakzeptables Verhalten belohnt von Leuten, die es schlicht nicht besser wissen."

Die Anklage stammt aus dem Debian-Manifest. Dessen Verfasser, der 20-jährige Ian Murdock, zeigt phänotypisch den Unterschied zwischen reinen Kritikern auf der einen Seite und den Unzufriedenen auf der anderen, welche die Gelegenheit, nicht auf dem Teppich geblieben zu sein, nutzen, um Neues anzustoßen: Murdock gründete 1993 das Debian-Projekt und versammelt eine Entwicklercommunity. Sein Manifest beginnt er mit "Debian Linux ist eine brandneue Art von Linux-Distribution. Während früher isolierte Personen oder Gruppen Linux-Distributionen entwickelten, entsteht Debian offen im Geist von Linux und GNU. [...] Es ist auch ein Versuch, eine nicht-kommerzielle Distribution zu erschaffen, die fähig sein wird, im kommerziellen Markt zu bestehen."

Ian Murdocks damaliges Ziel ist erreicht. Unter den großen Universal-Distributionen ist Debian sicher die einzige, die zwar geschäftskritisch einsetzbar ist, deren Schicksal aber nicht an die ökonomische Logik einer Mutterfirma und deren Börsenwert gekettet ist. Schon das sichert Ian Murdock eine Büste in der Ruhmeshalle quelloffener Götter. Dass er später Technikchef der Linux Foundation war und die Linux Standard Base leitete, bestätigt dies nur. Sein Tod mit nur 42 Jahren am 28. Dezember gibt Anlass, dankbar auf einen erfolgreich Unzufriedenen zurückzublicken (siehe Meldung Seite 16).

Es war nicht das Zerstörerische, das den Jakobiner, den Morses, Stallmans, Torvalds, Luthers oder Murdocks ihre Bedeutung gab, sondern das Erschaffen einer andersartigen Alternative. Darum: Wem fades Essen nicht schmeckt, möge einen Imbiss eröffnen. Wem die vorlauten Kinder nicht passen, sollte Erzieher lernen, und wer einen Linux-Magazin-Artikel kacke findet, schreibt am besten an mailto:redaktion@linux-magazin.de, dass er jetzt selber Autor werden will. Ein Unzufriedener ist tot, es leben die Unzufriedenen!

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