Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 01/2016

Seit 20 Jahren erscheint Michael Koflers Standardwerk zu Linux

Maker statt Modem

"Der Kofler" ist unter Linux-Kundigen ein Begriff. Das umfassende Standardwerk erscheint Ende November 2015 in der 14. Auflage. In den letzten 20 Jahren verkaufte sich "Linux - das umfassende Handbuch" 150000-mal. Grund genug für das Linux-Magazin, dem Autor ein paar Fragen zu stellen.

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Linux-Magazin: Herr Kofler, herzlichen Glückwunsch zu dem Jubiläum! Sie begleiten die Linux-Entwicklung mit Ihrem Standardwerk jetzt seit zwei Jahrzehnten. Gibt es Erklärungen in ihrer ersten Ausgabe, die man heute nicht mehr versteht?

Michael Kofler: Eigentlich nicht. Aber es gibt natürlich Themen, die aus heutiger Sicht nicht mehr relevant sind. In der ersten Auflage habe ich mich recht ausführlich mit der Frage beschäftigt, wie man unter Linux mit einem Analogmodem in das Internet kommt. In den weiteren Auflagen ging es dann darum, Mail und News bei minimaler Online-Zeit bestmöglich zu nutzen (weil jede Minute Online-Zeit so teuer war). Diese Textpassagen habe ich dann nach und nach eliminiert, auch wenn manche Techniken (PPP) bis heute Bedeutung haben.

Fast jeder hat heute Linux einstecken

Linux-Magazin: Welche Entwicklung in der heutigen Linux-Realität hätten Sie vor 20 Jahren für unmöglich gehalten?

Michael Kofler: Schon vor 20 Jahren war klar, dass Linux viele Anwendungen im Netzwerk- und Server-Bereich finden würde – das waren ja Funktionen, die die damals üblichen Unix-Systeme ebenfalls abdeckten. Heute spricht man von der Cloud, von Containern und so weiter – aber die Grundlagen dafür gab es in Wirklichkeit schon damals.

Eine Menge Diskussionen in den 90er- und Nuller-Jahren drehten sich aber vielmehr darum, ob und wie weit Linux eine Alternative zu Windows bei der Desktop-Nutzung sein kann. Wie wir aus heutiger Sicht wissen, war Linux in diesem Segment leider nur mäßig erfolgreich. Persönlich glaube ich hier auch nicht mehr an einen Durchbruch.

Vollkommen unvorstellbar aus damaliger Sicht war aber, dass 20 Jahre später drei von vier Menschen ein Linux-Gerät in ihrer Tasche haben würden (sprich: ein Android-Handy). Als ich die erste Auflage meines Linux-Buchs verfasste, gab es weder Smartphones im heutigen Sinn noch Google!

Ebenfalls sehr überraschend waren die Entwicklungen in der Maker-Szene, also Raspberry Pi & Co., wo Linux einmal mehr seine unglaubliche Adaptionsfähigkeit unter Beweis stellt. Die gegenwärtige Maker-Szene ist ja ohne Linux und Open-Source-Software überhaupt nicht vorstellbar.

Linux-Magazin: Während sich Linux im Rechenzentrum einen festen Platz erobert hat, ist es auf heimischen Rechnern – Sie sprachen das schon an – noch immer eher ein Exot. Sie wollen mit Ihrem Buch auch private Anwender an Linux heranführen. Ist das ein Sisyphos-Job?

Michael Kofler: Vermutlich ja. Ich gebe zu, dass ich mein privates Umfeld nur noch selten zu Linux zu bekehren versuche – obwohl es durchaus gute Argumente gibt. Hohe Sicherheit bei geringeren Kosten für Hard- und Software etwa.

Im Unterricht an Fachhochschulen lege ich allerdings schon großen Wert darauf, dass meine Student(inn)en auch eine Welt abseits des Windows-Mainstream und des goldenen Apple-Käfigs kennen und die Linux-Vorzüge schätzen lernen. Und ich gebe gerne zu, dass es mich zutiefst ärgert, wenn im Gymnasium meines Sohns ausschließlich auf der Basis des Office-Pakets von Microsoft unterrichtet wird.

Wie auch immer: Ich will und kann die Welt nicht ändern. Ich freue mich lieber darüber, dass Linux in so vielen Segmenten so erfolgreich ist, als darüber zu grübeln, warum Linux der Durchbruch im Desktop-Segment versagt geblieben ist. Dessen ungeachtet versuche ich in meinem Buch natürlich trotzdem, Linux auch als Desktop-System schmackhaft zu machen.

Noch dicker geht nicht

Linux-Magazin: Der Umfang des Linux-Kernels ist bekanntlich in den letzten 20 Jahren stark gewachsen. Wie verhält es sich denn in dieser Hinsicht mit ihrem Buch? Wie viele Seiten mussten Sie im Laufe der Zeit zulegen und wie viel ändert sich überhaupt von einer Auflage zur nächsten?

Michael Kofler: Mein Buch hat in der ersten Auflage mit 560 Seiten begonnen. In wenigen Auflagen habe ich den Umfang dann an die Grenzen dessen gebracht, was als "normales" Buch noch gedruckt werden kann. Eine Trennung in zwei Bände wollte ich immer vermeiden (Stoff gäbe es ja genug), dünneres Papier und eine entsprechend reduzierte Lesbarkeit ebenfalls. Und so pendelt der Umfang meines Buchs schon seit vielen Auflagen zwischen 1300 und 1400 Seiten.

Neuauflagen sind insofern immer eine Gratwanderung: Welche neuen Inhalte sind so wichtig, dass sie unbedingt in das Buch hinein müssen? Welche Themen haben an Relevanz verloren, sodass man dort Text sparen kann? Das Kürzen macht übrigens oft genauso viel Arbeit wie das Verfassen neuer Abschnitte. Nur selten ist es nämlich so, dass ich ein Kapitel einfach streichen kann. Oft geht es vielmehr darum, ein 50-seitiges Kapitel um vielleicht zehn Seiten zu kürzen – natürlich möglichst ohne dabei wichtige Inhalte zu opfern.

Linux-Magazin: Etliche publizistische Linux-Begleiter sind inzwischen vom Markt verschwunden. Andere sind ins Internet abgewandert. Wie sehen Sie die Zukunft von Linux-Büchern und Linux-Presse?

Michael Kofler: Als Addison-Wesley vor knapp drei Jahren plötzlich zusperrte, sah ich ziemlich schwarz – nicht nur für das Linux-Segment, sondern für den gesamten IT-Buchmarkt. Und es ist ja unstrittig, dass IT-Bücher und -Zeitschriften bei Weitem nicht mehr die Bedeutung haben und den Umsatz erwirtschaften wie vor zehn, 15 Jahren. Um das zu erkennen, muss man sich nur die in irgendwelchen Ecken versteckten IT-Buch-Regale großer Buchhandlungen ansehen. Warum das so ist, ist leicht zu verstehen: Gerade IT-Wissen ist im Internet in hoher Qualität kostenlos verfügbar.

Mittlerweile bin ich mit meinen Büchern im Rheinwerk-Verlag (vormals Galileo Verlag) wieder recht erfolgreich und insofern positiver gestimmt. Trotz nahezu grenzenlosem Online-Wissen sind Grundlagen- und Einführungs-Bücher nach wie vor gefragt – und interessanterweise gerade in gedruckter Form. Das liegt sicher daran, dass ein Buch komplexe Zusammenhänge besser vermitteln kann als unzählige, inhaltlich noch so gute Internet- und Wikipedia-Seiten.

Problematischer ist die Situation für Bücher zu Detailthemen, ganz egal ob zur Linux-Server-Administration oder zur Programmierung: Der Aufwand, ein derartiges Buch zu verfassen und zu verlegen, ist heute so groß wie vor zehn oder 20 Jahren. Es ist aber viel schwieriger, Auflagen zu erzielen, von denen Autoren und Verlage leben können. Gleiches gilt sicher auch für IT- und Linux-Zeitschriften. Vielleicht könnten E-Books hier einen für Autoren und Leser gleichermaßen attraktiven Ausweg darstellen. Restlos überzeugt bin ich davon aber nicht.

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