Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 11/2015

Eingedellt

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Tatwaffe bei dem Fall häuslicher Gewalt, von dem hier die Rede sein wird, war eine Hi-Point Compact 9 Millimeter. Das in den eignen Hinterhof verschleppte Opfer zeigte dem Vernehmen nach schon nach dem ersten Schuss keine Vitalfunktionen mehr. Trotzdem feuerte der im selben Haushalt lebende 37-jährige Lucas Hinch weitere sieben Mal; dann war sein Magazin leer. Polizeipsychologen nennen eine solche Gewaltorgie "Übertöten", sie ist typisch für Beziehungstaten, wo der Hass sogar den Vernichtungswillen übersteigt.

Obwohl die rohe Tat schon etwas zurückliegt (April) und in einem anderen Kulturkreis begangen wurde (Colorado Springs, USA) eignet sie sich bestens zur Illustration einer über lange Zeit sich zerrüttende Täter-Opfer-Beziehung. Und das Opfer? Nicht mal zehn Jahre dauert sein Leben, Rechnen und gelegentlich etwas Musik waren seine Leidenschaften. Sein Name: Dell XPS 410. Lucas Hinchs PC war zu Lebzeiten nie der schnellste, mit der Windows XP Media Center Edition neigte er zu Abstürzen. Reicht das für einen Meuchelmord?

Kehren wir zurück nach Mitteleuropa, wo Computer zu den USA vergleichbar weit verbreitet sind, Handfeuerwaffen jedoch nicht. Wie können im alten Europa ein Mann oder eine Frau ihrem Frust Luft machen, die beispielsweise zu ihrem Betriebssystem ein veritables Zerwürfnis aufgebaut haben? Um es wieder konkret menscheln zu lassen: Was können Leute wie Sabine Pfeiler und Otto Seidl tun, die ihre Linux-Notebooks aus tiefster Seele verachten, weil die Klappcomputer nach eigener Einschätzung umständlich benutzbar und inkompatibel sind? Kränkend empfinden sie das bleierne Gefühl der Ohnmacht: Auf den fremd administrierten Geräten fehlen ihnen nämlich die Benutzerrechte, Programme wie Skype oder eine zweite Officesuite selbst nachzuinstallieren.

Normale Angestellte würden trotzig in die innere Kündigung gehen, wo doch das Betriebssystem sowieso "einen normalen Gebrauch verhindert". Wer mehr Arsch in der Lederhose hat, würde sein Gerät vielleicht bei nächster Gelegenheit auf dem Gleisbett einer Vorortbahn zum Versicherungsfall machen. Nun sind Pfeiler und Seidl zum Glück keine normalen Angestellten, sondern Stadträte in München. Wer jetzt denkt, dass ein Politiker einfach seinen Personenschützer anweisen würde, in Lucas-Hinch-Manier dem störrischen Notebook durch acht finale Rettungsschüsse die Inkompatibilitäten auszutreiben, unterschätzt die Macht der Legislative christsozial-bayerischer Prägung.

Die Beiden schrieben nämlich einen geharnischten "Antrag" an den "Herrn Oberbürgermeister Dieter Reiter, Rathaus", dessen Reichweite und Durchschlagskraft jede Hi-Point 9 Millimeter weit übertrifft. Die mitregierenden Volksvertreter schießen sich in den Schreiben ohne Umschweife ordentlich auf Limux ein, die rund um die Welt bekannte Linux-Variante der Bayernmetropole, und fordern: "Der Stadtrat möge beschließen die aktuellen Notebooks und Tablets nachzurüsten und aus den oben genannten Gründen Windows-Lizenzen samt Officepaketen für die Notebooks anzuschaffen und die Stadträte auch mit den nötigen Benutzerrechten auszustatten."

Lucas Hinchs Hinterhof-Ballerei, für die er übrigens wegen "Unlawful Discharge" vor Gericht kommt, erscheint im Vergleich zu den in München umherfliegenden Dumm-Dumm-Geschossen wie ein sehr zivilisierter und angemessener Selbstverteidigungsakt. Die Antwort von OB Dieter Reiter stand zum Redaktionsschluss noch aus.

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