Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 10/2015
© Markus Feilner, CC-BY-SA 4.0

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O'Reillys Oscon 2015 in Portland, Oregon

Rüttelfest

Anderswo mögen sich Linux-Konferenzen kaum mehr tragen oder gar ganz ausfallen – O'Reilly's Open Source Conference jedenfalls mangelt es weder an zahlenden Gästen noch an Sponsoren. Gleichwohl: Bei manchem Besucher blieb 2015 die ultimative eruptive Begeisterung aus.

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Malerisch am mächtigen Columbia River Canyon liegen sie ja, die Vulkane in Oregon. Nur: Manches Idyll zerbirst von einem Moment zum anderen und ein Vulkankegel mit 10 Kilometern Durchmesser tut sich auf. So geschehen 1980 beim Mount St. Helens, der beim Explodieren mal eben einen Kubikkilometer Gestein pulverisierte. Der pazifische Feuerring eben. Ende Juli prognostizierte ein Experte mit dem schönen Namen Murphy, dass nach dem große Beben, auf das alle warten, "sowieso alles westlich der Interstate 5 Toast" sei [1].

Die Interstate 5 verläuft mitten durch Portland, nahe vorbei am örtlichen Konferenzzentrum (Abbildung 1). Dort fand vom 20. bis 24. Juli die Open Source Convention 2015 statt. Doch weder die tektonische Gefahr noch die erschütternden Ticketpreise ab 1200 Dollar hielten knapp 5000 Menschen vom Besuch ab. Kein Wunder: Die O'Reilly-Veranstaltung genießt einen guten Ruf und findet seit 1999 statt [2]. Aus einer Perl-Konferenz entstanden und seit 2003 (mit einer Unterbrechung) in Portland beheimatet, fiel hier beispielsweise 2010 das Küken Open Stack aus dem Nest.

Einer flog aus dem Summit-Nest

Doch obwohl es weder an Besuchern noch an zahlungskräftigen Sponsoren (Red Hat, Google, zahlreiche Hoster und Provider sowie Hardwarehersteller) mangelte, stellte sich 2015 nach Meinung vieler Besucher nicht das gewohnte Feeling ein. Ein Grund mag das Übermaß an Vorträgen sein: Täglich bekam der Besucher beim Betreten des Conference Center einen eng und bunt bedruckten DIN-A-3-Bogen mit allen Vorträgen, den vielen Sponsored Sessions und Abendveranstaltungen in die Hand gedrückt.

Den Anfang machte traditionell der Community Leader Summit, den Ex-Ubuntu-Community-Manager Jono Bacon ins Leben gerufen hatte. Hier treffen sich mehrere Hundert Community Leader, um sich über den (besseren) Umgang miteinander zu informieren. Nicht wichtig, aber am unterhaltsamsten und mit einem veritablen Shitstorm auf Twitter verbunden geriet der Platzverweis für einen Hauptakteur der in den USA seit Monaten tobenden (anti-)feministisch unterfütterten #Gamergate-Affäre.

Für die Oscon selbst hatte der Computerbuchverlag O'Reilly den ersten der fünf Konferenztage für Trainings reserviert, wobei die eigenen Autoren überproportional vertreten waren – und zwar nicht als Referenten, sondern auch als Publikum. Erst am zweiten Tag füllten sich die Hallen. Anziehungskraft entfalteten nicht nur die große Google-Show, sondern auch die vielen Workshops und Präsentationen rund um Community-, Networking-, Marketing- und Diversity-Themen. Der technische Anspruch bleibt meist niedrig, dafür gibt es – wie auf amerikanischen Konferenzen üblich – jede Menge Swag, also Aufkleber, Pins und Werbegeschenke für die Besucher .

Gut aufgetankt: Cloud Native Foundation

Der als Open Cloud Day angekündigte Dienstag hätte präziser "Google Day" heißen sollen, stand er doch ganz im Zeichen von Containern und Kubernetes [3]. Das Docker- und Containermanagement-System, einst von Google zur eigenen Verwendung entwickelt, hat der Suchmaschinenriese als Version 1.0 freigegeben und die Oscon dafür als Plattform benutzt. Sichtlich stolz präsentierte die Linux Foundation in Portland ihre Cloud Native Computing Foundation [4], in die Google den Kubernetes-Sourcecode einfüllt [5].

Neben Code werden die Mitglieder – neben Google auch Intel, Twitter und andere Big Player – die Cloud Native Computing Foundation vom Start weg auch mit Geld ausstatten. Analysten gehen von 4 bis 5 Millionen Dollar aus. Was passiert damit? Auf Nachfrage des Linux-Magazins teilt die Linux Foundation nur schmallippig mit, das Geld fließe im Wesentlichen ins Qualitätsmanagement, Testing, Training und Marketing, ein detaillierter Plan stehe noch aus.

Auch Googles Craig McLuckie (Abbildung 2) weicht aus, fragt man ihn, warum Microsoft und Amazon als übliche Verdächtige denn nicht dabei seien. Der einstige Kubernetes-Begründer sagt: "Wir finden das schade, aber kommentieren das nicht. Wir hoffen, dass diese Firmen ihre Meinung ändern. Unsere Tür steht immer offen."

Am Mittwoch und Donnerstag standen zumeist Sponsoren auf der Bühne der Keynotes, beispielsweise HP, IBM und Paypal. Auch erfolgten einige Produktankündigungen, die die Besucher zudem im überschaubaren Messebereich (Abbildung 3) bestaunen durften. Hitachi präsentierte seine Unified Cloud Platform auf Kubernetes, IBM fächerte eine ganze Palette auf: von der Plattform Developer Works Open bis zu Health-Care-Produkten. Überhaupt dominierte das Kommerzielle – selbst Tim O'Reillys Q&A-Session war gesponsert, was dessen Unterhaltungswert dank seines natürlich-jovialen Auftretens nicht zu schmälern vermochte. Ein Tim O'Reillys bestreitet locker als Stand-up allein jede Diskussion, wenn dem Saalpublikum keine Fragen einfallen.

© © Markus Feilner, CC-BY-SA 4.0Abbildung 2: Craig McLuckie hatte Kubernetes initiiert und spricht für Google über die Cloud Native Computing Foundation.
© © Markus Feilner, CC-BY-SA 4.0Abbildung 3: Die Expo-Halle war nur zu bestimmten Zeiten fürs Publikum geöffnet.

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