Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 10/2015

Turm statt Bibliothek

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"Dann macht euch euern Dregg alleene!" soll der sächsische König Friedrich August III. anlässlich seiner Abdankung im November 1918 ausgerufen haben. Die Umstände in Sachsen und Deutschland waren für Monarchen nicht günstig. In den Städten hatten sich Arbeiter- und Soldatenräte formiert. Die revolutionären Unruhen blutig niederzuwerfen, hatte Friedrich August zuvor untersagt.

Vom volkstümlichen König geblieben sind neben sieben Kindern und zwei nach ihm benannten Türmen in Sachsen genau dieser finale Ruf "Macht euren Dreck allein". Zwar historisch nicht verbürgt, haben ihn seither sicherlich hunderttausende Enttäuschte ihren bisherigen Kollegen, Vereinsmitgliedern, Wander- oder Parteiortsgruppen, Familien oder Open-Source-Projekten (laut) zugerufen. Die Motive mögen zwar individuell sein, allen Hinwerfern gemein ist, dass für sie die Situation jetzt unerträglich geworden ist. Mit dem "Ihr werdet schon sehen, wie schwer das ohne mich wird!" fällt der Vorhang zum letzten Akt der Verzweiflung.

Ungleich seltener geschieht, dass einer im Moment der größten Zustimmung seinen Posten zur Verfügung stellt. Gerade hat der Merge-Verwalter des Projekts Ffmpeg, Michael Niedermayer, seinen Rücktritt angekündigt. Seit elf Jahren steht er der Open-Source-Multimedia-Bibliothek vor. Nur wenige Tage zuvor erreichte das Projekt die gute Nachricht, dass Debian sich von der konkurrierenden Libav abwendet und zu FFmpeg wechseln wird.

Den Debian-Maintainern hat offensichtlich gefallen, dass Upstream-Entwickler von Ffmpeg die Codezweige länger pflegen als die Libav-Entwickler ihre. Überhaupt scheint die Ffmpeg-Community die aktivere zu sein sowohl beim Implementieren neuer Features als auch beim Schließen von Sicherheitslücken. Die Libav-Leute dagegen hatten es teilweise über Jahre nicht gebacken bekommen, bekannte Codeschwächen zu beseitigen.

Für das ganze Ffmpeg-Team ist die Debian-Entscheidung eine Anerkennung ihrer Arbeit. Im besonderen Maße muss sich Ffmpeg-Chef Niedermayer bestätigt fühlen. Denn Libav ist ein feindlicher Fork von Ffmpeg, der vor vier Jahren beim Weggang sehr wichtiger Ffmpeg-Mitglieder entstand. Vorausgegangen war eine Meuterei von 18 Entwicklern gegen den überraschten Projektchef, die diesen im Handstreich absetzten und sieben neue Projektverwalter ernannten. Die 18 warfen Niedermayer Sturheit und einen Hang zu persönlichen Angriffen vor. Doch ihr Putsch scheiterte, Niedermayer blieb, und die Meuterer segelten davon und gründeten Libav.

Die Debian-Entscheidung jetzt kontra Libav und pro Ffmpeg lässt sich leicht als späte Genugtuung für Niedermayer und die damals Dagebliebenen interpretieren. Dass der Bibliotheksleiter nun seine Demission ankündigt, scheint im ersten Moment widersinnig. Der aber hofft, damit die Libav-Entwickler zur Rückkehr in das Ffmpeg-Projekt zu bewegen. Er weiß, dass dies nicht passieren wird, solange er den Chefposten innehat. Entweder eine Spur zu demütig oder etwas kokett schreibt er: Obwohl er elf Jahre lang Projektleiter gewesen sei, sei ihm klar geworden, dass er für eine solche Position nicht geeignet sei.

Ganz unabhängig davon, ob Niedermayer ein Stinkstiefel ist, wie die Libav-Leute meinen, oder nicht: Hier zeigt einer Größe und Gespür für den richtigen Moment. Da ist jemandem die Sache, Ffmpeg, wichtiger als die eigene Macht. Darum klingt es nur im ersten Moment nach "Macht euren Dreck allein", wenn er die Entwicklercommunity auffordert, einen neuen Leiter zu wählen, der dann wieder die "Arbeit macht, die niemand machen, und die Verantwortung übernimmt, die niemand übernehmen will". Wenn in Sachsen mal wieder ein Turm einzuweihen ist – bitte nennt ihn nicht nach Friedrich August III., sondern "Michael Niedermayer I."

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