Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 09/2015

Glühendes Eisen

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Der englische Begriff "Branding", der Aufbau einer Handelsmarke, leitet sich vom Brandzeichen ab, das Züchter seit hunderten Jahren ihren Nutztieren mit glühenden Eisen verpasst haben, einige tun das noch immer. In den wenigsten Fällen geht es dabei darum, die einzelnen Tiere in frei laufenden Herden von der Nachbarherde unterscheidbar zu machen. Das Zeichen ist vielmehr ein Ausweis für die Züchtung und soll Käufern eine Qualitätsklasse signalisieren.

Abseits des Geruchs von verbranntem Fleisch spielen Marken im "Vermarkten" von Produkten und Dienstleistungen eine zentrale Rolle. Da nimmt es nicht Wunder, dass der Umgang und der Schutz von Marken sich in allen Rechtssystemen wiederfindet und Geschwadern von Anwälten eine sichere Einkommensquelle bietet. Markenrechte sind wie Patente und Urheberrechte immaterielle Monopolrechte, gern auch als "geistiges Eigentum" bezeichnet. "Linux" ist natürlich auch eine gut eingeführte und wertvolle Marke, "Suse", "Debian", "Fedora" desgleichen. Canonical hat viel für den Aufbau der "Ubuntu"-Marke getan (und ausgegeben). Von daher kann jeder verstehen, dass die Shuttleworth-Firma ihr Händchen schützend über die Marke hält.

Wie durch ein Posting des streitbaren Linux- und Core-OS-Entwickler Matthew Garrett erst jetzt bekannt wurde, hatte Canonical seine Ubuntu-Nutzungsbedingungen jahrelang so formuliert, dass ihre Markenrichtlinie diverse offene Softwarelizenzen aushebelte, darunter die GPL und die X11-Lizenz. Von Userbeschwerden aufgeschreckt, verhandelten das FSF Licensing and Compliance Lab und die Software Freedom Conservancy seit 2013 anfänglich unabhängig voneinander und später gemeinsam mit Canonical über Abhilfe. Dieser Tage kamen die drei Parteien nun überein, dass Canonical die besonders strittigen Passagen Freie-Lizenz-konform(er) gestaltet. Ubuntu-Markenrecht soll jetzt nicht mehr das Lizenzrecht Dritter brechen. Warum die Gespräche nicht früher ruchbar wurden – unklar.

Matthew Garrett, der Mitglied des Linux Foundation Technical Advisory Board und des Free Software Foundation Board of Directors ist, bleibt auch nach der Übereinkunft unzufrieden. Er ist sich sicher, dass Anwender, die Ubuntu-basierte Docker-Container oder virtuelle Maschinen bauen und dabei verändern – und sei es nur durch Deinstallation eines Pakets – und diese weiterverteilen wollen, sich entweder eine Genehmigung oder Zertifizierung von Canonical holen müssen oder aber alle Verweise auf den Namen "Ubuntu" aus den Quellen der Distribution tilgen müssten – was sehr, sehr schwer, wenn nicht unmöglich, ist. Kann dies mit den freiheitlichen Prinzipien von Linux und offener Software vereinbar sein?!

Bei allem Verständnis für die Schutzbedürftigkeit der eigenen Marke, liebe Canonicals: Zum Markenkern aller Linux-Distributionen sollte gehören, dass sie die vielfältigen Lizenzrechte der integrierten Pakete achten – nach den Buchstaben der juristischen Texte genauso wie nach deren Intention. Und die meisten freien Lizenzen sehen nunmal die Rechte auf Modifikation und die diskriminierungsfreie Weitergabe vor.

Im Mittelalter und bis ins 19. Jahrhundert war es übrigens eine weit verbreitete juristische Praxis, Verbrechern ein Brandmal mit glühenden Eisen als Leibesstrafe zu verpassen. Neben den damit verbundenen Schmerzen war die lebenslange öffentliche Stigmatisierung ein wichtiger Teil der Strafe. Darum: Nicht zu viel Gewalt anwenden beim Branding!

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