Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 08/2015

Voll vernetzt

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Internet der Dinge, IoT, ist der Megatrend: Toaster mit IPv6-Adresse, oder die Lichtfarbe zu Hause in Buxtehude justieren, während man selbst in Usbekistan an der Bar eines Mittelklasse-Hotels hockt – der Stromversorger erfährt natürlich auch davon. Alles Nonsens für Technikfreaks? Von wegen: Auf einer Privatjacht im schönen Monte Carlo am Vorabend des Großen Preises von Monaco hatte gerade die erste vernetzte Champagnerflasche ihren ersten Auftritt. Hersteller des Behältnisses ist Maison Mumm. Die Pressemitteilung verspricht: "Die vernetzte Magnum ist eine Innovation für noch mehr Feierspaß."

Kein Wunder, denn in dem Moment, indem der Korken von der vernetzten Flasche springt, "stellt ein Sensor eine Verbindung zu einem Empfänger im Audio- und Videosystem des Austragsungsortes her und lässt ein interaktives Ton- und Bilderlebnis aus, das von jedem Luxus-Nachtclub, der dieses Angebot nutzt, persönlich angepasst werden kann." Solch gediegene Transparenz der oberen Zehntausend wünscht sich der schnöde Biertrinker schon lange. Da aber die Innovationen der Formel 1 ein paar Jahre später auch die Kompaktklasse erreichen, sind für normalverdienende Smart-Homiker Hopfen und Malz nicht verloren.

Den neuesten Transparenztrend stößt, ja: richtig gelesen, der Bauernverband von Mecklenburg-Vorpommern an. In Sachen Urbanität etwas peripher positioniert, betritt er mit Gummistiefeln mediales Neuland, indem er aus einem Saustall Livebilder via Satellit ins Internet überträgt. "Schweine-TV" heißt das Format ungewollt vieldeutig. Welche fette Sau am Ende die Big Brother Show gewinnt, kann niemand wissen. Der bauernschlaue Verband aber darf sich als Erfinder eines hippen Drei-Buchstaben-Trends fühlen: IoA, Internet of Animals.

Technisch und rechtlich ungleich schwerer tut sich der Trend Internet of People (IoP), auch bekannt als anlasslose Vorratsdatenspeicherung. Vor Jahren vor zwei obersten Gerichten krachend gescheitert, unternimmt die deutsche Große Koalition einen neuen Versuch, sie gegen den Widerstand von Bürgerrechtlern, Datenschützern und der Internetwirtschaft wieder in Kraft zu setzen (siehe Artikel ab Seite 78). IoP loggt die Aktivitäten aller Bürger der Informationsgesellschaft 24x7. Das hilft zwar nachweislich nicht gegen Terroristen, die anfallenden Daten lassen sich aber sicher nutzbringend auf andere Weise verwerten.

IoT, IoA, IoP: Ob es urologisch oder gesellschaftlich vorteilhaft ist, wenn beim Öffnen einer jeden Bierflasche deren Kronkorken einen Raspberry Pi dazu veranlasst, die zum Gerstensaft passende Pinkellichtfarbe im Klo anzumischen, muss sich genauso erst erweisen, wie für ein Bauern-TV-überwachtes Ferkel, das statt einer Fernsehkarriere lieber draußen die Sau rauslassen würde. Und ob der voll vorratsdatengespeicherte Bürger die versprochene Freiheit vor Verbrechern als so genussvoll erleben wird?

Ob überwachten Toaster, ob TV-Schwein wider Willen oder ob der rund um die Uhr abgenuckelte Bürger: Strukturell interessanter als die Überwachten in der schönen IoX-Welt sind die Überwacher: Eventsüchtige Alkoholkonsumenten, Männer, die auf Schweine starren, und Polizisten, die in Suchmasken bevorzugt »alle« eintippen.

Bleibt am Ende die Frage, ob sich das Stalking stoppen lässt. Schwierig, denn: Mumm muss man haben. Schwein muss man haben. Internet und Telefon muss man haben. Biertrinker könnten ihrem Hobby in einem faradayschen Käfig frönen, der Korkensensoren ihren Plopp-Botschafter-Status entzieht. Die recht intelligenten Schweine werden wohl die Stall-Webcam durch geschickt geworfene Exkremente blind machen. Dem dauerverpetzten IoP-Bürger bleibt allein die Flucht in die Wahlkabine – solange die keiner zum Internet of Vote (IoV) umrüstet.

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