Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 07/2015

Tage wie diese

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"Open Stack Tag" der Zeitschrift IX (15. April), "Dritter Open Stack DACH Tag 2015" (11. Juni), "Deutsche Open Stack Tage" (23. bis 24. Juni) … Tage wie diese sind Indikatoren für den Hype, den die freie Cloudlösung inzwischen entfacht hat. Open Stack, so scheint es, ist in aller Munde. Wirft man jedoch einmal einen Blick auf die Referentenliste einer solchen Konferenz, dann wird klar: Das darf man nicht wörtlich nehmen. Denn es sind zu 80, wenn nicht 90 Prozent Dienstleister und Hersteller, die Open Stack im Munde führen. Kaum Anwender. Lösungsverkäufer inszenieren das große Ballyhoo, Kunden scheinen sie selten in den Ring zu locken. Ist die Lage etwa wie beim Elektroauto: Die Technik wäre prinzipiell da, nur will sie keiner?

Die Anwender sind tatsächlich alles andere als Legion. Einer Studie von Crisp Research und HP aus dem vorigen Jahr zufolge, benutzen magere zwei Prozent der Cloudanwender Open Stack produktiv. Ein paar Hoster und Serviceprovider, eine Handvoll IT-Großkonzerne wie die Telekom oder Paypal können sich genug der teuren Spezialisten leisten, die der Betrieb einer Open-Stack-Installation heute erfordert. Für den durchschnittlichen Mittelständler ist das Produkt bei Weitem zu unausgereift, zu komplex, zu wenig berechenbar (siehe auch Artikel auf "Auf dem Gipfel"). Auch Experten raufen sich oft die Haare. Selbst die Nasa, die Open Stack 2009 zusammen mit dem Hoster Rackspace aus der Taufe hob, entschied sich am Ende lieber für den Konkurrenten Amazon. Und die zweite Anwendergeneration, die auf die Pioniere folgt und sich Dienstleistern anvertraut, ist noch nicht am Start. Nebula, gegründet von einem Ex-Nasa-CTO und ein Open-Stack-Kontributor der ersten Stunde, hat das mit seiner Existenz bezahlt. Seine gut 38 Millionen Dollar Venturekapital beim Start reichten nicht, um das Warten auf den Durchbruch zu überbrücken.

Woher dann aber die Lobgesänge der Open-Stack-Promoter dieser Welt: Red Hat oder Canonical oder HP oder Rackspace? Woher die Flut der Open-Stack-Tage? Die sollen sich mittelfristig gut verzinsen. Im Moment sieht es noch eher mau aus: 451 Research schätzt, dass der weltweite jährliche Umsatz aller Beteiligten mit Open Stack in diesem Jahr eine Milliarde Dollar übersteigt. Alleine Amazon macht mit AWS mehr als das Anderthalbfache – im Quartal. Doch heute geht es um strategische Marktpositionen. Sollte sich die Open-Stack-Entwicklung einmal effizient koordinieren lassen, sollten Installation und Konfiguration einmal leichter von der Hand gehen, sollten einmal alle Kinderkrankheiten überwunden sein und sich die Wünsche erfüllen, die viele heute auf Open Stack projizieren, sollte sich Open Stack dann auch problemlos mit einem Produkt wie Amazons AWS zu einer hybriden Cloud integrieren lassen, sollten die Anwender das honorieren und Providern Lohn und Brot geben, die Hosting, Support und SLAs anbieten, sollte es dann mehr Referenzprojekte und Personal mit dem nötigen Know-how geben – das alles könnte in den nächsten drei bis fünf Jahren passieren –, dann will man schon die Hand auf dem Startknopf der Gelddruckmaschine haben.

Einstweilen eignet sich ein Open-Stack-Tag allemal gut zum Anfüttern potenzieller Kunden.

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