Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 05/2015

Freche Früchtchen

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Das althochdeutsche Wort für Brombeerstrauch lautet Brama, was man heute am englischen Bramble noch erkennen kann. Bramble heißt auch ein Projekt des britischen Geheimdienstes GCHQ (Government Communications Headquarters), das Raspberry Pis zu einer Art Performancecluster verbindet.

Jeweils acht Raspis schalten die Schlapphüte zu einem Block zusammen und nennen ihn Octa Pi. Jeder Minicomputer trägt ein kleines Display zur Statusanzeige und bekommt seinen Strom übers Ethernetkabel. Weiterhin koppelt Bramble mehrere Octa Pis, sodass ein Cluster beispielsweise aus acht mal acht Raspberry Pis besteht. Die zugehörige Software verteilt die Rechenaufgaben auf alle Pis und fußt auf Node.js, Bootstrap und Angular. Ursprünglich hatte das GCHQ das Clusterwerkzeug zur Ausbildung der eigenen Software-Ingenieure entwickelt. Nun stellte der Dienst es auf der Messe Big Bang Fair der Öffentlichkeit vor, damit Bramble die Informatiklehre auch an normalen Schulen unterstützen soll.

Das ist doch mal ein Geheimdienst mit Gemeinsinn, der Bildung und Linux an Schulen bringt. Schon seine Vorgängerorganisation, die Government Code and Cypher School, hatte sich um den Frieden in Europa verdient gemacht, als das Mathe-Genie Alan Turing die Enigma-Verschlüsselung der deutschen Aggressoren brach und so das Kriegsende beschleunigte.

GCHQs Weste könnte weißer kaum sein, wenn nicht Edward Snowden mit seinen erbeuteten Dokumenten an die Öffentlichkeit gegangen wäre. Danach hatte das GCHQ beim G20-Treffen 2009 in London systematisch die Handyverbindungen und E-Mails ausländischer Politiker ausspioniert, das Material an britische Politiker weitergegeben und geplant, dies auch für spätere G20- und G8-Treffen zu tun. Zudem haben die Kommunikationsspezialisten dem Vernehmen nach rund 200 Glasfaserkabel weltweit angezapft (Codename: Tempora), darunter das TAT-14, über das ein großer Teil des Internet zwischen Deutschland und den USA routet. Auch was über die Unterwasserkabel im Nahen Osten läuft, geht wohl komplett parallel im Hauptquartier des GCHQ ein und von dort aus zu den Buddies von der NSA.

Laut den Snowden-Dokumenten haben sich GCHQ und NSA zusammen Zugang zu den Netzen der Deutschen Telekom, Netcologne, Stellar, Cetel und der IABG verschafft, deren Struktur analysiert und Passwörter gecrackt. Dass die Schlapphüte über Jahre hinweg wahllos Millionen von Videochats bei Yahoo mitschnitten, massenhaft private Schlüssel für SIM-Karten stahlen und sich Tools zulegten, die den Ausgang von Online-Abstimmungen manipulieren oder falsche Postings in sozialen Netzwerken automatisch veröffentlichen, um Personen oder Unternehmen öffentlich zu diskreditieren, kann jetzt nur noch hartgesottene Brit-Philanthropen überraschen.

Ganz offensichtlich fehlt es am politischen Willen in der EU, dem GCHQ das schmutzige Handwerk zu legen. Denn anders als die NSA unterliegen die britische Regierung und das GCHQ europäischen Gesetzen und sind Teil einer Wertegemeinschaft, die Politiker in Sonntagsreden gerne preisen.

Womöglich handelt die Linux-Community als Wertegemeinschaft bei Bramble ja moralischer als die Volksvertreter? Ich hätte zumindest eine Idee, wohin sich das GCHQ die Früchte seines Brombeerstrauchs stecken kann.

Jan Kleinert, Chefredakteur

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