Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 05/2015
© kawing921, 123RF

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Semiprofessionelle Video-Editoren

Leinwandhelden

Gute digitale Camcorder sind längst erschwinglich und selbst normale Digitalkameras liefern heutzutage Videos in HD-Auflösung. Schnitt- und Videobearbeitungs-Programme sind daher gefragt wie nie. Die Bitparade stellt drei Vertreter für den Linux-Desktop vor.

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Um aus einer gut gefüllten Speicherkarte einen sehenswerten Film zu machen, braucht es keine großen Budgets. Wer ein Schnittprogramm besitzt und beherrscht, hat schon die halbe Miete. Auch für den Linux-Desktop gibt es nicht lineare Video-Editoren (siehe Kasten "Nicht lineares Arbeitsprinzip"). Drei Programme stellen in dieser Bitparade ihre Leinwandtauglichkeit unter Beweis: zunächst das kommerzielle Programm Lightworks [1], danach folgen die beiden Open-Source-Vertreter Cinelerra [2] und Kdenlive [3]. Die Kandidaten sollten zeigen, welche Formate sie im- und exportieren, wie gut sie schneiden, welche optischen Effekte sie kennen, ob Bild-im-Bild-Einblendungen und Bluescreen-Maskierungen (siehe Kasten "Bluescreen-Verfahren") möglich sind. Die Tabelle 1 fasst die Ergebnisse zusammen.

Tabelle 1

Features im Überblick

 

Lightworks

Cinelerra

Kdenlive

Getestete Version

12.0.2

4.6

0.9.10

Lizenz

proprietär

GPLv2

GPLv2

Preis

Free: kostenlos; Pro: 20 bis 340  US-Dollar

kostenlos

kostenlos

Importformate

DVCAM/DVCPRO 25, DVCPRO 50 und HD, unkomprimiert SD/HD 8 und 10 Bit, Mpeg 2/4, IMX 30, 40 und 50, AVCHD (M2T, M2TS, Mpeg 4, H.264), Avid DNxHD, AVC-Intra 50 und 100, XDCAM Ex/HD, Apple Pro Res, RED R3D, DPX 8, 10 und 16 Bit, Bildfolgen (u.  a. BMP, DPX, Jpeg, PNG und Tiff), Broadcast Wave Format

Quicktime, Bildfolgen (Open EXR, Raw), Avi, Mpeg 2/4, DVD-Video, Ogg Theora/Vorbis

Mini DV, HDV, AVCHD (Mpeg 4, H.264), Flash, Matroska, andere Ffmpeg-/Libav-kompatible

Exportformate

Free: H.264/Mpeg 4 bis 1280  x  720 Pixel; ab Pro: H.264/Mpeg 4 bis 1920  x  1080 Pixel, DVCAM/DVCPRO 25, DVCPRO 50 und HD, unkomprimiert SD/HD 8 und 10 Bit, Mpeg 2/4, AVCHD (M2T, M2TS, H.264, Mpeg), AVC-Intra 50, 100 und 200, XDCAM (Ex, HD, HD 50 422), Bildfolgen, Bluray, DVD (MTS, M2TS und MPG), Broadcast Wave Format, Quicktime

Quicktime, Bildfolgen (Open EXR, Raw), Avi, Mpeg 2/4, DVD-Video, Ogg Theora/Vorbis

Mpeg 2, hochaufgelöstes MP4 und H.264, Vob-Dateien für das DVD-Mastern, Ffmpeg-/Libav-kompatible

Lernkurve

lange Einarbeitungszeit

lange Einarbeitungszeit

relativ einsteigertauglich

Schnitt

+++

++

+

Bild im Bild

+++

++

++

Effekte

relativ wenige, aber exzellente Qualität

viele in sehr guter Qualität

sehr viele in teilweise guter Qualität

Kommandozeile/Scheduling

-

Batch-Rendering, Kommandozeile, Renderfarm-Unterstützung

Scheduling und Bash-Skripte für MTL-Backend

Stabilität

+++

++

-

Bluescreen-Verfahren

Diese Technik verwenden Film- und Fernsehmacher, um Gegenstände oder Personen nachträglich vor einen Hintergrund zu setzen. Häufig handelt es sich um einen blauen Hintergrund, da diese Nuance selten beim menschlichen Körper vorkommt. Analog dazu kann auch eine grüne Schlüsselfarbe zum Einsatz kommen (Greenscreen-Technik), welche die Hauttöne weniger verfremdet. Bei der modernen digitalen Bearbeitung ist jede beliebige Nuance zum Definieren der Schablonen möglich; daher spricht man auch vom Chroma-Key-Verfahren.

Nicht lineares Arbeitsprinzip

Bei dieser Vorgehensweise schreibt ein Programm zunächst lediglich die Namen und Parameter der geplanten Operationen mit. Das geht blitzschnell und erzeugt kaum Systemlast. Erst das finale Exportieren stößt das eigentliche Bearbeiten an. Eine Vorschau berechnet die Videoschnitt-Software während des Abspielens in Echtzeit, was natürlich je nach Anzahl der Effekte nur beim Verkleinern oder einem schnellen Rechner ruckelfrei funktioniert.

Im Gegensatz dazu führen lineare Schnittprogramme wie etwa Avidemux [6] alle Schritte sofort aus. Dazwischen liegt also jeweils ein Rechenzyklus, der abhängig von der Datenmenge, der Ausstattung und Performance des Computers mehr oder weniger Zeit verschlingt. Das Bearbeiten größerer Videodateien ist mit einer solchen Software nicht besonders effizient, die Anwender sollten jede Menge Wartezeit einplanen.

Die Tester arbeiteten unter Arch Linux (64 Bit). Sie verfütterten neben eigenen Aufnahmen den Science-Fiction-Kurzfilm "Tears of Steel" an die Programme. Dieser entstand im Rahmen des Mango-Projekts [4] mit der 3-D-Grafiksoftware Blender. Außerdem arbeiteten sie mit "The Visual Effects of Betty Boom" [5]. Beide Filme stehen unter der freien Lizenz Creative Commons Attribution 3.0.

Lightworks

Der erste Kandidat spielt den Old Star: Lightworks [1] ist seit 1989 im Markt und stammt aus dem Hause Edit Share. Das kommerzielle Programm, das unter einer proprietären Lizenz steht, ist zwar kostenlos erhältlich, setzt allerdings eine Zwangsaktivierung per Internet voraus. Die ist alle sieben Tage zu erneuern, was aber unbegrenzt möglich ist.

2011 kündigte der Hersteller eine Open-Source-Release seiner Software an; die Veröffentlichung ist aber bis heute nicht erfolgt [7]. Die Variante Free gibt es für Windows, OS  X und Linux auf der Homepage. Die Tester schauten sich Version 12.0.2 vom Dezember 2014 an.

Dem gegenüber steht die Bezahlvariante Lightworks Pro. Für einen Monat zahlen Anwender rund 20  US-Dollar, für ein Jahr zirka 135  US-Dollar. Eine Lizenz, die nicht ausläuft, schlägt mit rund 340  US-Dollar zu Buche und enthält kostenlose Upgrades für kleinere Versionssprünge. Wer auf eine neue Lightworks-Release aktualisieren möchte, zahlt extra. Die monatliche Lizenz gilt für einen Arbeitsplatz, die beiden anderen Varianten erlauben zwei Aktivierungen. Weitere sind über den Shop erhältlich.

Die kostenlose Lightworks-Ausgabe enthält alle Bearbeitungsfunktionen der Pro-Version, nur für den Export steht lediglich H.264-komprimiertes Mpeg 4 in einer Auflösung bis zu 1280 mal 720 Pixel zur Verfügung – was für den Upload zu Videoplattformen aber völlig genügt.

Mit Lightworks erhalten Benutzer ein Programm, das sich schon in vielen Blockbuster-Produktionen bewährt hat. Die Software startet im Vollbildmodus, doch die Oberfläche mit ihren vom Windowmanager unabhängigen Unterfenstern ist zunächst gewöhnungsbedürftig. Hilfreich ist, dass Anwender die Anordnung ihrer Lightworks-Fenster in beliebigen Kombinationen speichern können. Überraschend für ein Profi-Schnittprogramm ist die eingeschränkte Multi-Screen-Tauglichkeit. Nur die Videovorschau im Vollbildmodus nutzt einen vorhandenen zweiten Monitor.

Zahlreiche Videos, Onlinetrainings und ein Demoprojekt sind über die Abteilung »Tutorials« der Lightworks-Webseite erhältlich. Insgesamt warten hier etliche Stunden Lernmaterial. Die meisten Filme fahren ein gemächliches Tempo und richten sich an absolute Einsteiger. Wer bereits Vorkenntnisse hat, findet hier wenig Neues. Anleitungen für Fortgeschrittene, die beispielsweise auf die Effekte näher eingehen, wären wünschenswert.

Sollte Lightworks abstürzen, geht maximal die letzte Operation verloren, denn das Programm schreibt alle Änderungen sofort auf Platte. Da bei einer nicht linear arbeitenden Software mit Undo/Redo-Funktion der »Speichern« -Button tatsächlich seinen Sinn verliert, ist das eine gute Lösung, und Anwender müssen sich nicht um das regelmäßige Sichern kümmern.

Einschneidend

Ein eigenes Playerfenster bildet einen Schneidetisch nach. Anwender spielen den Film im oberen Teilfenster bis zum Anfang des Bereichs ab, den sie ausschneiden möchten. Mit den Pfeiltasten regeln sie die Position Frame-genau. Die Knöpfe mit den Rauten markieren entweder Start- oder Endpunkt; als zweite Markierung gilt der parkende Wiedergabecursor. Die Auswahl landet im Bereich »Edit« (Abbildung 1) als virtueller Clip ohne Gegenstück auf der Festplatte. Ein »Edit« nimmt beliebig viele Schnipsel und Effekte auf, sodass die Software auf eine gesonderte Trackansicht für die endgültige Montage verzichten kann.

Abbildung 1: In Edit (Teilfenster mit dem roten Rand) landen die ausgewählten Bereiche.

Das Unterfenster »Edit« zeigt in einer Spuransicht die Audio-Waveform an. So können Benutzer Schnitte bequem mit Sprache oder Geräuschen synchronisieren. Weitere »Inserts« aus einem Player fügt Lightworks an der Cursorposition ein. Wenn es im »Edit« -Fenster eine Bereichsmarkierung gibt, dann überschreibt »Replace« diese mit der aktuellen Playerauswahl. Darüber hinaus bietet das Programm Buttons zum händischen Löschen von Markierungen.

Lightworks kann jedes »Edit« exportieren. So benötigt die Software keine zentrale Montage-Zeitleiste wie etwa Cinelerra und Kdenlive. An ihre Stelle tritt einfach ein weiteres »Edit« . Jedes von diesen nimmt beliebig viele Ausschnitte aus anderen Edits oder direkt aus Rohvideos auf. Das Konzept erlaubt somit, Projekte in beliebig viele Hierarchie-Ebenen zu gliedern.

Ein Klick in die Nähe einer Schnittfuge erweitert das »Edit« -Fenster zur Doppelbildansicht. Es zeigt die Frames vor und nach dem Schnitt an. Der Abspielbutton oder die Pfeiltasten verschieben entweder die Schnittkanten des rechten oder des linken Clips respektive beide – je nachdem, ob der Nutzer rechts oder links neben die Fuge oder darauf geklickt hat. Dieses direkte Gegenüberstellen der Szenen-Enden erleichtert das passgenaue Aneinanderfügen verschiedener Takes sehr. Keiner der anderen Testkandidaten bietet Vergleichbares. Hinzu kommt die intuitive Markierungsfunktion für Video-Ausschnitte. Diese Features alleine verhelfen Lightworks zu einer Topnote in der Kategorie Schnitt.

Harte Schnitte, insbesondere zwischen Szenen mit unterschiedlicher Beleuchtung, wirken oft unangenehm. Lightworks korrigiert diese mit fünf Übergangseffekten, die ein Kontextmenü nach einem Rechtsklick auf eine Fuge offeriert: Überblenden (»Dissolve« ), Nachglühen (»Luma Wipe« ) und drei Schiebetür-Effekte. Cinelerra und Kdenlive bieten hier mehr Übergänge an; von denen hat es jedoch bisher kaum einer ins Fernsehen oder Kino geschafft.

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