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Linux-Magazin 03/2015

Im Wald, da sind sie Räuber

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Von 1663 bis 1806 tagte im Regensburger Rathaus der Immerwährende Reichstag. Wenn eine Sitzung 143 Jahre dauert, müssen die Teilnehmer nicht nur mal zum Pinkeln raus, sondern müssen sich auch mit ihren Auftraggebern über die weitere Strategie abstimmen. Denn im Reichssaal des Rathauses saßen nicht nur Vertreter der Stände im Heiligen Römischen Reich. Auch der Kaiser, dessen Macht der Longterm-Reichstag etwas beschnitt, ließ sich durch seine Prinzipalkommissare vertreten.

Um entscheidungsfähig zu sein, tauschten die Reichsgesandten mit ihren Chefs laufend Briefe aus – Merkelphones waren damals nicht gängig. Man schickte einfach einen Reiter zum Empfänger. Am 20. März 1703 beispielsweise setzte der kaiserliche Prinzipalkommissar Kardinal Johann Philipp von Lamberg einen Kurier nach Wien in Marsch. Der traf allerdings auf seinem Weg durch Bayern auf Gefolgschaft des bayerischen Kurfürsten, die ihn nach einigem Hin und Her mitsamt den Briefen zurückschickte.

Für alle, die für den Leistungskurs Mathe statt Geschichte eingeschrieben waren: Bayern hatte sich in der spanischen Erbfolgefrage auf die Seite Frankreichs gestellt und 1702 mit einem Eroberungsfeldzug im Reich begonnen. 1703 griffen im Gegenzug kaiserliche und Reichstruppen Bayern an.

Prinzipalkommissar Lamberg schickte nach dem Bouncing seiner Mails gleich am 22. März erneut einen Kurier los, den Carabinerreiter Matthias Schindelauer, und stattete ihn mit einem kaiserlichen und einem bayrischen Pass aus. Doch schon am nächsten morgen, kurz hinter Vilshofen, lauerten ihm vier mit Flinten Bewaffnete auf, drohten ihn trotz seiner Pässe zu erschießen. Dann raubten sie sein Pferd, seine Kleider und schnitten ihm seine Stiefel auf, "umb zu sehen, ob keine Brieff in selbigen enthalten seint". Dann nahmen sie ihm die Briefe des Kardinals ab. Auf seinem Rückweg zu Fuß erfuhr der arme Matthias Schindelauer vom Postknecht in Plattling, dass die angeblichen Räuber schon fünf Tage auf ihn gewartet hätten.

Klar, die ganze Sache ist juristisch verjährt, und in Regensburg treffen sich heute nur noch die Touristen. Die Vorgänge zeigen aber, dass das Manipulieren und Überwachen von Kommunikation durch jene, die sowohl die Macht und als auch die Gelegenheit dazu haben, eine lange Tradition hat. Eine gesellschaftliche Dimension kommt durch den Umstand hinzu, dass Kommunikation neben der Übermittlung von Botschaften parallel die Beziehung zwischen Sender und Empfänger formt.

Ein angehender Politikwissenschaftler könnte in seiner Masterarbeit mal untersuchen, warum es 2015 wieder mehrheitlich Bayern sind, die ihre derben Finger nach dem freien Austausch von Nachrichten ausstrecken. Nach jeder verabscheuungswürdigen Gewalttat schallt der Ruf nach Wiedereinführung der anlasslosen Vorratsdatenspeicherung – ganz so, als könnte diese die Attentäter aufhalten. Die Begründung, man könne damit zumindest nach einer Tat Komplizen fassen, greift auch zu kurz: Anhand von Verbindungsdaten lässt sich nur sagen, dass zwei Leute kommuniziert haben, nicht aber, ob der Inhalt kriminell war.

Der Kardinal von Lamberg konnte sich wegen der Schikanen beim bayrischen Reichtagsgesandten nur beschweren – trotz aller kaiserlichen Macht auf dem Papier. Ähnlich verloren steht heute der von Überwachung bedrohte Souverän, das Volk, da. Beschwert euch wenigstens!

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