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Linux-Magazin 02/2015
© Karel Miragaya, 123RF

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Austrittswelle: Zerfällt das Debian-Projekt?

Verlorene Liebe

Reisende soll man nicht aufhalten, doch aus dem Hause Debian verabschieden sich gerade auffällig viele Entwickler. Zehn Fragen und Antworten, die Aufschluss geben über den Status des Debian-Projekts in Zeiten des Streits um Systemd.

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Noch vor ein paar Wochen hob das Linux-Magazin Debian als Beispiel für die effiziente Verwaltung einer Community heraus http://1. Debians Release-Manager Andreas Barth betonte damals beispielsweise, dass das Release-Management in den letzten Jahren sehr effizient geworden sei. Auch andere Bereiche von Debian blühen und gedeihen; der Debian-"Flavor" Skole Linux (alias Debian Edu) hat in vielen Schulen mittlerweile einen festen Platz gefunden.

Da passt so gar nicht ins Bild, was in den letzten Wochen über Debian zu lesen war: Austritt hier und Austritt dort. Tatsächlich haben sich einige Entwickler ganz aus Debian verabschiedet. Oder zumindest angekündigt, sich wieder mehr technischer Arbeit und weniger der Projekt-Governance zuzuwenden. Für ihre bisherige Arbeit stehen sie damit jedenfalls nicht mehr zur Verfügung. Was verursacht den öffentlichkeitswirksamen Exodus bei Debian? Stellen die Austritte möglicherweise sogar eine existenzielle Gefahr für das Projekt dar? Das Linux-Magazin beantwortet im Folgenden die wichtigen Fragen rund um die Diskussionen bei Debian.

Was ist der Grund für den Streit?

Die aktuellen Rücktritte sind der vorläufigen Höhepunkt in einem Streit, der seit mehreren Jahren schwelt. Dreh- und Angelpunkt ist Systemd, das in der OSS-Szene bekanntlich nicht nur bei Debian für heftige Kontroversen sorgt. Bei der Diskussion rund um Systemd treffen zwei grundsätzliche Philosophien aufeinander: Auf der einen Seite die typische "Unix-Attitüde", die fest davon ausgeht, dass es für jeden Job ein eigenes Tool geben sollte. Die punktuelle Spezialisierung einzelner Werkzeuge ist in den Augen der Verfechter dieser Theorie die große Stärke im Vergleich mit den All-in-one-Lösungen: Ein absolut spezifisches, kleines Tool wird eine Aufgabe besser erledigen können als eine eierlegende Wollmilchsau, die alles ein bisschen kann, aber nichts davon wirklich zufriedenstellend.

Die Systemd-Verfechter stehen dazu in krassem Widerspruch. Sie stellen die These auf, dass Systemd sich um alle Aspekte des Systems gut kümmern kann und gerade durch die Kombination mehrerer Faktoren Zusatzfunktionen bietet, die ohne Systemd nicht zu haben wären. Laut Meinung jener Gruppe ist es absolut wünschenswert, so viele Aufgaben wie möglich an Systemd zu geben, weil Systemd so die "Draufsicht" bekommt und dem Anwender das bestmögliche Nutzungserlebnis verschaffen kann.

Ein neues Initsystem?

Debian hat die Diskussion um ein neues Initsystem viele Jahre vor sich hergeschoben; darüber ist das praktizierte Sys-V-Init allerdings so in die Jahre gekommen, dass Debian-Nutzer gegenüber anderen Distributoren deutlich benachteiligt sind. Sowohl Systemd als auch eventuelle Alternativen, also zum Beispiel Upstart, bieten einen deutlich umfangreicheren Schatz an Funktion.

Der Umstieg auf ein anderes Initsystem war außerdem auch in den Jahren zuvor bereits Thema bei der Release-Planung gewesen, rückte gegenüber anderen Themen aber immer wieder ins Hintertreffen, weil das alte System wenigstens noch die grundlegende Funktionalität bietet. Mittlerweile ist der Feature-Abstand von Sys-V-Init zu anderen Initsystemen aber so groß, dass die Entscheidung sich nicht mehr länger verschieben lässt.

Wer die Positionen der Befürworter und Gegner von Systemd genauer betrachtet, bemerkt schnell, dass sie weitestgehend unversöhnlich sind. Ein Kompromiss ist nicht möglich, denn "ein bisschen Systemd" geht nicht. Eine Seite wird also am Ende ihren Willen definitiv nicht kriegen – zumindest nicht direkt in dem, was aktuell als Debian-Projekt bekannt ist. Weil Debian weiß, dass bisweilen technische Entscheidungen eben dieses Ausmaßes notwendig sind, gibt es innerhalb des Projekts allerdings eine eigene Instanz, die genau solche Fragen klärt: das Technical Committee, abgekürzt CTTE.

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