Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 01/2015
© Markus Feilner BY-CC-SA 4.0

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Großer und kleiner IT-Gipfel 2014

Gipfelstürmer

Ein offener IT-Gipfel als Gegenpart zum Buzzword-Treffen nebenan, dazu ein Open-Source-Tag, die Verleihung der OSBA-Awards, die alljährliche Mitgliederversammlung und bissige Bemerkungen zur gescheiterten Fusion von OSBA und OSBF – das ist der Jahresabschluss der Open Source Business Alliance.

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Das vierte Gesetz der Thermodynamik, so behaupteten Spötter am 21. Oktober vor den Toren der Handelskammer in Hamburg, besage: Je mehr heiße Luft ein System enthält, umso mehr Security brauche es eben vor der Tür. Umfangreich bewacht war das Gebäude zumindest beim IT-Gipfel der Bundesregierung [1]. Industrie 4.0, Breitbandausbau, Netzneutralität, Schengen-Routing, De-Mail, natürlich die Cloud – die Buzzwörter fliegen, wenn sich die Granden der IT-Industrie und die von Kanzlerin Merkel höchstselbst beauftragten Internet-Minister Dobrindt, Gabriel und de Maizière ein Stelldichein geben (Abbildung 1).

© © Markus Feilner BY-CC-SA 4.0Abbildung 1: Abserviert: Vizekanzler Sigmar Gabriel, Bitkom-Chef Kempf und der Pressesprecher des Wirtschaftsministers sind schon wieder weg.

Sich mit Ministern, Kanzlerin und Vizekanzler fotografieren zu lassen, gilt ja schon länger unter IT-Konzern-Mitarbeitern als schick. Vor der waffenstarrend bewachten Türe protestieren derweil Anwälte und fordern mehr Gegenwehr und Mut gegen die fortwährenden NSA-Skandale (Abbildung 2, [2]).

© © Markus Feilner BY-CC-SA 4.0Abbildung 2: "Freiheit statt Feigheit": Nicht immer benutzen Anwälte derart deutliche Worte.

Die deutsche Politik, sogar die Kanzlerin hat mittlerweile erkannt, dass dieses "Neuland" nicht mehr einfach so weggeht. Angela Merkel nutzt das von der Regierung selbst inszenierte Medienbohai auf dem Gipfel und verspricht eine halbe Milliarde, damit Deutschland international aufholt [3].

Offener Gipfel

Weil dabei Themen rund um Open Source, freie Software und Linux nicht genug Beachtung fanden, diese aber nach Meinung vieler Experten unverzichtbare Grundlage von Sicherheit, Privatsphäre und Unabhängigkeit sind, veranstaltete der Open-Source-Verband OSBA kurzerhand zusammen mit den Hamburger Grünen eine Gegenveranstaltung, den Offenen IT-Gipfel [4]. Gleich nebenan, im historischen Kaisersaal des Hamburger Rathauses trafen sich über 200 interessierte und motivierte Politiker, Open-Source-Evangelisten, -Unternehmer, -Entwickler und -Anwender, um Potenziale, Probleme und Notwendigkeiten zu diskutieren, die in der deutschen Politik auch im Jahr 2014 bisher nur ansatzweise angekommen sind, und Konzepte zu erarbeiten.

Offiziell eingeladen hatte die Fraktion der Grünen aus der Hamburger Bürgerschaft um ihren Sprecher für Netzpolitik Farid Müller, die neben grundsätzlichen Themen auch die Frage "Limux in Hamburg?" auf die Agenda gesetzt hatte. Neben den beiden Ex-Bundesministerinnen Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (Abbildung 3) und Renate Künast, Vorsitzende des Ausschusses für Justiz und Verbraucherschutz im Bundestag, die sich energisch für Open Source einsetzten, zeigten auch Open-Xchange-CEO Rafael Laguna, ("Trusted Cloud"), Aleksander Paravac, Lehrstuhl für Astronomie an der Universität Würzburg ("Heartbleed"), und Jan Girlich vom Chaos Computer Club ("Data Security") eindringlich, warum Open Source eine technische Voraussetzung für jede IT-Sicherheit ist, nicht nur eine lizenztechnische Option.

© © Markus Feilner BY-CC-SA 4.0Abbildung 3: Leutheusser-Schnarrenberger: "Open Source und Selbstbestimmung gehören zusammen."

Nach der Pause stand der Gipfel ganz im Zeichen des Themas Linux-Migration in deutschen Großstädten: Hamburgs Grüne stellten die Frage, ob ein Ausstieg aus Microsofts Umarmung auch für die zweitgrößte deutsche Stadt (Hamburg) möglich sei, wo doch die drittgrößte (München) das bereits erfolgreich bewerkstelligt habe. Jutta Kreys, IT-Architektin, stellte dazu das Limux-Projekt (siehe Artikel in diesem Heft) im Überblick dar, Thorsten Behrens von der Document Foundation TDF erläuterte die Bedeutung von Stiftungen im Open-Source-Bereich. Auf den beiden Podiumsdiskussionen zeigte sich dann das rege Interesse aus dem Publikum – bei Weitem nicht alle Fragen konnten die prominent besetzten Panels beantworten.

Open-Source-Tag

Am folgenden Tag fand in den Hamburger Räumen von IBM der Open-Source-Tag 2014 der OSBA statt, wo zunächst Anwender wie die Deutsche Bahn und die DENIC ihre Erfahrungen mit freier Software schilderten. Vor allem der Vortrag von Holger Koch (DB Systel) hielt grundlegende Tipps und Tricks aus langen Jahren Open-Source-Einsatz bereit: Nachhaltigkeit, Freiheit, Qualität, Kosten und die Zusammenarbeit – das und in genau dieser Reihenfolge seien Koch zufolge die Hauptargumente, warum OSS sich lohne.

Drei wesentliche Lehren habe man bei der Deutschen Bahn gezogen: Statt selbst Anpassungen vorzunehmen, solle man sich lieber selbst am OSS-Projekt beteiligen, das sei immer nachhaltiger. Die 80/20-Regel des Pareto-Prinzips [5] gelte es, genauso zwingend zu achten wie die Empfehlungen der Entwickler bezüglich Installation und Nutzung.

Den restlichen Tag füllten die Tätigkeitsberichte der verschiedenen Arbeitsgruppen, die für Vereine vorgeschriebenen Wirtschaftsberichte und Abstimmungen, aber auch die erstmals durchgeführten OSBA-Award-Preisverleihung (OSBAR). Den OSBA-Award in Bronze erhielt Web ODF, Silber ging an Voice over LTE und den OSBAR in Gold verlieh OSBA-Vorstand Peter Ganten an Emanuel Schütze von Open Slides, einem freien, Web-basierten Präsentations- und Versammlungssystem (Abbildung 4).

© © Markus Feilner BY-CC-SA 4.0Abbildung 4: OSBA-Vorstand Ganten übergibt den OSBAR in Gold an Emanuel Schütze von Open Slides.

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