Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 01/2015

Nerv der Zeit

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Entwicklertools zu verkaufen, war einst ein einträgliches Geschäft. Die Älteren erinnern sich an eine Zeit, als Borland vor Kraft kaum laufen konnte. Und Borland war noch der Billigheimer unter den Compilerfirmen, wo man für ein paar hundert D-Mark ein Handbüchlein und ein, zwei Disketten mit auf den Weg bekam. Es gab auch Anbieter, bei denen die Einzelplatzlizenz so viel kostete wie eine Erste-Klasse-Zahnsanierung einer achtköpfigen primär Haribo-ernährten Sozialhilfe-Familie. Genauso schamlos griffen die Anbieter von Programmierbibliotheken zu – damals war der Ausdruck "Framework" noch nicht gängig.

Größere Firmen zahlten die geforderten Beträge – Achtung Wortwitz: – zähneknirschend und reichten die Kosten an ihre Kunden weiter. Hinterhofklitschen und Privatleute hantierten mit raubkopierten Disketten, um nicht gänzlich auf dem Zahnfleisch zu gehen. Der Markt und mehr noch Open Source haben dem Treiben und meist auch den Anbietern ein Ende gesetzt.

Kommerzielle Entwicklungstools und Frameworks gedeihen noch in Nischen oder dienen dem Verkauf anderer Produkte, wie bei den Intel-Compilern. Einzig Microsoft als Universalanbieter lässt sich den Zahn als Tool-Lieferant fürs eigene große Software-Ökosystem nicht ziehen. Wer jetzt die alten Vorurteile aus der Schublade zieht und meint, die Redmonder haben schon immer einen auf dicke Backe gemacht, sollte genauer hinschauen. Schon seit Jahren bauen die Amerikaner Brücken zu Communitys und verpflanzen bisher geheim gehaltene Quellen zuerst zu Codeplex, das ist Microsofts Softwareverwaltung, und dann auf freie Portale wie Github. Die Bedingungen für das hauseigene MVP Program (Most Valuable Professional) sind seit Anfang 2014 so gestaltet, dass auch Communitys zum Zuge kommen.

Jetzt stellt Microsoft Dotnet Core, den Kern seiner Entwicklungsplattform, unter die freie MIT-Lizenz und auf das Portal Github. Das Github-Repository soll zugleich das Implantat sein, an dem Microsoft künftig Dotnet-Framework 5 festmacht. ASP-Net Core und Net Native verwenden es bereits. Zugleich übergibt die Firma Dotnet Core an die Dotnet Foundation. Dort ist auch Xamarin engagiert, das die Mono-Macher rund um Miguel de Icaza und Nat Friedman gegründet haben. Die Mono-Entwicklung könnte durch die Gesamtkonstellation einen ordentlichen Zahn zulegen.

Warum nun das Ganze? Laut dem zuständigen Program Manager, Immo Landwerth, wolle Microsoft einerseits ein plattformübergreifendes Dotnet schaffen und andererseits so ein stärkeres Ökosystem rund um Dotnet aufbauen. Der erste Grund erscheint nicht plausibel, der zweite umso mehr: Die letzten beiden Jahrzehnte haben – offenbar jetzt auch Microsoft – gezeigt, dass Open Source nicht zuvörderst eine ökonomische Implosion in einen Endzeitkommunismus im Sinne hat, wo Langeweile die einzige Antriebskraft für führungslose Programmierer wäre, deren fehlerbehafteter Code an jeder Marktforderung vorbeiführte.

Open Source ist viel mehr ein modernes und praxiserprobtes Modell, um in flachen Hierarchien zukunftsfähigen Code zu schreiben und Kunden auf allen Feldern Alternativen zu bieten. Das, so die Anamnese in Hinblick auf den Patienten Microsoft, hat die Firma offenbar zum guten Teil verstanden – gerade, weil es einer auf langfristige Substanzerhaltung bedachten ökonomischen Logik folgt. Wer die Augen aufsperrt und das Schicksal von Borland & Co. sieht, die heute bestenfalls noch als zahnlose Tiger durch die Wartezimmer der IT-Welt trotten, weiß: Mit Lizenzen für Entwicklertools ist kein Profit mehr machbar. Der Schmerz darüber ist verflogen.

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