Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 01/2015
© Andriy Kravchenko, 123RF

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E-Book-Editoren

Ticket to write

Immer mehr Autoren veröffentlichen ihre Werke unabhängig von Verlagen. Auf Self-Publishing-Plattformen kann jeder kostenfrei oder für wenig Geld die eigenen Texte in E-Book-Formate konvertieren und verkaufen. Vier Programme erstellen und bearbeiten elektronische Bücher auf dem Linux-Desktop.

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Wer E-Books unabhängig von Verlagen und Self-Publishing-Plattformen anbieten möchte, muss seine Werke zunächst ins richtige Format bringen, damit andere sie auf Readern oder mit entsprechender Software auf PCs, Tablets und Smartphones lesen können. Neben Textverarbeitungs-Plugins und Kommandozeilentools gibt es auch GUI-Anwendungen für den Linux-Desktop, die E-Books erzeugen, zum Beispiel Calligra Author [1], Jutoh [2], Scrivener [3] und Sigil [4].

Als Testumgebung diente ein Rechner mit Ubuntu 14.10 (64 Bit). Texte und Bilder für das eigene E-Book stammen aus der digitalen Bibliothek von Project Gutenberg [5]. Die Tester schauten sich an, welche Dateitypen die Programme im- und exportieren. Außerdem prüften sie, wie komfortabel das Interface und der enthaltene Editor sind, welche Bildformate die Software unterstützt, ob sie eine Quelltextansicht mit Syntax Highlighting bietet, Zugriff auf die Metadaten gestattet und Funktionen zum Erzeugen von Inhaltsverzeichnissen enthält oder dies gar automatisiert. Die fertigen E-Books speicherten die Tester im Epub- und Mobipocket-Format und luden sie zur Kontrolle auf einen Kindle Paperwhite und einen Tolino Shine.

Calligra Author

Der erste Testkandidat [1] gehört zur Calligra-Suite, die 2010 die Nachfolge von Koffice angetreten hat. Das freie Officepaket enthält unter anderem die Textverarbeitung Words, die Tabellenkalkulation Sheets, das Präsentationsprogramm Stage, das Flussdiagramm-Programm Flow, das Vektorgrafik-Programm Karbon, das Mal- und Bildbearbeitungsprogramm Krita sowie die Projektverwaltung Plan. Alle Komponenten sind kostenlos und stehen unter der GPLv2.

Die Tester schauten sich Version 2.8.6 vom 24. September 2014 an, sie steht dank der »calligra-l10n« -Pakete in rund 30 Sprachen zur Verfügung. Calligra Author öffnet Open-Document-, MS-Word-, RTF-, Applix-Words- und Wordperfect-Dateien. Importmöglichkeiten für HTML oder Epub fehlen. Seitenumbrüche und Absatzformatierungen aus einem Libre-Office-Writer-Dokument erkannte das Tool zwar beim Einlesen, wusste mit ihnen aber nichts anzufangen. Eine Funktion zum manuellen Unterteilen der Dokumente fehlt ebenfalls. Die KDE-Anwendung speichert im Open-Document- und Textformat, erzeugt HTML-, Epub- sowie Mobipocket-Dateien.

Eine Quelltextansicht auf die Dokumente fehlt, Benutzer arbeiten grundsätzlich im Wysiwyg-Modus. Das Interface ist schlank und funktional. Über »Einstellungen | Andockbare Dialoge« gelangen Werkzeugsammlungen in den rechten Fensterbereich. In der Voreinstellung befinden sich dort Icons zum Platzieren von Text- und Bilddateien sowie Funktionen zum Formatieren.

Um eine Grafik ins Dokument einzufügen, klicken Anwender rechts im Dialog »Objekt hinzufügen« auf das Symbol mit dem Bild, ziehen dann mit der Maus einen Rahmen im Dokument links auf und wählen eine Datei im folgenden Dialog aus. Calligra Author unterstützt alle gängigen Bildformate. Text fließt grundsätzlich um die Grafik herum; ein Rechtsklick öffnet einen Dialog, um die Objekteigenschaften an eigene Vorstellungen anzupassen (siehe Abbildung 1).

Abbildung 1: Calligra Author arbeitet genau wie die Textverarbeitung Words rahmenbasiert. Den Textfluss um eine eingefügte Grafik bestimmen Nutzer in den Objekteigenschaften.

Ein echter Metadateneditor ist nicht dabei, es ist daher nicht möglich, den Titel oder die Sprache festzulegen. Den Autor können Benutzer über das Menü »Einstellungen« und ein vorher angelegtes »Autorprofil« hinzufügen. Komplette Fehlanzeige herrscht beim Coverbild und beim Erzeugen eines Inhaltsverzeichnisses. Auch wenn Überschriften korrekt formatiert sind, gibt es keine Möglichkeit, aus diesen ein Register zu erstellen.

Nach dem Speichern der Epub-Datei unterteilte der E-Book-Reader das Buch aber selbstständig und zeigte ein Cover mit dem als »Title« formatierten Titel sowie mehrere Kapitel, die die Tester mit »Heading 1« ausgezeichnet hatten. Bei der von Calligra Author erzeugten Mobipocket-Datei klappte das hingegen nicht.

Sparflämmchen

Enttäuschung machte sich bei den Testern erneut beim Arbeiten mit der Suchen-und-Ersetzen-Funktion breit. Zwar blendet die Suchzeile am unteren Rand die Anzahl der gefundenen Treffer ein, die Navigation über »Weiter« und »Zurück« klappte jedoch nicht immer, Calligra Author sprang nur nach dem Zufallsprinzip zu den Begriffen.

Etwas besser schlug sich die Rechtschreibprüfung, die Aspell-Wörterbücher nutzt. Über »Einstellungen | Rechtschreibprüfung | Rechtschreibprüfung einrichten« legen Benutzer die Standardsprache fest und entscheiden, ob das Programm automatisch kontrolliert. In diesem Dialog erzeugen sie auch eine Liste mit Wörtern, die der Spellchecker ignoriert.

Validierungs- und Codecleaner-Funktionen fehlen. Die Tester kontrollierten das mit Calligra Author erzeugte E-Book daher im Epub-Validator des International Digital Publishing Forum [6], der zwei Warnungen über leere Elemente, aber keine echten Fehler anzeigte. Die mit dem KDE-Programm gespeicherte Mobipocket-Datei öffneten sie in Calibre [7]. Die fehlenden Metadaten verursachten keine allzu großen Probleme, doch waren Bilder und Überschriften etwas willkürlich formatiert, und in Calligra Author erstellte Kommentare tauchten mitten im E-Book auf (Abbildung 2).

Abbildung 2: Die mit Calligra Author erzeugte Mobipocket-Datei zeigt ein ziemliches Durcheinander und die Kommentare des Autors an.

Ein abschließender Test auf den beiden Readern Kindle Paperwhite und Tolino Shine bestätigte den eher bescheidenen Eindruck: Vom KDE-Programm erzeugte E-Books sind Kraut und Rüben, es gibt noch viel für die Entwickler zu tun.

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