Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 12/2014
© Markus Feilner

© Markus Feilner

Linuxcon Europe 2014

Lederhosen am Rhein

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Wer Linux-Prominenz sehen will, muss zur Linuxcon. Der europäische Ableger der alljährlichen Konferenz, die die Linux Foundation veranstaltet, kehrte Anfang Oktober in Düsseldorf ein. Im Rheinland störte sich dann offensichtlich auch niemand am Logo mit den Lederhosen.

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Linus Torvalds, Dirk Hohndel, Greg Kroah-Hartmann, Lennart Poettering, Jono Bacon, Bdale Garbee, … – die Liste der Teilnehmer der "Linuxcon Europe" 2014 liest sich wie ein Who's who der Kernel-, Linux- und Freie-Software-Entwickler. In der Tat treffen sich wohl nur selten so viele prominente Ansprechpartner rund um Open Source unter einem Dach wie auf der Hausmesse der Linux Foundation.

Die langt zwar selbst bei dem kleinen Ableger in Europa im Oktober 2014 mit 900 Euro Teilnahmegebühr ordentlich hin, lockte aber trotzdem immerhin 1400 Teilnehmer ins Düsseldorfer Messezentrum (Abbildung 1, [1]). Dort fanden parallel gleich drei Events statt: Linuxcon, Cloud Open und die Embedded Linux Conference (ELC).

Abbildung 1: Über 1400 Teilnehmer drängelten sich bei Keynotes und Panels auf der Linuxcon Europe 2014.

Auch den OSS-Firmen ist die Bedeutung bewusst: Red Hat, Suse, Google, Intel, HP, IBM und natürlich die Linux Foundation bestreiten Vorträge, Rahmenprogramm und sponsern das Event, wobei die Vorträge bewusst von Einsteiger- bis zu Profi-Themen reichen. Während sich die Vortragstracks vor allem auf die Technik und deren Weiterentwicklung konzentrieren, liegt der Fokus der Keynotes ganz klar im visionären und strategischen Bereich.

Ex-Ubuntu-Community-Manager Jono Bacon sprach über die Probleme "exponentiell wachsender Communities" (Abbildung 2), Jim Zemlin, Executive Director der Linux Foundation, kündigte in seiner Eröffnungsrede das neue kollaborative Linux-Projekt Dronecode an [2].

Abbildung 2: Jono Bacon gibt bei seiner Keynote über exponentiell wachsende Communities wichtige Tipps.

Dronecode

Damit wollen mehrere Unternehmen an einer gemeinsamen Codebasis für eine Embedded-Variante von Linux arbeiten, die sich besonders für den Einsatz in Drohnen eignet. Zu den Gründungsmitgliedern zählen unter anderem die Unternehmen Hobby King, Horizon, Precison Hawk und Walkera. Aus der Linux- und Open-Source-Welt stoßen Qualcomm, Intel und Baido zu dem eigens gegründeten OSS-Projekt, das im Rahmen einer gemeinnützigen Organisation unter dem Dach der Linux Foundation betrieben werden soll.

Schon vor der Präsentation auf der Konferenz arbeiteten mehr als 1200 Entwickler an Dronecode und bringen im Schnitt mehr als sechs Commits pro Stunde ein. Zemlin betonte in seiner Keynote besonders den zivilen Nutzen: Die mit Dronecode betriebenen Fluggeräte sollen in den Bereichen Umweltforschung, humanitäre Hilfe, Industrie (wie Landwirtschaft oder Warenlieferung), der Erhaltung von bedrohten Tierarten und bei Rettungseinsätzen zum Einsatz kommen.

Im selben Vortrag ging Jim Zemlin auf die aktuell bekannt gewordenen Sicherheitsprobleme in den weitverbreiteten Projekten Open SSH, Open SSL und der Bash ein. Diese seien direkt für den Endanwender spürbar und vor allem auf fehlende Ressourcen bei den einzelnen Projekten zurückzuführen, so Zemlin. Deshalb habe die Linux Foundation die Core Infrastructure Initiative (CII) vor mehreren Monaten ins Leben gerufen, um für Linux kritische Kernkomponenten besser zu unterstützen.

Immer mehr Unternehmen treten derzeit dieser Initiative bei. Stolz stellte Zemlin die neuesten Mitglieder auf der Messe vor: Zu ihnen gehören Amazon, Cisco, Google, HP, IBM, Intel, Microsoft, Qualcomm, Huawai, VMware, Adobe und Salesforce. Sie wollen ausgewählte Open-Source-Projekte unterstützen.

Trotz der fast unüberschaubaren Anzahl und Vielfalt der Vorträge, Workshops und Tracks gilt ein Termin jedes Jahr bei den Linuxcon-Besuchern als fest gebucht: Wenn ein öffentlichkeitsscheuer Finne und ein deutscher Fragensteller es sich auf einer Couch bequem machen, um gerade mal 20 Minuten lang Fragen rund um Linux zu stellen und zu beantworten, platzt der Saal Nummer 01 aus allen Nähten.

Dirk Hohndel, der bei Intel als Linux-Evangelist arbeitet, fragte den eher scheuen Torvalds (Abbildung 3) im Zwiegespräch nach privat-organisatorischen Sachen, sprach aber ebenso strategisch-visionäre Themen an. "Sind die vielen Reisen denn kein Problem für dich oder deine Arbeit?", lautete eine Frage, die der Finne mit einer Urlaubsanekdote beantwortete, als er nur mit offener Tür Wifi-Empfang gehabt habe. Der Internetzugang sei das wichtige, alles andere lasse sich lösen.

© © Markus FeilnerAbbildung 3: Zweimal Linus Torvalds: Unten auf der Couch mit Dirk Hohndel, oben im Gespräch auf dem Flur mit Linux-Fans und Entwicklern in einer Pause zwischen den Vorträgen.

Schade findet Torvalds nur, dass sein Laptop weniger Leistung habe als seine Server zu Hause, was viele Sachen langsamer mache. Aber es habe noch keine Beschwerden gegeben, und er rate allen Committern, die gefühlt zu lange auf Antwort ihrer Maintainer warten, sich lauthals zu beschweren.

Was denn die wichtigsten Herausforderungen seien bei einem Softwareprojekt, das 50 000 Patches pro Jahr managen müsse, lautete eine der nächsten Fragen. Torvalds zögert nicht lange mit der Antwort: "Testing. Vor allem das automatisierte Testen ist da nur bedingt hilfreich, wichtig sind menschliche Tester." Die Community leiste da gute Arbeit, aber man brauche immer noch mehr Tester, vor allem angesichts der unglaublich verrückten Anzahl an Hardware, die Linux mittlerweile unterstütze.

Ob es denn eine Entscheidung gebe aus den letzten 20 Jahren, die er rückgängig machen würde, wenn er könnte? Nein, denn kein einzelner Beschluss sei so wichtig gewesen, meint Torvalds. Gleichwohl waren einige Fehler dabei, die nur schmerzhaft zu reparieren waren.

Torvalds: "Probiert das Zeug aus!"

Hohndel fragt auch nach dem Tonfall auf der Kernel-Mailingliste, ob es denn nötig sei, Entwickler als "offensichtlich von zu viel Crack verwirrte Affen" ("Monkeys on Crack") zu titulieren. Wie zu erwarten steht Torvalds zu der allgemeinen Wortwahl: "Subtil-höflich funktioniert im Internet nicht, das kannst du vergessen. Und irgendwann gewöhnen sich die Leute daran, und fangen an, das zu mögen, das ist wie beim Stockholm-Syndrom." Gleichwohl müsse man vorsichtig sein, denn Verletzungen wiegen oft schwer.

Welche Vorhersagen für die Zukunft von Linux kann er geben, fragt Hohndel den Finnen. Der antwortet schlagfertig: "Ich glaube, nächste Woche kommt der erste Release Candidat des nächsten Kernels." Zu mehr will er sich nicht hinreißen lassen. Doch er hat Wünsche an die Community: "Helft uns Testen, geht ins Git, probiert das Zeug aus! Wir sind auf dem richtigen Weg!"

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