Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 11/2014

Ende der Fahnenstange

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Die Seiten des magischen Dreiecks beim Betrieb einer jeden IT könnte man mit "Komplexität der Aufgabe", "Funktionssicherheit" und "Innovation" beschriften. Bei allen drei Kriterien 100 Prozent zeitgleich zu erreichen, kann auf Erden nicht gelingen – gute oder schlechte Kompromisse hingegen schon. Der Tablet-PC auf dem Wohnzimmertisch zum Beispiel hat wenig komplexe Aufgaben zu lösen und braucht nur mäßig funktionssicher zu sein. Darum fällt es leicht, ein modernes Gerät mit innovativer Hard- und Software anzuschaffen.

Von General Electric betriebene Kernkraftwerke hingegen arbeiten heute noch mit PDP-11-Rechnern – einer Technologie, die DEC 1970 vorgestellt hat. Laut Kraftwerksbetreiber soll das bis etwa 2050 so bleiben. Hier kocht das Feuer der Innovation zu Gunsten von Funktionssicherheit und Komplexität offenbar auf niedrigsten Flamme.

Zudem darf man gewöhnlich auf die Kompetenz des Personals vertrauen – jedenfalls stehen kaum PDP-11s auf den Couchtischen, und iPads, die per Wischgeste Brennstäbe in Reaktoren rauf- und runterfahren, wurden auch noch nicht gesichtet. Diese heile Welt des gelebten IT-Kompromisses ist jüngst das Ziel einer lokalen Invasion zweier Außerirdischer geworden. Ort der Handlung: München. Besucher des Marienplatzes jedenfalls wollen gesehen haben, wie beide Freds vom Jupiter sich gegenseitig stützend aus einem Ufo geklettert und direkt ins Rathaus der Isar-Metropole gestolpert sind. Der Vorgang an sich wäre für die an Attraktionen reiche Stadt kaum mehr als eine Meldung im Lokalteil der Süddeutschen wert, wenn die Beiden nicht unter auffällig unauffällige Namen (Dieter Reiter, Josef Schmid) als Oberbürgermeister und Stellvertreter das Rathaus geentert hätten.

Ins Linux-Magazin schafft es das extraterrestrische Doppel, weil es, kaum auf den Chefsesseln Platz genommen, das Meckern über die 15 000 städtischen Linux-PCs im Allgemeinen und das Limux-Projekt im Besonderen begonnen hat. Open Source hinke ja bekanntlich gelegentlich Microsoft-Anwendungen hinter, und Limux zeige deutliche Schwächen, lässt sich der eine zitieren. Den anderen stört, nicht wie von zu Hause gewohnt einen integrierten Mail- und Terminclient zu haben, der überdies komfortabel mobil nutzbar sei. Deshalb überlegen nun beide, die elf Jahre Linux-Migration zu Gunsten von Windows-Systemen zu schleifen.

A bisserl schad' ist's scho', wenn plötzlich die fachliche Kompetenz ("Komplexität der Aufgabe, Funktionssicherheit und Innovation") so viel kleiner ist als die machtpolitische. Da entscheiden Zwei vom andern Stern (Couchtisch/Tablet) aus den Bäuchen heraus über ein hochkomplexes irdisches System (IT einer 1,4-Millionen-Einwohner-Stadt). Oder um es mit Karl Valentin zu sagen, der 100 Mal münchnerischer war als Reiter und Schmidt zusammen: "Wissen Sie schon, dass man ein weiches Ei nicht als Zahnstocher benutzen soll?"

Bevor nun die Münchner Bürger im Schwabinger Straßencafé sitzend beginnen, trübsinnig in ihren Cappuccino-Tassen zu rühren, sei zum Trost gesagt: Seid froh, dass die beiden nur Bürgermeister geworden sind! Hätte man ihnen die Leitung der bayrischen Automkraftwerke anvertraut, würde auf dem Oktoberfest bald Schutzanzug statt Tracht getragen. Das letzt Wort möge aber Karl Valentin haben:

"Zwei Knaben stiegen auf einen Baum,sie wollten Äpfel runterhaun. Am Gipfel drobn wurd's ihnen klar, dass das a Fahnenstange war."

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