Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 10/2014

Vieles bleibt neu

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Es begab sich zu der Zeit, als sich Hierarchien noch an Uniformen ablesen ließen. Ich ging eifrig meinem ersten richtigen Job in einer großen Elektronikfirma nach, wo Facharbeiter blaue Kittel trugen und wir Entwicklungsingenieure weiße, die, wenn wir sie offen trugen, beim Laufen attraktiv wehten. Wir trugen sie immer offen. Außenstehende müsste das, wie ich anfangs meinte, womöglich an Ärzte erinnern, die elegant zur Visite schweben.

Nach ein paar weißen Kittel-Wochen stellte ich zu meinem Leidwesen fest, dass meine Erscheinung zumindest auf die jungen Frauen der Nachbarabteilungen keinerlei Eindruck machte. Diese Art Respektlosigkeit gegenüber mir als Semi-Schwarzwaldklinikchef bestürzte mich zwar nicht – der Job selber war ja super interessant – brachte mich aber zu zwei Erkenntnissen: Erstens, dass die Weisheit, dass Kleider Leute machen, falsch ist. Und Zweitens, dass die Anziehungskraft von Technikfuzzys wie mir deutlich geringer als 9,81 Meter pro Quadratsekunde ist. (Der Begriff Nerd war damals noch nicht gängig.)

Reichlich 20 Jahre später erscheint dieser Tage die Studie einer norwegischen Online-Partnervermittlung, die knapp 7700 ihrer Mitglieder zu Vorlieben und Abneigungen befragt hat. 59 Prozent von ihnen waren überzeugt, selbst niemals eine Affäre mit einem Computerfreak einzugehen. 59 Prozent! Und das bei Kundinnen und Kunden eines Onlinedienstes, die ja zu ermessen im Stande sein sollten, welchen wertvollen Beitrag die Nerd-Gemeinschaft für den modernen Alltag leistet!

Als Victoria Milan, so der Name der Kuppel-Agentur, ihren weiblichen Nutzern eine Liste mit berühmten Freaks vorlegte, fanden die übrigens Tim Cook, den Apple-Firmenchef, besonders zum Kotzen (nur zwei Prozent Zustimmung) gefolgt von Googles Larry Page (acht Prozent) und Facebook-Schnucki Mark Zuckerberg (neun Prozent). Keine Regel ohne Ausnahme: Gute Chancen auf den Verbleib auf norwegischen Bettkanten hat dagegen der 29-jährige Firmengründer von Mashable, Pete Cashmore (56 Prozent Zustimmung).

Die weite Klammer von meinem amourös missglückten Ingenieure-ohne-Grenzen-Einsatz Ende der 1980er bis zur Nerds-sind-das-Letzte-Studie verdeutlicht: Technik besitzt eine fast beruhigend konstante Seite. Zugleich ist sie ein sicherer Garant des Wandels – der kleinste Beleg dafür: Die wenigsten Ingenieure tragen heute noch weiße Kittel. Greifbarer wird der Fortschritt, wenn ich bedenke, dass sich damals vier Entwicklungsingenieure einen Rechner mit Floppylaufwerk und dem Betriebssystem CPM teilten und heute zwei Linux-PCs unter meinem Schreibtisch stehen.

Die Technikzeitschrift Linux-Magazin, die mit dieser Ausgabe ihren 20. Geburtstag feiert, fügt sich leichtfüßig in diese Dual-Tradition ein. Wer mag, wird im Schwerpunkt des Hefts Dinge über Linux sehen, die dem Schiff über die Jahre als fester Anker gedient haben und dienen, und zugleich Belege für dramatische Veränderungen finden, die beim Vorankommen helfen. Viel Spaß beim Lesen, ich gehe so lange meinen Kittel von damals suchen.

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