Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 10/2014
© Fotograf, 123RF.com

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Ein Interview mit fast zwei Jahrzehnten Pause

Linux ist am weitesten

Mit Jon "Maddog" Hall sprach das Linux-Magazin bereits vor zwei Jahrzehnten und seither immer wieder. Zum 20-jährigen Jubiläum hat die Readaktion ein Interview mit dem Open-Source-Pionier aus dem Jahr 1996 herausgekramt und ein paar Fragen noch einmal gestellt.

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<I>Linux-Magazin:<I> Wie sehen Sie die Position von Linux gegenüber anderen Betriebssystemen? Wird Linux eine ernst zu nehmende Konkurrenz für andere Unixe, etwa für SCO, sein können?

Maddog 1996: Ich habe niemals richtig ernsthaft mit SCO gearbeitet und auch das bisschen, was ich gemacht habe, ist schon über fünf Jahre her. Ich kann Ihnen sagen, dass bei genauerer Betrachtung unserer Kundenkreise, viele unserer kommerziellen Kunden (Banken, Finanzhäuser und so weiter, der Typ Kunden, bei denen man "Anzug" denkt) von Linux gehört haben, aber keine Intentionen haben, es zu benutzen. Auf der anderen Seite, in Gesprächen mit Leuten aus dem technischen Marktbereich (Lagersysteme, schlüsselfertige Systeme), hat sich ergeben, dass diese ernsthaft daran interessiert sind.

Natürlich ist der Bildungsbereich besonders wichtig, und da diese Leute das College irgendwann verlassen, wird Linux eine stärkere Position in der Entscheidungsfindung im kommerziellen und im technischen Markt bekommen.

Maddog heute: Ich denke, GNU/Linux ist heute mit Blick auf das Verhältnis von Preis zu Performance – wenn nicht sogar allein mit Blick auf die Performance – weiter vorn als jedes kommerziell verfügbare Betriebssystem.

Wenn Hard- und Software von einer Firma entwickelt werden, die dann auch noch ein maßgeschneidertes Betriebssystem dafür baut, dann kann man argumentieren, dass die Beschränkung auf wenige Geräte, die intensiv getestet werden können, und auf Treiber, die alle Fehlerinformationen der Hardware ausnützen können, ein extrem stabiles Betriebssystem hervorbringen kann. Die Betonung liegt auf "kann". Ein Beispiel dafür wäre IBMs VM-Betriebssystem.

Allerdings wird es immer schwieriger und auch immer teurer, solche proprietären Betriebssysteme in der Isolation zu entwickeln.

<I>Linux-Magazin:<I> Kommerzielle Linux-Distributionen wie Caldera haben eine Menge Diskussionen in der Linux-Gemeinde verursacht. Denken Sie, dass eine Kommerzialisierung von Linux ein Vor- oder ein Nachteil ist?

Maddog 1996: Ich bevorzuge es, Caldera als einen VAR (Value-added Reseller) zu betrachten. Caldera nimmt eine Linux-Distribution, fügt ein paar Applikationen hinzu, die sie von anderen Leuten gekauft haben, und packt alles zusammen. Der Teil, der als Linux bezeichnet wird, ist trotzdem frei verfügbar. Sie können sich Caldera als eine große "Applikation" denken, die als Schicht oben auf Linux aufgesetzt ist und die einfacher zu installieren ist, da es sich um eine große integrierte Einheit handelt.

Aus diesem Blickwinkel macht Caldera Linux einfacher für die Heimanwender benutzbar, die einen hübschen Word-Prozessor haben möchten, ein Spreadsheat, Kalender und Mailprogramm, die alle integriert sind – alles für einen vernünftigen Preis. Das ist auch für Leute gut, die keine Lust haben, ihr System l4-mal am Tag zu rebooten, wie man das von einem anderen bekannten Betriebssystem dieser Art her kennt, das ich hier nicht namentlich nennen möchte. Caldera und ähnliche Systeme werden Linux helfen aus den Hinterzimmern herauszukommen.

Andererseits kann Caldera Linux schaden, falls sie anfangen die unteren Schichten, die Linux ausmachen, zu verändern. Libraries, Filesystem-Layout und Grundtools sollten Bestandteil der Grundstrukturen von Linux bleiben, man sollte sich nicht daran zu schaffen machen und damit eine "Abspaltung" verursachen.

Maddog heute: Zu allererst: Nach meiner Beobachtung wollte Caldera nie ein GNU/Linux-System sein, sondern ein billiges Unix, ein UNix, für das keine Lizenzgebühren an AT&T zu zahlen sind. Sie haben verzweifelt versucht Linux die Tests der XOpen/Open Group's Single Unix Specification bestehen zu lassen. Deswegen hatten sie auch keine Skrupel, Closed-Source-Optionen mit Linux zu mischen und das Ganze in binärer Form zu vertreiben.

Das ist ein Unterschied zu einer Firma wie Red Hat, die ihre Entwicklungsressourcen dafür einsetzt, um Dinge wie den Linux-Kernel zu verbessern, was wiederum Kunden dabei hilft, ihre Probleme mit freier Software zu lösen.

In den frühen Tagen von GNU/Linux habe ich den Leuten immer gesagt, dass wir es begrüßen sollten, wenn wer versucht mit freier Software Geld zu verdienen. Denn dann geht es mit FOSS voran. Wollte man versuchen die Kommerzialisierung zu blockieren, dann würde man Interessengruppen gegen sich aufbringen und mit FOSS ginge es langsam bergab.

<I>Linux-Magazin:<I> Worin sehen Sie die größten Probleme für Linux in der Zukunft?

Maddog 1996: In der Zersplitterung. Es gibt viele Versionen von diesem System, das Linux genannt wird. Das hat den Unix-Markt fast zerstört, und diese Gemeinschaft kommt gerade wieder aus ihren Trümmern herausgekrochen. ISVs können nur drei oder vier Betriebssysteme verwalten. Da ist der Grund, weshalb sie von proprietären Systemen zu Unix gekommen sind, es war das Versprechen eines einzigen Betriebssystems. Als die verschiedenen Anbieter sich abwendeten und eigene Interfaces bauten, wurde der Traum nicht wahr – und das öffnete MS-DOS und NT Tür und Tor.

Nun versuchen die Anbieter mit Hilfe der "Single Unix Specification" eine Version von Unix-APIs und Interfaces zu bringen. Der Kernel von Linux ist unter den wachsamen Augen und strengen Händen von Linus Torvalds, aber die Libraries und das Filesystem-Layout sind für Angriffe von anderen Leuten offen, die glauben, dass "der bessere Weg" wichtiger sei als Standards. Falsch! Wenn der "bessere Weg" wichtiger wäre als Gleichheit, Vorhersagbarkeit und Marktbeherrschung, dann würde auch Unix mehr Applikationen als MS-DOS haben. Ich bin immer noch beeindruckt, wie der Linux-Kernel jedes Hoch und Tief übersteht und an Performance und Skalierbarkeit gewinnt.

Maddog heute: Ich wünschte, es gäbe ein Standard-Interface, das jeder benutzen könnte, um zu lernen. Es müsste nicht das beste sein und es sollte sich leicht gegen ein anderes austauschen lassen, das der Anwender favorisiert – aber anhand eines solchen Interface wäre es viel einfacher als mit Büchern oder Artikeln, die Leute zu lehren, wie GNU/Linux funktioniert.

Zudem kommt es darauf an, dass die Mehrzahl der Menschen versteht, dass "Free" nicht unbedingt kostenlos heißt, dass sie die vielfältigen Open-Source-Businessmodelle verstehen, sodass sie sicherer im Umgang damit werden und mehr Programmiererjobs finden, in denen sie freie Software entwickeln können. Ich hoffe, dass noch mehr Universitäten nicht nur Kurse zur Entwicklung freier Software anbieten, sondern auch zu den Geschäftsmodellen einer freien Kultur.

<I>Linux-Magazin:<I> Welchen Weg wird Linux nehmen?

Maddog 1996: Ich gehe davon aus, dass Sie fragen, welchen Weg Linux gehen sollte? Und ich werde Ihnen erzählen, was ich für hilfreiche Anwendungen halte: Was den Kernel angeht, einfach so weitermachen, Ihr macht da einen hervorragenden Job. Auf dem Gebiet von Libraries und Filesystem-Layouts, sollte es genau ein(!) System geben und die Leute sollen daran in Richtung "Single Unix Spezifikation" arbeiten, wann immer es Sinn für die Linux-Community macht (was meistens der Fall sein sollte).

Was den Bereich Distributionen angeht, machen Sie das im Großen und Ganzen schon richtig. Legt die Files dort ab, wohin sie gehören, und fasst nichts an. Versucht immer die aktuellsten Utilities zu bekommen, die es gibt. Legt Wert auf neue Systemadministrationstools, aber erfindet nicht ständig das Rad aufs Neue. Es ist noch so viel zu tun, sodass es keinen Sinn macht, alte Anstrengungen zu wiederholen, wo andere wirkliche Fortschritte erzielen.

Was die User angeht – eifert weiter, tretet Usergruppen bei. Wenn in eurer Nähe keine existiert, gründet eine. Sprecht darüber, wann immer sich Gelegenheit bietet. Haltet Vorträge in Computerfachgeschäften, High Schools, Colleges. Wenn Ihr von High-School-Kids hört, die einen PC haben (oder eine Alpha:-) ), gebt ihnen eine Distribution. Wenn Ihr öfter CD-ROM-Distributionen kauft, gebt eure alten Versionen an andere weiter. Unterhaltet euch mit den Anbietern eurer Lieblingsapplikationen über Linux und sagt ihnen, dass Ihr eine Kopie kaufen würdet, wenn es nur auf Linux liefe.

Tut dies auch bei Hardwarekomponenten. Schreibt Briefe an Xircom und fragt, warum sie Linux nicht unterstützen. Geht in euren Lieblingsbuchladen und fragt, wo ihre Linux-Bücher stehen. Kauft gelegentlich mal ein gutes. Bedankt euch gelegentlich einmal bei den Entwicklern, auch ohne angehängten Bugreport. Sagt ihnen, wenn alles funktioniert, und genauso, wenn nicht. Mir wurde gesagt, dass es 200000000 MS-DOS-User gäbe und 1000000 Linux-Benutzer (ein paar hin oder her). Wenn jeder Linux-User innerhalb eines Jahres 20 neue User in Linux einführt und im nächsten Jahr jeder von ihnen wieder 20 neue Leute einführt, wird Linux das Betriebssystem Nummer eins auf diesem Planeten sein.

Maddog heute: Als ich mit freier Software anfing, gab es darüber eine Menge Missverständnisse, Angst, Unsicherheit und Zweifel. Kommerzielle Organisationen betrachteten Linux als Spielzeug, das sie in ihren Netzen niemals einsetzen würden. Wer sich in dieser Zeit für freie Software einsetzte, tat dies kämpferisch.

In den letzten 20 Jahren haben wir einen weiten Weg zurückgelegt. Wenige Unternehmen oder Behörden bezweifeln noch die Qualität freier Software, aber den Durchschnittsmenschen auf der Straße irritiert das Thema nach wie vor. Wer sich für freie Software einsetzt, sollte das deshalb laut und vernehmlich tun. Wir müssen immer noch daran arbeiten, freie Software in unsere Schulen, Ämter und Betriebe zu bringen.

Initiativen wie der Software Freedom Day, Benutzergruppen und die Creative Commons sind wichtiger denn je. Wir müssen weiter für freie Software eintreten – gegenüber jedem, der zuhört (und gegenüber vielen, die nicht zuhören wollen). Denn die Unternehmen, die proprietäre Software verkaufen, weichen nicht zurück. Jeder Nutzer freier Software muss ihr lautstarker Anwalt sein.

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