Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 09/2014

Kinoreif

476

Besserwisserischen Wichtigtuern ist man im Alltag normalerweise schutzlos ausgeliefert. Den ironischsten Beitrag zur Lösung dieses Problems liefert Woody Allen in seinem von Oscars überhäuften Film "Der Stadtneurotiker" (1977). In einer Szene wartet die von Allen gespielte Hauptfigur Alvy Singer an der Kasse eines Broadway-Kinos. Dabei muss er das Gespräch eines hinter ihm stehenden anderen Kinogängers mit anhören, der seiner Begleiterin anhand des Filmemachers Fellini den Einfluss des Fernsehens auf das Kino erläutert und als Beweis den kanadischen Medientheoretiker Marshall McLuhan heranzieht.

Alvy platzt nach einer Weile der Kragen, und er widerspricht dem Schwätzer. Der daraufhin gibt sich als Mediendozent der Columbia University zu erkennen und spricht Alvy die Kompetenz beim Thema McLuhan ab. Der kontert: "Da bin ich aber gespannt. Ich habe Mister McLuhan zufälligerweise gerade hier." – und zerrt einen hochgewachsenen älteren Herrn im hellen Jacket hinter einem Werbeaufsteller hervor. Es handelt sich um den echten Marshall McLuhan. Der wendet sich an den Dozenten und sagt: "Ich habe gehört, was Sie gesagt haben. Sie haben keine Ahnung von meiner Philosophie. Sie legen mich absolut diametral aus. Wie Sie überhaupt an eine Universität gekommen sind, ist mir völlig schleierhaft!" Die Szene endet mit Woody Allens Stimme: "Wenn's doch einmal so im Leben wäre!"

Marshall McLuhans Abhandlungen zur Medienrezeption waren in den 60er und 70er Jahren höchst populär. Er definiert ein Medium als Ausweitung des Individuums und steht damit in Tradition der Prothesentheorie, die davon ausgeht, dass sämtliche Erfindungen des Menschen lediglich Erweiterungen der menschlichen Gliedmaßen, Organe und Sinne darstellen: Der Hammer erweitert die Faust, das Fernglas den Sehsinn und der elektrische Strom unser Nervensystem.

Die Wirkung eines Mediums, also seine "Botschaft", ergibt sich laut McLuhan nicht etwa aus seinem Inhalt (Content), sondern aus der Veränderung des Maßstabs, des Tempos oder des Schemas, die das Medium den Menschen bringt. Der Titels eines seiner Bücher lautet "Das Medium ist die Botschaft" (The Medium is the Message). Bei der ersten Auflage des Werkes hatte der Setzer des Einbandes übrigens versehentlich aus "Message" "Massage" gemacht – McLuhan fand das lustig und sogar hintersinnig und ließ den Deckel nicht nochmal drucken.

Das Linux-Magazin wird mit der nächsten Ausgabe 20 Jahre alt. Die Hoffnung der Redaktion ist, dass es über diesen Zeitraum zur Linux-"Botschaft" geworden ist. Dass Leser, wenn sie auf einen besserwisserischen Dummschwätzer in einem Kinofoyer oder anderswo treffen, das Linux-Magazin hervorzaubern und sagen können: "Sie haben keine Ahnung von dem Thema. Sie legen Linux absolut diametral aus. Wie Sie überhaupt zu Ihrem Job gekommen sind, ist mir völlig schleierhaft!"

Und bei der nächsten Ausgabe, so viel sei verraten, können sich alle auf eine kräftige Massage gefasst machen.

Diesen Artikel als PDF kaufen

Express-Kauf als PDF

Umfang: 1 Heftseiten

Preis € 0,99
(inkl. 19% MwSt.)

Linux-Magazin kaufen

Einzelne Ausgabe
 
Abonnements
 
TABLET & SMARTPHONE APPS
Bald erhältlich
Get it on Google Play

Deutschland

Ähnliche Artikel

  • DoS-Lücke in Asterisk

    Die Entwickler der Open-Source-Telefonanlage Asterisk haben einen Fehler bereinigt, der unter Umständen Denial-of-Service-Attacken ermöglichte.

  • Roh oder Medium? Vector Linux 7.0 bringt vier Desktops

    Mit den vier Desktopkonfigurationen JWM, IceWM, Openbox und LXDE geht das schlanke Vector Linux in die Version 7.

  • Ausgezeichnete Linux-Gurus

    Nach dem Relaunch der Webseite linux.com schrieb die Linux Foundation letztes Jahr einen Guru-Wettbewerb aus. Nun stehen die ersten Gewinner fest.

  • Giftige Eingaben

    Sie wirken gesund und schmackhaft wie Schneewittchens Apfel, aber unter ihrer Schale verbergen manche Programmeingaben einen hochgiftigen Kern. Speziell bei Cross-Site-Skripting, Formatstrings und Buffer-Grenzen müssen programmierende Admins der Versuchung widerstehen.

  • Debian wird 17

    Am 16. August 1993 hat Ian Murdock das Debian-Projekt gegründet.

comments powered by Disqus

Ausgabe 11/2017

Digitale Ausgabe: Preis € 6,40
(inkl. 19% MwSt.)

Stellenmarkt

Artikelserien und interessante Workshops aus dem Magazin können Sie hier als Bundle erwerben.