Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 07/2014

Hirntrauma

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Um zu untersuchen, was beim Programmieren im Kopf vorgeht, haben Passauer, Magdeburger und amerikanische Wissenschaftler arbeitende Entwickler in einen Magnetresonanztomografen (MRT) gelegt. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass das Analysieren von Quellcode dieselben Hirnregionen aktiviert wie beim Verstehen einer natürlichen Fremdsprache.

Was im Schädel der Firefox-Programmierer vorgegangen ist, als sie begannen, die Sandbox für das künftige proprietäre DRM-Modul zu entwickeln, ist leider nicht überliefert. Vermutlich war kein MRT zur Hand, das gut mit Sauerstoff versorgte Hirnregionen von solchen im Standby-Modus unterscheiden kann.

Browserhersteller, die DRM für Bezahlvideos etwa von Netflix umsetzen wollen, müssen ein so genanntes Content Decryption Module (CDM) integrieren. Microsoft, Apple und Google haben das für ihre Browser sofort getan, als die zugehörige EME-Spezifikation (Encrypted Media Extension) des W3C sich stabilisierte. Mozilla will jetzt nachziehen und die erwähnte Sandbox in Firefox' Garten aufstellen. Andernfalls, schreibt Mozilla-Chefin Mitchell Baker, müssten die User jedes Mal einen anderen Browser starten, um ein DRM-geschütztes Video anzusehen.

In Bakers Hirn sind in diesen Tagen wohl die Regionen gut durchblutet, die für das Streben nach Erfolg zuständig sind. Das kann man verstehen, denn es ist der Job der Foundation-Vorsitzenden, den eigenen Projekten zu Erfolg zu verhelfen. Kritikern von der Electronic Frontier Foundation (EFF) oder der Free Software Foundation (FSF) hält sie entgegen, dass ein Verzicht auf DRM zwar politisch richtig wäre, aber die Nützlichkeit von Firefox und damit dessen Akzeptanz beschädige. Videos zu schauen nähme ja einen großen Teil der Browsernutzung ein. Den Grund für Backers Angst, mit einem führenden Browser unterzugehen, kann man mit Blick auf ihren Lebenslauf verstehen: 1994 bis 2004 war sie in der Rechtsabteilung von Netscape Communications angestellt.

Andererseits darf man die Foundation daran erinnern, was Firefox so bedeutend hat werden lassen. Kostenlose Browser, die funktionieren, gab es schon zuvor. Es waren doch die (Quell-)Offenheit und das fehlende Gewinnstreben, welche die Sympathie der Internetnutzer gewannen, oder?!

Zumindest einen Mittelweg hätten Baker und Co. ins Auge fassen sollen, der die Anwender in den Fokus stellt, die DRM im Grundsatz nicht ablehnen. Es geht um die Web-Zuschauer, die einsehen, dass die Kosten, einen Spielfilm zu produzieren, wieder eingefahren werden müssen. Denn anders als bei freier Software, wo Firmen und Projekte über Maintenance oder individuelle Anpassungen Geld in die Kassen bekommen, geht das beim Fertigprodukt Spielfilm nicht ohne Weiteres. Angelina Jolie kann schwerlich bei bezahlbereiten Zuschauern persönlich zu Hause auf dem Couchtisch noch ein paar Szenenvarianten nachspielen.

Firefox-Usern, die aus diesem Grund DRM hinzunehmen bereit sind, sollte die Foundation zumindest – und das wäre der Kompromiss – ein quelloffenes CDM anbieten statt des vernagelten Adobe-Modules, von dem keiner weiß, was es sonst noch alles anstellt. Der Einwand, der DRM-Algorithmus würde geknackt, dürfte man ihn studieren, zählt nicht: Die Stärke einer Verschlüsselung, darum handelt es sich ja im Kern, ist so sicher wie ihr mathematischer Algorithmus gut ist. Ihn zu implementieren würde im Kopf jedes Open-Source-Programmierers das Belohnungszentrum aktivieren. Könnte ein MRT-Hersteller der Mozilla Foundation ein Gerät spenden?

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