Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 05/2014

Papier mit Gesichtern

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Über Geld zu reden, gilt als unfein. Sei's drum: Wie andere Arbeitnehmer auch, sollten IT-Angestellte keinen zu ausgeprägten Gerechtigkeitssinn besitzen, wenn sie die Gehälter in ihrer Branche vergleichen. Gelegenheit, sich zu erregen, bieten Vergütungsstudien, wie die Computerwoche gerade eine veröffentlicht: "IT-Funktionen 2013/2014".

Wo man hinschaut, klaffen breite Gräben. In Banken kommen beispielsweise IT-Bereichsleiter auf 272 000 Euro durchschnittliches Jahreseinkommen, die gleiche Funktion ist in einem Softwarehaus 100 000 Euro weniger wert. Ähnlich dramatische Euro-Differenzen wie in den Branchen tun sich zwischen großen und kleinen Arbeitgebern sowie zwischen einzelnen Regionen auf (Dresdner kriegen rund 25 Prozent weniger als Münchner). Die jährlichen Steigerungen verstärken die soziale Kluft oftmals weiter.

So stiegen zwischen von 2012 und 2013 die Jahresgehälter im Vertrieb etwas stärker als die in anderen Funktionen. Im Endeffekt kriegte ein Vertriebsleiter in einer kleinen IT-Firma 2013 durchschnittlich 111 000 Euro, ein solcher in einem IT-Unternehmen mit über 1000 Beschäftigten dagegen 190 000 Euro. Kunden SAP-Lizenzen im großen Stil zu verticken, zahlt sich offenbar mehr aus als im kleinen.

Die überdurchschnittlich bezahlten Vertriebler wechseln laut einer anderen Studie des Jobportals Stepstone zudem häufiger den Arbeitgeber – etwa alle 3,5 Jahre – als die meisten anderen Beschäftigten (vier bis fünf Jahre). Das legt den Verdacht nahe, dass Firmen Mitarbeiter mit niedriger Frustrationsschwelle oder einer gewissen Tendenz zu Illoyalität finanziell besser stellen als die Deppen, die ihrer Firma lang die Treue halten.

Warum das alles so ist? Keine Ahnung, denn mit Fähig- und Fertigkeiten oder gar Einsatz lassen sich die Unterschiede kaum erklären. Mit der Marx'schen Theorie der Reproduktion der Arbeitskraft erst recht nicht. Selbst mit der Annahme eines freien Marktes, bei dem Angebot und Nachfrage den Preis bestimmen, hat das alles nichts zu tun. (Der viel zitierte Fachkräftemangel müsste sich bei den Gehältern nivellierend niederschlagen, tut er aber nicht.)

Am ehesten vermuten lassen sich Effekte der so genannten Prinzipal-Agent-Theorie. Die geht im Kern davon aus, dass Protagonisten infolge ungleich verteilter Informationen Entscheidungen treffen, die nicht sachgerecht sind – hier: bei Gehaltsverhandlungen. Die Asymmetrie entsteht, weil der Arbeitnehmer (Agent) besser weiß, mit welchem Einsatz er für seinen Arbeitgeber (den Prinzipal) arbeitet, als dieser.

Um nicht unnötig Adrenalin in der Blutbahn kreiseln zu lassen, hilft eine Nachhilfestunde bei den ganz großen Absahnern, die ihre jährlichen Millionen nur noch aus sportlichen Gründen einsacken. Zum Beispiel bei John Tuld, dem von Jeremy Irons im Finanzkatastrophen-Film "Margin Call" grandios verkörperten Chef einer Investmentfirma. Am Tag des weltweiten Crashs 2008, den er selbst ausgelöst hat, sitzt Tuld entspannt beim Essen und belehrt einen aufgebrachten Angestellten (Kevin Spacey): "Es ist doch bloß Geld! Imaginär, mehr nicht. Bloß Papier mit Gesichtern drauf, damit wir uns bei der Suche nach Nahrung nicht umbringen." So über Geld zu reden, darf schon wieder als fein gelten.

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