Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 10/2013
© Maxim Kazmin, 123RF.com

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Freie Fenstersysteme

Alles zu seiner Zeit

X.org, das als Fenstersystem in den meisten aktuellen Linux-Distributionen steckt, existiert länger als Linux selbst. Trotz des Erfolgs stehen aber bereits potenzielle Nachfolger in den Startlöchern.

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Es war Anfang Mai 1992, als Linus Torvalds sich über das neue Fenstersystem (Abbildung 1) für Linux äußerte [1]: "Nach Version 0.03 entschied ich, dass die nächste Version von Linux tatsächlich benutzbar sein sollte (war sie auch irgendwie, aber Junge, X unter 0.96 ist deutlich beeindruckender)." Gut zwei Wochen später erschien besagte Version 0.96 von Linux. Es brachte erstmals das X Window System (kurz X) mit, dessen Integration Linus beim Verfassen der E-Mail offenbar gerade beschäftigte.

Abbildung 1: Das Fenstersystem von Unix mit Toms Window Manager (Twm). Der Linux-Desktop sah Anfang der 90er ähnlich aus, der Desktop Twm lässt sich noch heute problemlos installieren und starten.

X Window System

Das X Window System war keine Neuerfindung, sondern existierte bereits seit 1984 als plattformunabhängiges Fenstersystem [2]. Die Idee dafür wurde aus der Not heraus am MIT geboren, als das Institut zusammen mit IBM und DEC das Projekt Athena startete. In dem campusweiten Lernprojekt sollten Studierende auf Workstations mit einem Fenstersystem lokale Tools wie Tabellenkalkulationen verwenden, aber auch über das Netzwerk auf Ressourcen wie etwa Dokumente zugreifen – das Stichwort lautete Distributed Computing.

Die dafür eingesetzten Rechner stammten jedoch von verschiedenen Herstellern. Da die Carnegie-Mellon-Universität keine Lizenzen für ihr eigenes Fenstersystem herausrückte, machten sich Bob Scheifler, James Gettys, Ron Newman und viele Pioniere an die Arbeit und entwickelten das Protokoll für X. Die Arbeit ging gut voran, DEC portierte Version 6 von X sogar für die eigene Hardware.

Das MIT verschickte sein X Window System gegen eine Schutzgebühr von 150 US-Dollar auf einem 9-Spur-Magnetband. Die Version X10R3 veröffentlichte man im Februar 1986 unter der freien MIT-Lizenz mit dem Ziel, die Popularität der Software zu steigern, was auch gelang.

Dann begann die Arbeit an X11, das X Hardware-unabhängiger machen sollte und an dem sich mehrere Unternehmen beteiligten. Im Juni 1987, noch vor der Publikation der finalen X11-Spezifikation, beschlossen neun beteiligte Parteien, für das erfolgreiche Projekt das MIT X Consortium, eine neutrale Non-Profit-Organisation, zu gründen. Dieses Konstrukt einer Dachorganisation, die verschiedene Interessen vereint, funktioniert bis heute für Großprojekte wie den Kernel (Linux Foundation), Open Stack (Open Stack Foundation) oder Apache (Apache Foundation).

Zwar gibt es das MIT X Consortium seit 1996 nicht mehr, dafür aber Freedesktop.org: Die projektübergreifende Plattform bietet X.org, Wayland, Mesa und diversen Toolkits ein Zuhause und setzt einen Fokus auf die Interoperabilität mit Desktops wie KDE, Gnome oder Xfce.

Am 15. September 1987 wurde die X11-Spezifikation schließlich offiziell veröffentlicht (Abbildung 2). Ein Grund für die schnelle Entwicklung und Verbreitung bestand in der Nutzung einer offenen Mailingliste mit Anschluss an das öffentliche Usenet – X11 wurde damit zu einem FLOSS-Projekt avant la lettre. Es erfüllte bereits 1987 die typischen Kriterien, die solche FLOSS-Projekte noch heute kennzeichnen.

Abbildung 2: Die Ankündigung von X11 auf der Mailingliste http://comp.windows.x, die Google heute noch hostet.

Ein zweiter Faktor für den Erfolg von X11 war die freie Lizenz: Hätten die X-Entwickler auf die MIT-Lizenz verzichtet (über die Richard Stallman nicht ganz glücklich war, [3]), wären vermutlich weder Xfree86 noch X.org entstanden.

X11 für Linux

Die erste X11-Variante für Linux portierte der Kodak-Angestellte Orest Zborowski im Frühjahr 1992 [4] unter dem Namen X11v1.0 auf das freie Betriebssystem. Sie landete in Linux 0.96. Er selbst hatte Linux seit Version 0.12 installiert und sah, dass es – anders als Minix – ein funktionierendes Speichermanagement bot, weshalb er X damit testen wollte. Dazu brachte er Linux die System Calls von System-V bei. Das hatte den Nebeneffekt, dass Linux später sowohl Funktionen von System-V als auch BSD beherrschte, wodurch sich die Software dieser Systeme einfacher portieren ließ.

Als Vorlage diente ihm dabei die Arbeit von Thomas Röll und Mark W. Snitily [5], von denen X386 stammte, ein Freeware-Port von X11R5 für das Unix-Betriebssystem System-V [6], das auf Intels 80386er CPU lief. Der Port wurde offizieller Bestandteil von X11R5.

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