Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 10/2013
© Leap Motion

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Freihändige Gestensteuerung mit dem Leap-Motion-Controller

Fingerspitzengefühl

Hollywood präsentierte sie in dem Film "Minority Report", Microsofts Kinect brachte sie ins Wohnzimmer: eine Computersteuerung über Gesten. Schon bald versprachen Projekte, sie auch auf gängige PCs zu bringen. Jetzt gibt es für wenig Geld ein sehr sensibles Eingabegerät mit Linux-Treibern: Leap Motion.

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Kinect überwacht den ganzen Raum, der Leap-Motion-Controller [1] nur den unmittelbaren Bereich vor dem USB-Sensor. Während Microsoft eine Auflösung von wenigen Zentimetern genügt, strebt der kleine USB-Sensor mit den zwei Kameras und drei Infrarotsensoren nach mehr: Eine Bewegung über einen 100stel-Quadratmillimeter reicht, damit Leap Motion reagiert – und diese Empfindlichkeit spürt der Benutzer deutlich und nicht immer angenehm.

Mehr als zwei Jahre lang arbeitete das amerikanische Unternehmen mehr oder weniger geheim an einem Controller, der sich vor einen Computer legen lässt und es gestattet, innerhalb eines halbkugelförmigen Bereichs alle Hand- und Fingerbewegungen, ja sogar die der Fingerspitzen, mit extrem hoher Genauigkeit zu erfassen.

Wer 2011 für knapp 70 US-Dollar vorbestellte, hielt frühestens am 22. Juli 2013 seinen Leap-Motion-Controller in Händen. Den Versand an Europäer wickelte eine Partnerfirma in Tschechien ab, die aber mit deutschen Umlauten in der Adresse etwas überfordert schien.

Ausgepackt ist Leap Motion gerade mal doppelt so groß wie ein USB-Stick (Abbildung 1) und tastet – via USB mit dem Computer verbunden – den Raum über dem Gerät mit Sensoren und Kameras ab. Während aber Microsofts Kinect auf die Erfassung des gesamten Körpers im Raum ausgelegt ist und erst auf eher grobe Bewegungen der Nutzer reagiert, bemerkt Leap Motion schon das geringste Zucken mit dem kleinen Finger.

Windows, Mac – aber Linux?

Der Hersteller kündigte schon früh die Unterstützung von Windows- und Mac-Plattformen an; doch Linux bleibt bis heute offiziell außen vor. Erst auf Druck der Community erschien im Frühjahr 2013 ein SDK für Linux. Aber eine richtige Unterstützung mit Software für Leap Motion, die aus dem Gerät etwa einen Mausersatz macht, fehlt.

Windows- und Mac-User hingegen verwöhnt der Hersteller gleich nach der Inbetriebnahme mit diversen Programmen. Mit Airspace existiert ein App-Store, der zum Zeitpunkt der Artikelentstehung über 80 Apps anbot. Von simplen Experimenten und Spielen bis hin zu Plugins für 3-D-Modelling-Software ist alles vertreten, was man sich als sinnvolles Anwendungsszenario für eine berührungslose Steuerung vorstellen kann (Abbildung 2). Einige der angebotenen Apps sind nur für eine bestimmte Plattform verfügbar, andere hingegen decken beide Betriebssysteme ab.

Abbildung 2: Airspace begrüßt den Anwender mit den bereits per Kreditkarte erstandenen Apps.

Die Preise der Apps reichen bis zu 12 US-Dollar, bezahlen soll der Anwender mit Kreditkarte. Leider funktionierten einige Programme im Test nicht auf allen Systemen – umso ärgerlicher, dass der Kunde vergeblich nach einem Button für die Rückgabe der App sucht.

Unter Windows 8 zeigt der Leap-Motion-Controller seine Stärken: Mit Hilfe einer kostenlosen App aus Airspace kann der User ihn als Mausersatz verwenden, auch wenn die viel zu sensible Einstellung und diverse Probleme bei der Erkennung von Fingerbewegungen schnell frustrieren. Ebenso kommt dem Anwender immer wieder das Windows-8-Dashboard in die Quere. Hier zeigt sich, dass das Produkt noch in den Kinderschuhen steckt.

Immerhin: Einige Spiele machen richtig Spaß, darunter beispielsweise das Flugzeugspiel Solar Warfare, in dem der Spieler mit seiner Hand die Geschwindigkeit und Neigung eines Fliegers bestimmt (Abbildung 3). Doch unreife Software, viel zu sensible Standardeinstellungen und zu hohe Sensitivität bei der Fingererkennung machen die Steuerung in vielen Fällen nahezu unmöglich.

Nicht selten hat das Gerät die Bewegungen der Tester entweder gar nicht oder erst viel zu spät erkannt. Manche Anwendungen starteten nicht und gaben unerklärbare Ausnahmefehler zurück. Nicht zu unterschätzen ist auch ein gänzlich untechnisches ergonomisches Problem: Spätestens nach einer Stunde ermüden die Arme, womit sich der Spaß bei der Bedienung in Grenzen hält.

Abbildung 3: Flugsimulator mit Gestensteuerung: Unter Windows 8 läuft Solar Warfare, der Anwender steuert den Gleiter mit der Hand.

Experimente mit Linux

Unter Linux angeschlossen erkennt »dmesg« den Controller erst mal als ein USB Video Class Device, also als Kamera (Abbildung 4). An dieser Stelle sind Gesten noch völlig sinnlos: Linux kann Handbewegungen noch nicht erkennen oder gar in Aktionen umsetzen. Der Druck der Linux-Community ermöglichte es jedoch, dass Leap Motion immerhin ein Linux-SDK als Beta bereitstellt. Das Development Kit für Linux ist aber nur für registrierte Benutzer im Developer-Bereich zugänglich [2] und umfasst etwas mehr als 93 MByte.

Nach Eingabe des Befehls »tar xzvf DeveloperSdk_LM_0.8.0.5300_Linux.gz« findet der Tester ein Unterverzeichnis mit dem zunächst verblüffenden Inhalt von zwei Debian-Paketen. Leap Motion bestätigte auf Anfrage im Developer-Forum, dass sich der Linux-Support vorerst auf Ubuntu-Systeme mit Unity beschränkt. Nur so sei im Linux-Bereich eine große Anwenderzahl erreichbar. Hinweise auf Support für andere Distributionen oder die ARM-Architektur sowie Android und Raspberry Pi fehlen.

Mit ein paar Tricks lässt sich das SDK dennoch auf anderen Linux-Varianten ausprobieren: Die Anwendungen, die sich in den Debian-Paketen verstecken, liefen im Test auch erfolgreich unter Fedora 17, und im Web mehren sich Berichte von Bloggern, wonach die Binaries auch auf anderen Distributionen funktionieren.

Abbildung 4: Die Ausgabe von dmesg bei Erkennung des Leap Motion.

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