Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 08/2013

Gute Nachrichten

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Hongkong ist ein gutes Pflaster für jemanden, der abtauchen, aber dabei online bleiben will. Dank des historischen Erbes, das die Kolonialmacht England 1997 hinterließ und dank des komplexen Verhältnisses zwischen der Metropole und der Staatsmacht China können Auslieferungsverfahren dort schon mal länger dauern, gerne auch viele Jahre, gerade wenn ein politisches Interesse vorliegt.

Dafür gibt's dort schnelles, redundantes Internet – mehrere Interkontinentalleitungen führen in die Stadt – und die Sicherheit einer anonymen, dichtbesiedelten Multikulti-Millionenstadt (zum Beispiel vor einem "chirurgischen" Drohnen-Angriff) mit ihren Nerds, Mafiosi und Dissidenten. Laut der South China Morning Post ist Hongkong gar die "sicherste Millionenmetropole der Welt" - kurzum ideal für einen "feindlichen" Whistleblower, der sich mit der größten demokratisch legitimierten Supermacht angelegt hat.

Nach Julian Assange (vermutlich noch ein wenig länger im Safe-Harbour-Patt der ecuadorianischen Botschaft in London beheimatet) reiht sich mit Snowden wieder ein vergleichsweise junger Ex-Hacker mit Linux-, Open-Source- und Security-Hintergrund ein in die Reihe der Top-Staatsfeinde der USA. Auch Snowden unterstützt die EFF und das Tor-Projekt, sein Ex-Arbeitgeber und CIA-Dienstleister Booz Allen Hamilton gewann gerade auf dem Red Hat Partner Summit in Boston den Innovation Award für die Kategorie "Optimized Systems". Mit RHEL, Jboss und RHEV habe man es geschafft, "die Infrastruktur des US-Verteidigungsministeriums in eine moderne, elastische und flexible Form zu bringen, sodass dieses jetzt auch auf hohe Nachfrage reagieren" könne.

Suse, Red Hat, Open Stack – alle beteuern auf Anfrage natürlich, sich an nationale Gesetze zu halten und dass ihre Firma "keine Verbindung zu Prism" (Gerald Pfeiffer, Suse) habe. Verwendungszweck und Lizenzen seien zwei völlig unterschiedliche Sachen, sagt der Direktor fürs Produktmanagement bei Suse – niemand könne verhindern, dass Software auch für Zwecke herhalten muss, wo keine Einwilligung Betroffener vorliegt – von einer demokratischen Legitimation ganz zu schweigen.

Open Source ist eben offen für jeden, und auch die vermeintlich Bösen greifen nicht erst seit Kurzem gerne zu freier Software, weil sie deren Qualitäten kennen. Und wer nicht wusste, dass gerade Big Data ein Thema für Langley, Fort Meade, im Thames House oder bei Verfassungsschutz, MAD oder anderen den wahrhaft braven Bürger proaktiv beschützenden Behörden ist, der muss sich angesichts der jüngsten Enthüllungen Blauäugigkeit vorwerfen lassen.

Letzen Endes bestätigt Prism doch nur die schlimmsten Befürchtungen von Verschwörungstheoretikern und deren Unkenrufe. Das sarkastische Fazit, das die amerikanische Satiresendung "The Daily Show" am 10. Juni zog, bringt das auf den Punkt: "Die gute Nachricht [an den Prism-Enthüllungen] ist: Sie sind nicht paranoid!"

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