Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 05/2013

Editorial

Glaube und Wahrheit

 

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Ohne es zu merken, habe er seinen Linux-Computer seit 2012 nicht mehr eingeschaltet. Das ist nicht irgendwem passiert, sondern dem Gnome- und Mono-Papst Miguel de Icaza. Der reckt ja gerne den Stachel und hat es auf diese Weise schon vor einem halben Jahr auf diese Seite geschafft. Damals stieß er sich an den Kernelentwicklern und erklärte Linux für den Desktop-Markt als irrelevant.

In seinem Blog sagt er sich jetzt los von Linux. Er empfehle nur noch Macs, auch alle von ihm verschenkten Computer wären Apples gewesen. An Linux wurmt ihn die Fragmentierung als Plattform und die Inkompatibilitäten zwischen und innerhalb der Distributionen. Zum überzeugten Mac-erer sei er in einem Urlaub geworden, weil sein mitgenommenes Apple-Notebook ohne sein Zutun den Weg ins WLAN gefunden und die Energiesparmodi beherrscht habe. Auch habe der Audiotreiber nicht mittendrin den Betrieb eingestellt. Von seinem Linux-Thinkpad hingegen könne er Vergleichbares nicht berichten.

Sein Abfall vom Glauben, der Fachausdruck wäre Apostasie, mag im ersten Moment nur konsequent erscheinen. Aber dass ein praktizierender Open-Source-Heiliger diesen Ranges ihn vollzieht, darf man schon als Tabubruch werten. Selbst ein dauergeprüfter Thinkpad-Benutzer will ich de Icazas schmerzliche Erlebnisse nicht in Zweifel stellen. Doch sind diese Prüfungen seines Glaubens allein dazu geeignet, vom Apostel zum Apostaten zu werden? Wohl nicht.

Beim Grenzübertritt ins bunte Land der Spekulation kommt mir zuerst der Gedanke, dass de Icazas Hinwendung zu Apple-Computern der Hoffnung geschuldet sein könnte, sich einen neue Freundeskreis zu erschließen: Dufte Schwarze-Rolli-Träger statt Ausgewaschene-Linux-T-Shirt-Transpiranten gewissermaßen. Wem jetzt Apples Zielgruppe als zu eng beschrieben vorkommt, hat Recht: Orang-Utans, so war dieser Tage zu lesen, sind größtenteils begeisterte iPad-Benutzer. Im "Jungle Island" in Miami wählen zwei jüngere Tiere ihren Speiseplan interaktiv am Apple, pauken Vokabeln und kommunizieren mit den Pflegern. Entwickelt wurde die dabei eingesetzte Software ursprünglich für Menschen, die an Autismus leiden. Mehrere andere Zoos arbeiten gerade an nativen "Apps for Apes". Und im Tierpark in Milwaukee können Besucher ihre gebrauchten iPads an Menschenaffen spenden. Das müsste Miguel doch gefallen.

Falls meine Theorie mit dem rolli- oder felltragenden Freundeskreis nicht zutrifft, hätte ich noch eine Ticstörung im Angebot. Wer kennt ihn nicht, diesen Drang, bei einer Beerdigung grundlos laut loszulachen?! Oder einer sehr respektiven Persönlichkeit mal in die Nase zu zwicken, wenn sie einem gegenübersteht?! Die allermeisten Menschen widerstehen bekanntlich der Versuchung, ihre tabubrechenden Fantasien in die Praxis umzusetzen. Miguel de Icaza möglicherweise nicht, bei dringt das repetitiven Phänomenen in Form von Blogeinträgen und Mac-Geschenken nach draußen.

De Icaza als pathologischen Sonderfall zu bezeichnen, wäre natürlich ungerecht, zumal es prominente Mitkranke gibt: Prinz Harry von Wales beispielsweise, der eigentlich quasi per Geburt zum Wohlverhalten verdammt ist, fiel zeitlebens durch ganz und gar ungemäße Tics auf, die 2005 bei seinem Auftritt anlässlich eines Kostümfests mit Hakenkreuz-Armbinde einen vorläufigen Höhepunkt fand.

Was auch immer Papst Miguel bewogen hat: Die für Apostasie gängige Strafe Exkommunikation sollte ihm die Open-Source-Gemeinde ersparen. Und vielleicht kehrt er ja eines Tages zurück, sei es als König, sei es als Affe.

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