Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 04/2013
© Steve Mann, 123RF.com

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Version 2.2 des IMAP-Servers

Taubenschlag de luxe

Der nach dem englischen Wort für Taubenschlag benannte überaus populäre IMAP-Server erreicht die Version 2.2. Zwei neue Extensions und ein Rewrite geben den Dovecot-Befürwortern Futter.

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Knapp drei Jahre nach dem flüggen Dovecot 2.0 [1] steht die Release der Version 2.2 ins Haus. Das bringt eine Fülle an Änderungen, Verbesserungen und Erweiterungen mit sich, von denen drei besonders ins Auge fallen: die Unterstützung der Lemonade-Extensions, die Implementierung des so genannten Special-Use-Kommandos und ein kompletter Rewrite des Dsync-Befehls.

Unverfügbar

Ein geheimes Naturgesetz sorgt offenbar dafür, dass sich der Funktionsumfang eines Mobiltelefons und die Verfügbarkeit der dafür notwendigen Stromversorgung in stetem Ungleichgewicht befinden. Einige Nutzer begegnen diesem Umstand, indem sie Pre-Smartphone-Geräte einsetzen und diese Beschränkung zur freiwilligen Askese erklären. Die Vertreter der anderen Fraktion bauen bessere Akkus ein, tragen Ersatzbatterien im Gepäck und zeichnen sich durch eine gewisse Affinität zu Statistik-Apps für Akkus aus.

Beiden hilft Dovecot, indem es in Version 2.2 die Lemonade-Extensions fast vollständig implementiert. Diese Erweiterungen sind speziell für "eingeschränkte Clients" gedacht. Das dürfte alle mobilen Nutzer freuen, denn unter diesem Begriff summieren die Autoren des zugehörigen RFC 5550 [2] nicht nur die stolzen Besitzer von Smartphones. Vielmehr schließt er auch Laptop-Nutzer ein, die auf Reisen sind und deren Internetanbindung etwa wegen eines Satelliten-Uplinks sehr hohe Latenzen aufweist.

Herausgekommen ist am Ende ein ganzes Bündel an Erweiterungen, die – protokollübergreifend – Ressourcen beim Verfassen und Verarbeiten von E-Mails sparen, wo es nur geht. Und dabei gehen sie wirklich gründlich vor. Die Lemonade-Erweiterungen beginnen beim Aufbau einer TLS-Session damit, dass sie eine komprimierende Verbindung einfordern, um den Datentransport zu beschleunigen. Damit Server und Client nur Daten austauschen, die der Client im konkreten Anwendungsfall auch wirklich benötigt, sorgen diese Extensions dafür, dass der Server nur die tatsächlich erwünschten Informationen übermittelt.

Soll Dovecot eine bereits vorliegende Nachricht – eventuell erweitert – weiterleiten, sehen die Lemonade-Extensions dafür die Methode "Forward ohne Download" vor. Dabei übermittelt der Client dem Server nur die Differenz an Zeichen zwischen der neuen und der alten E-Mail. Die passenden Erweiterungen sorgen dafür, dass das eigentliche Bearbeiten der E-Mails auf dem Server geschieht.

Die Extensions helfen beim Extrahieren und Einfügen der MIME-Parts, die der Sender weiterverwenden will. Ist die Nachricht versandbereit, sorgt der Client dank der BURL-Erweiterung dafür, dass der SMTP-Server die Nachricht direkt vom IMAP-Server abholt. Das passiert inklusive sicherer SASL-Authentifizierung und verschlüsselten Transports und ohne den Umweg über den Client.

Die Ressourcen-intensive Verarbeitung findet auf dem Server statt, der meist keinen Mangel an Bandbreite, Speicher oder CPU-Power aufweist. Die Lemonade-Extensions lassen sich zudem problemlos in bestehende E-Mail-Landschaften integrieren. Das ist ein großer Vorteil, denn alte Clients nutzen auf diese Weise IMAP und SMTP-Dienst unverändert, während neuere Clients voll in den Genuss der Lemonade-Fähigkeiten kommen.

Hausgemachte Probleme

Ein Klassiker unter den Supportanrufen beim Betreiber eines Mailservers lautet etwa so: "Ich habe mit meinem Client XY eine Nachricht gesendet und jetzt finde ich sie im Webmailer Z nicht mehr. Auf dem Handy auch nicht. Und warum zeigt mein Client plötzlich so viele Ordner an? Sind »Sent« und »Gesendete Objekte« nicht dasselbe? Ah, da ist sie ja!"

Auch wenn es bisweilen Freude bereitet, anderen Menschen beim selbstständigen Denken zuzuhören, ist das kein Anlass sich überlegen zu fühlen. Vielmehr offenbart sich hier eines der fundamentalen IT-Probleme: Programme werden noch immer zu häufig von Experten für Experten entwickelt.

In der IMAP-Welt herrscht vor allem deshalb ein Ordnerchaos (Abbildung 1), weil die Entwickler des Protokolls in all den Jahren nicht daran dachten, dem Client zu zeigen, welche Ordner für welchen Gebrauch bestimmt sind. Wäre dies der Fall, könnte der Mailclient die dem User bekannten Ordnernamen behalten und sich einfach dynamisch an die Gegebenheiten auf dem Server anpassen – produkt- und sprachübergreifend.

Abbildung 1: Typisches Bild für IMAP-Nutzer – hier in Thunderbird: Doppelt und dreifach angelegte Ordner, mitunter noch in verschiedenen Sprachen.

Erst als Vertreter von Vodafone beim Optimieren der Mail-Infrastruktur ihrem Frust und Ärger wegen der mit diesem Problem verbundenen Support- und Migrationsaufwände Luft machten, kam Bewegung in die Angelegenheit. Recht zügig wurde eine neue IMAP-Erweiterung angeregt, die das IETF dann im März 2011 als "IMAP LIST Extension for Special-Use Mailboxes" im RFC 6154 [3] standardisierte. Seit Version 2.1 beherrscht Dovecot die nach dem Standard benannte Special-Use-Extension. Das Feature lässt sich über die Konfigurationsdatei »15-mailboxes.conf« schnell aktivieren (Listing 1) und über eine Telnet-Session mit dem IMAP-Server problemlos verifizieren.

Listing 1

Special-Use-Konfiguration

01 namespace inbox {
02   mailbox Drafts {
03     special_use = \Drafts
04     auto=subscribe
05   }
06   mailbox Junk {
07     special_use = \Junk
08     auto=subscribe
09   }
10   mailbox Trash {
11     special_use = \Trash
12     auto=subscribe
13   }
14   mailbox Sent {
15     special_use = \Sent
16     auto=subscribe
17   }
18 }

Fast unerwartet implementierte Microsoft diesen Standard auch in Outlook 2013, während Apple und Google lieber eigene, proprietäre Wege gehen. Der vollständige Einbau dieses Feature in Thunderbird steht noch aus (siehe Kasten "Mozilla Thunderbird"). Android-Nutzer stoßen hingegen auf E-Mail-Clients wie K-9 (Abbildung 2) oder Kaiten, die mit der Funktion zurechtkommen.

Abbildung 2: Der K-9-Client für Android beherrscht bereits das fortgeschrittene Special-Use-Feature.

Mozilla Thunderbird

Der einzige auf Linux, Windows und OS X verfügbare E-Mail-Client Mozilla Thunderbird musste in den vergangenen Monaten ziemlich viel einstecken. Die Ankündigung der Mozilla Foundation, Thunderbird ab Ende 2012 nicht mehr aktiv weiterzuentwickeln, sondern nur noch Extended Support Releases (ESR) zu veröffentlichen und Mitarbeiter abzuziehen, haben das Projekt nahezu verwaist zurückgelassen. Während die Foundation sich mit allen verfügbaren Kräften Firefox OS und weiteren neuen Feldern zuwendet, betreibt die so "beschenkte" Community Bestandsaufnahme und organisiert sich, um die Entwicklung wieder aufzunehmen.

Darunter leidet auch die Client-seitige Implementierung der Special-Use-Funktion. Die größten Hürden sind genommen, doch im Detail fehlen Korrekturen, die zudem noch die Wächter des Repository passieren müssen. Es ist ungewiss, wann genau das Special-Use-Feature in Thunderbird landet. Ein greifbarer Termin scheint die nächste Langzeitversion zu sein, die am 17. September 2013 erscheinen soll.

Kombiniert mit der Software Automx [4], die E-Mail-Konten nahezu automatisch konfiguriert, wird das Einrichten eines Mailkontos einfach, und die Anwender können sich auf ihr eigentliches Ziel konzentrieren – das Versenden und Empfangen von E-Mails.

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