Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 03/2013

Neuländler

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Der Artikel ab Seite 22 betritt mit seinem Thema Neuland. Noch niemand Unabhängiges hat sich ernsthaft drangesetzt, die Maßnahmen zur Paketpflege bei Linux-Distributionen systematisch zu untersuchen. Der fünfseitige Beitrag macht einen Anfang – und der war schwer genug: Obwohl langfristig vorbereitet, erwies sich das Recherchieren und Bewerten der Update- und Upgrade-Ereignisse von Open Suse, Fedora, Debian, Ubuntu, RHEL und SLES als komplex. Denn jede Distribution verwendet selbst erfundene Versionsschemata und Paketnamen – manche sind länglich und überbestimmt, andere behalten bei kleinen Fixes die Paketversion kurzerhand bei, wohl um dem Anwender Stabilität zu signalisieren.

Zum Herumgrasen in zumindest den frei zugänglichen Repositories hatte sich die Magazin-Redaktion der Unterstützung von Perl-Kolumnist Michael Schilli versichert. Der lieferte mit seinem Artikel (Seite 94) prompt ein Tool ab, das Pakete auf den Servern der Distributoren gezielt sucht und zusammen mit dem Veröffentlichungsdatum ausgibt. Das per Plugin zur jeweiligen Distribution passend gemachte Perl-Programm erwies sich überraschenderweise in der Redaktion als teilweise unzuverlässig. Ein paar Tests machten klar, dass nicht die Programmierkunst von Perlmeister Schilli ursachlich war, sondern die Repositories selbst. Einige Betreiber der Server löschen nämlich solche Pakete aus den Verzeichnissen, für die es neuere gibt. Das konterkariert natürlich die Paket-historische Aufarbeitung, da der Zeitraum zwischen dem letzten Update und dem Releasedatum der ganzen Distribution dem digitalen Radiergummi zum Opfer fällt.

Dass der genannte Artikel nun erscheint, beweist, dass die Redakteure das Problem auf andere Weise in den Griff bekommen haben. Die Geschichte zu erzählen lohnt trotzdem, weil sich die Löschlust der Repository-Admins auch auf all die Benutzer der Distribution auswirkt, die ihre Linux-Rechner nicht täglich hochfahren. Mancher wird sich gefragt haben, warum ihn sein Paketmanager mit Fehlermeldungen über nicht gefundene Pakete bombardiert, wenn er den Rechner eine Zeit lang nicht benutzt hat – bereinigte Repositories sind schuld. Betroffene User müssen dann die Paketliste vom Server neu einlesen, was mindestens für Rechner unpraktisch ist, die sich unbeaufsichtigt updaten sollen.

PCs, die noch länger aus gewesen sind, geraten sogar in die Gefahr, Opfer komplexer Ringabhängigkeiten zu werden, beispielsweise wenn der erste Updateversuch mit einer alten Paketliste teilweise ge- und teilweise misslingt. Dadurch kommen einige ganz neue Pakete ins System, deren Abhängigkeiten wiederum ganz andere Pakete nachziehen wollen, deren Dependencies sich mit alten Paketen beißt. Zurück bleibt ein System, das auch mit einer neuen Paketliste nicht mehr updatebar ist. Ein ebenso tödliches Ergebnis erzielen Benutzer leicht, wenn sie ein paar Wochen nach dem Ende des Maintenance-Zeitraum mit ihren Systemen beim Distributor ihres Vertauens antraben. Der hat mit einiger Wahrscheinlichkeit in der Zwischenzeit auf seinen Servern alle oder – besonders perfide – nur einige Repositories gelöscht oder zumindest krude umbenannt. Auf jeden Fall crasht nun die Paketverwaltung des Users und kriegt auch keine valide Paketliste mehr zusammen.

Was mag die Serverbetreiber zu ihrer manischen Löschlust treiben? Die Preise für TByte-Platten machen ökonomische Motive unwahrscheinlich. Zu vermuten ist ein Mangel an Empathie: Die Serveradmins zählen sicherlich zu den Early Adopters der eigenen Distribution, die jedes Stück eigener Hardware jeden Tag updaten und niemals eine Release auslassen. Neuland zu betreten, ist für sie der Normfall. Dass es Gelegenheitsanwender gibt oder mancher Rechner wochenlang ohne Internet auskommen muss, liegt außerhalb ihrer Vorstellung.

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