Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 01/2013

Gebirgig und top

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Vorurteile sind nicht wartungsfrei. Hat man welche, muss man sie entweder pflegen oder revidieren. Was zum Beispiel denken Deutsche über Schweizer? Meistens nichts – es gibt ja vergleichsweise wenige davon. Und wenn doch, dann bestimmen Klischees über Banken, Steuerhinterziehung, Uhren, Armeeknarren im Kleiderschrank, hohle Gassen und Hustenbonbons das Bild.

In einer komplizierten Welt haben Vorurteile natürlich eine Funktion – sie nehmen Komplexität aus dem System und helfen uns den volatilen Rest besser zu verstehen. Im günstigsten Fall sind sie richtig, dann erfüllen Vor-Urteile ihren Zweck und fungieren als eine Art Rainbow Tables fürs normale Leben. Jedes unzutreffende Vorurteil jedoch führt auf den Holzweg. Darum sind die Dinger nicht wartungsfrei, man sollte sie ab und zu überprüfen wie eine Gastherme.

Gelegenheit dazu bietet die "Schweizer Open Source Studie 2012", die dieser Tage im Land des Rütlischwurs erschienen ist (siehe Meldung Seite 15). 93 Prozent aller untersuchten Schweizer Organisationen setzen bewusst Open-Source-Software ein. Bei Behörden und großen Firmen sind es sogar 100 Prozent. Die Unterstützung offener Standards und Schnittstellen nannten die Studienteilnehmer als häufigste Ursache für die große Akzeptanz.

Es bleibt festzuhalten: Schweizer setzen freie Software mit großer Selbstverständlichkeit und in ungewöhnlich hohem Maße ein. Dass dies überrascht, liegt an dem Vorurteil, das dem Schweizer an sich angesichts von Käsefondue, Minarettstreit, Kurt Felix und DJ Bobo unterstellt, keinen ausgeprägten Hang zu Innovationen zu besitzen. Offenbar falsch! Selbst in schattigsten Alpentälern blüht eine reich- und nachhaltige Open-Source-Anwenderkultur, von der sich andere Länder mit einem helvetischen Taschenmesser eine Scheibe abschneiden können.

Dabei sind die Eidgenossen auch anderswo vorn dran: Das Schweizer Unternehmen Blacksocks webt RFID-Chips in Socken. Das zugehörige Lesegerät liefert die Daten an eine iPhone-App, die nach dem Waschen hilft, die Socken wieder zu Paaren vereinigen – eine Innovation auf leisen Sohlen, die Asymmetrie-bedingte Peinlichkeiten bei Bewerbungsgesprächen und One-Night-Stands verhindern hilft.

Die Schweiz deckt nicht nur zwei Drittel ihres Elektrizitätsbedarfs mit Wasserkraft, auch die Nachhaltigkeit der Landwirtschaftsbetriebe ist im Vergleich zu anderen Ländern weit fortgeschritten. Es käme keiner Überraschung gleich, wenn der Apparat einer französischen Firma, der sich momentan in europaweiter Erprobung befindet, schweizweit ein Verkausschlager würde. Gemeint ist ein Hightech-Halsband für Kühe, das die Vitaldaten der Trägerin erfasst und per SMS an den Landwirt und einen Internetserver schickt.

Die Bäurin oder der Bauer bekommen auf diese Weise rechtzeitig mit, dass eine Kuh kalbt oder gerade die kurze Brunstzeit beginnt. Züchter brauchen nicht mehr nächtens die Ställe zu durchstreifen oder über feuchte Weiden stolpern, sondern erfahren per SMS, dass Fränzi in den Wehen liegt oder dass sie Urs zu Bethli führen sollten, um ein neues Kälbchen zu initiieren.

Den Schweizern, die Tradition und Moderne so meisterlich zu versöhnen verstehen, ist auch die Weiterentwicklung der landwirtschaftlichen SMS-Lösung zuzutrauen. Das Interesse der Paarhufer vorausgesetzt, sollten diese doch untereinander twittern und Fotos von lila Kühen austauschen oder über Agrarsubventionen bloggen können. Die Sache gelingt, sobald innovative Eidgenossen die nötige Rind-Maschine-Schnittstelle definiert haben – und natürlich stellen sie die unter eine freie Lizenz.

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