Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 01/2013
© Robert Paul Van Beets, 123RF.com

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Libre Office Conference 2012 in Berlin

Fliegender Start

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"Wir stehen erst am Anfang!" Mit dieser Untertreibung hat Florian Effenberger in seiner Keynote die Libre Office Conference in Berlin eröffnet. Das klingt angesichts von 60 Millionen Usern unnötig bescheiden, kann doch das Projekt auch mit erstaunlichen Fakten und Erfolgsgeschichten aufwarten.

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"Wenn Du an eine Abzweigung auf Deinem Weg kommst, dann bieg ab!" Das Zitat stammt von dem amerikanischen Baseballstar Yogi Berra, und es ist kein Zufall, dass Italo Vignoli von der Document Foundation es seiner Keynote auf der Libre Office Conference voranstellt. Die Entscheidung, Libre Office von Open Office im Grundsatz und von Sun im Besonderen abzuspalten, scheint heute, zwei Jahre später auf der Libre Office Conference 2012 betrachtet, genau die richtige gewesen zu sein.

Anlass zu dieser Vermutung gibt bereits die Wahl des Veranstaltungsorts: Im repräsentativen Konferenzzentrum des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie trafen sich Mitte Oktober mehrere Hundert Entwickler und Anwender (Abbildungen 1 und 2, [1]). Schon die nackten Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: 60 Millionen Benutzer bei 90 Millionen Downloads innerhalb von nur zwei Jahren. Wohl auch weil sich darunter immer mehr Behörden und Institutionen finden, traten dieses Mal gleich zwei Bundesministerien (Innen und Wirtschaft) als Gastgeber auf.

Abbildung 1: In die pompösen Hallen des Bundeswirtschaftsministeriums in Berlin hatte die Libre Office Community geladen, und die Entwickler und Anwender kamen zahlreich.

Abbildung 2: Workshops, Round Tables, Vorträge und gemeinsames Arbeiten an Libre Office stand im Mittelpunkt des dreitägigen Events.

Erwartungen dämpfen

Sichtlich schwer taten sich die Vertreter der Foundation damit, ihre demonstrierte Bescheidenheit angesichts der vielen Erfolge zu begründen. Die umfangreichen Statistiken, die Effenberger [2] und Vignoli [3] aufzählen, sprechen für sich: Hunderte von Sprachen unterstützt Libre Office mittlerweile, Bugs werden schneller geschlossen als je zuvor,

Zahllose Erfolgsgeschichten, von München über Kopenhagen, Umbrien, Mailand, Limerick, Griechenland, Florida bis nach Chicago belegen die Beliebtheit des freien Office. 80 Prozent der Anwender benutzen übrigens Windows als Betriebssystem, 10 Prozent Apples OS. Auch Vignoli hat der große Erfolg überrascht: "Es fällt schwer, zu glauben, was da in den letzten zwei Jahren alles passiert ist." Die Keynote des Italieners strotzt nur so von Infografiken (Abbildung 3).

Abbildung 3: Ein Diagramm aus Vignolis Keynote zeigt die Commits von Red Hat (rot), Suse (grün) und von Freiwilligen (blau) in 2011 und 2012 (außen).

Den Löwenanteil der Entwicklung an Libre Office leisten Freiwillige sowie Suse und Red Hat, wobei die letzten beiden seit 2011 mächtig zugelegt haben. Sowohl Wiki- als auch Bugfix-Beiträge werden mehr, während gleichzeitig die Anzahl der gemeldeten Bugs abnimmt und immer mehr (alte) deutsche Kommentare aus den Quelltexten verschwinden, berichtet Vignoli. Innerhalb nur eines Jahres sei die Anzahl der Downloads von durchschnittlich 250 000 auf knapp 400 000 pro Woche gestiegen, Tendenz steigend.

Die Anzahl neuer Codebeiträge sei heute knapp zehnmal so hoch wie noch vor zwei Jahren. Laut Vignoli engagieren sich zurzeit etwa 320 Gelegenheitsprogrammierer, 150 Stammgäste und etwa 60 bezahlte Vollzeitprogrammierer im Projekt. Auch das Qualitätsmanagement lege zu: Seit Version 3.4 habe das Team das Unit-Testing (in Gnumake) von zehn auf knapp 100 Tests (in 3.6) ausgeweitet, die jeweils eine ganze "Batterie" an Untertests durchführten. Dass die Community funktioniert, zeigt sich aber auch in Hackfesten, dem Mentoring-Programm sowie vielen Events und Vorträgen der Stiftung.

Ausblick

Priorität auf der Roadmap hat die mobile (Android-)Variante von Libre Office, sind Tablets derzeit doch die einzige Plattform, auf der das freie Office noch nicht verfügbar ist. Außerdem steht noch das Cloud-Office auf der Liste, also das von Michael Meeks betriebene und mit Hilfe von Guacamole bewerkstelligte Office im Browser [5]. Doch auch davon abgesehen gibt es noch zahlreiche andere Baustellen, zum Beispiel die leidige Serienbrieffunktion, mit der einige der anwesenden Behördenvertreter so gar nicht glücklich sind.

Wer die Konferenz besuchte oder die Vorträge online durchforstet, kann sich des Eindrucks nur schwer erwehren, dass das Vorzeigeprojekt der Open-Source-Community mächtig an Fahrt aufgenommen hat und auf dem besten Weg ist, sich in Sachen freies Office durchzusetzen.

Im Gespräch mit Vertretern von Behörden zeigt sich auch, dass der Druck "von unten her" wächst. Dem können sich offenbar auch übergeordnete Institutionen wie Wirtschafts- und das Innenministerium nicht entziehen. Vielleicht lässt sich beim nächsten Mal ja auch der eine oder andere Gastgeber, ein Staatssekretär oder gar Minister blicken.

Infos

  1. Libre Office Conference Berlin:http://conference.libreoffice.org
  2. Florian Effenbergers Keynote: http://wiki.documentfoundation.org/images/5/53/LibOCon2012Welcome.pdf
  3. Italo Vignolis Slides: http://conference.lib-reoffice.org/program/wednesday-premier-track/libreoffice-the-state-of-the-project
  4. Markus Feilner, Florian Effenberger, "GTK führt Regie": Linux-Magazin 02/12, S. 58
  5. Alle Vorträge der Konferenz: http://conference.libreoffice.org/talks

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