Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 05/2012

Weltherrschaft reloaded

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Freundlich und unverbindlich beginnt die Konversation am Messestand des Systemhauses. "Wie geht's Ihnen denn?", fragt der Mitarbeiter seinen Besucher. Doch die körperliche Unversehrtheit des Gegenübers interessiert ihn nur am Rande. Mit den folgenden freundlich-zurückhaltenden Fragen wie: "Sind Sie zufrieden? Alles klar im Job, alles so wie Sie es sich vorstellen?", legt der Gesprächspartner nach. So langsam dämmert es auch dem Unbedarftesten, dass er kurz vor einem Anwerbeversuch steht, wenn er jetzt nur die richtigen (oder die falschen) Antworten gibt.

Vor allem Linuxern passiert dies derzeit häufig. Pinguin-Kenner, die in ihrem jetzigen Biotop unzufrieden sind, finden schnell eine neue Bleibe, nicht selten zu deutlich besseren Konditionen. Headhunter haben Hochkonjunktur und versenden eifrig Mails, Wirtschaftsbosse verlangen plakativ nach großzügiger Zuwanderung von (billigeren) IT-Kräften, Arbeitgeber werben mit mehr Geld oder Freizeit, flexiblen Arbeitszeiten und der Unabhängigkeit von einem ortsgebundenen Arbeitsplatz.

Kein Wunder, dass da der Jobwechsel voll im Trend liegt. Zwischen den schicken niedersächsischen Ziegelsteinhäuschen rund um Hannover, wo sich wie jedes Jahr im März die internationale IT-Kompetenz zur Cebit die Klinker in die Hand gibt, tobt der An- und Abwerbekampf. Eigentlich trifft sich die Branche ja zum Austausch über Produkte, Innovationen und Technologien, doch dieses Jahr ist irgendwie so vieles anders.

Wer derzeit Arbeitnehmer ist und IT- oder gar Linux-Qualifikationen mitbringt, kann sich auf Europas größter Fachmesse nur schwer dieser Hochstimmung oder den Anwerbeversuchen entziehen. Linux-Admins und -Entwickler sind ein begehrter "Rohstoff", während auf der Gegenseite die Arbeitgeber stöhnen. Aufträge warten, die Umsätze bleiben unter dem Möglichen, weil die Mitarbeiter fehlen. Man könnte ja, wenn, ach ja, wenn man nur mehr geeignete Mitarbeiter fände, so der Tenor.

Linux im Boom – wie bitte? Doch die Zahlen sprechen für sich: Die IDC rechnet vor, wie erfreulich die Anzahl der Linux-Server wächst, neuerdings sogar auch auf Kosten von Microsoft. Im "Spiegel" ("Nie wieder Viren!"), der "Süddeutschen Zeitung" ("So findet jeder das richtige Linux") und anderen Magazinen plaudern Neueinsteiger charmant davon, wie leicht es doch sei, den eigenen Laptop mit dem freien System zu betreiben. Eine amerikanische Studie bescheinigt freier Software, mit 0,45 Fehlern pro 1000 Zeilen Code weniger als halb so viele Fehler zu enthalten als der Durchschnitt aus der Software-Industrie mit 1,0 Fehlern pro 1000 Codezeilen. In PHP oder PostgreSQL fänden sich gar nur 0,2 Fehler. Acht von zehn Unternehmen wollen 2012 Linux-Kompetenz aufbauen, laut "IT World" basiert "jede derzeit heiße Technologie irgendwie auf Linux" – von der Cloud über Android zu Big Data und ARM-Systemen. Auf der Fachmesse Embedded World ist Linux kein Thema, weil es jeder verwendet. Googles Chris Di Bona nennt Android "den wahr gewordenen Traum vom Linux-Desktop". Der soll ja 2012 auch auf x86-Architekturen richtig abheben. Alles nur ein Hype?

Vor knapp 17 Jahren erklärte ein finnischer Entwickler die "Linux World Domination" zum Ziel. Damals war das ein Witz, über den Generationen von Linuxern gelächelt haben. Doch 2012 sind Linux-Kenntnisse gefragt wie nie zuvor, Konzepte wie Schwarm-Intelligenz, Crowd-, Cloud- und Community-Strukturen auch in den Geschäftsmodellen angekommen, neue Berufsbilder wie das des Community-Managers entstanden. So gut wie jetzt standen die Zeichen für Menschen mit Linux-Know-how lange nicht, und interessanterweise scheinen dieses Mal die Arbeitnehmer davon zu profitieren.

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