Anfang Februar veröffentlichten die Libre-Office-Entwickler einen neuen Release Candidate des freien Büropakets [1]. Alle Komponenten kommen mit Neuerungen oder Verbesserungen, auch das Zeichenprogramm Draw und die Präsentations-Software Impress. Gerade für Draw hatte die Nutzergemeinde in der Vergangenheit mehrfach den Wunsch geäußert, MS-Visio-Dateien bearbeiten zu können. In Rekordzeit stellten die Entwickler einen Importfilter für VSD-Files auf die Beine. Das Präsentationstool erweiterten sie ebenfalls um eine Importfunktion für Zeichenobjekte.
Um die beiden neuen Features zu prüfen, installierten die Tester Libre Office 3.5 (RC3 vom zweiten Februar, [2]) auf einem aktuellen Ubuntu-System (11.10). Sie deinstallierten zuvor die 3.4-Variante, wie im Wiki empfohlen [3]. Zwei selbst erstellte Dokumente sollen danach beweisen, wie ausgereift die neuen Features tatsächlich sind. Draw wagt sich an ein mit Visio erzeugtes Netzwerkdiagramm, Impress importiert eine Powerpoint-Präsentation mit veränderbaren Formen.
Visionen in Draw
MS Visio erfreut sich vor allem in vielen Firmen und bei etlichen Windows-Anwendern großer Beliebtheit. Ein Grund dürfte die intuitive Oberfläche des Visualisierungstools sein. Zudem lassen sich die einzelnen Visio-Schablonen mit Daten aus beliebigen Datenbanken und Excel-Tabellen verknüpfen.
Bisher war es unmöglich, VSD-Dateien mit einem alternativen Programm unter Windows oder Linux zu öffnen. Anwendern blieb nur den Weg über den Export in ein anderes Format. Das ändert sich jetzt mit der neuen Libre-Office-Importfunktion von Draw. Mit Hochdruck haben die Entwickler in den letzten Monaten an dem Filter [4] gearbeitet – und er ist ihnen erstaunlich gut gelungen, wie die Tests zeigen. Die vorgefertigten Visio-Zeichenobjekte sind teilweise recht filigran. Dass die komplexen Vektorstrukturen beim Import in Draw erhalten bleiben, war offenbar das Hauptziel, und mit dem, was in Draw ankommt, können Anwender gut arbeiten (Abbildung 1).
Abbildung 1: Ein Diagramm mit Netzwerkstrukturen – einmal in MS Visio (oben) und in Libre Office Draw (unten): Die feinen Linien und die Details der Symbole sehen nach dem Import unverändert aus. Somit ist es nun erstmals möglich, VSD-Dokumente von Windows-Nutzern unter Linux zu öffnen.
Das Zeichenprogramm speichert die importierten Dateien als Open-Document-Zeichnung (Endungen ».fodg«
und ».odg«
) beziehungsweise -Vorlage (».otg«
) sowie als Star-Office-Zeichnung (».sxd«
) und -Vorlage (».std«
). In allen Varianten zerfallen im Test die ehemals gruppierten Icons aus dem Netzwerkdiagramm beim Import in ihre Einzelteile.
Als problematisch erweist sich der fehlende Verbund aber erst dann, wenn der Nutzer die geänderte Datei nach dem Speichern erneut öffnet. Bei einigen Zeichenobjekten, etwa dem Telefon und dem Laptop, verschieben sich ein paar Linien (Abbildung 2). Auch das erneute Gruppieren der Objekte vor dem Abspeichern in Draw löst das Problem nicht – hier ist Handarbeit angesagt.
Abbildung 2: Nach dem Abspeichern als ODG-Datei und erneutem Öffnen in Draw hat der Laptop leicht verschobene Linien.
Ein Zurück zur Microsoft-Anwendung gibt es übrigens nicht. Das Windows-Programm öffnet keines der in Draw angebotenen Formate, auch der Export als Vektorgrafik (».svg«
) liefert kein brauchbares Ergebnis. Das ist aber zu verschmerzen, zumal das Feature ja auch als Importfilter und nicht als Exportfilter angekündigt ist – vielleicht folgt dieser ja auch irgendwann.
Impress versus Powerpoint
Die Liste der Neuerungen in Libre Office 3.5 [5] zeigt in zwei Screenshots anschaulich die Verbesserungen beim PPTX-Import benutzerdefinierter Formen. Die Vorgängerversion 3.4 veränderte einen Großteil der Custom Shapes noch stark, einige verschwanden beim Import komplett. In der neuen Release sind alle in Powerpoint angelegten Formen vorhanden, wie Abbildung 3 zeigt. Auch die verknüpfte Verweislinie einer Legendenform bleibt erhalten.
Abbildung 3: Das Testdokument sieht in Powerpoint (oben) genauso aus wie in Impress (unten). Alle Formen importiert das Präsentationstool klaglos.
Anwender können mit den optisch identischen Formen weiterarbeiten. Größen- und Lage-Änderungen sowie Veränderungen der enthaltenen Textfelder erweisen sich nicht als Problem. Die 3-D-Funktionen komplizierter Formen sind jedoch nur eingeschränkt verfügbar. So lässt etwa die Verweislinie einer Legende keine Veränderung mehr zu. Versucht der Nutzer diese Restriktion zu umgehen, verschwindet sie sogar völlig.
Eine Enttäuschung erlebten die Tester beim Versuch, eine solche Präsentation in Impress zu speichern. Sowohl das originale PPTX-Format als auch das native ODP drücken der Datei ihren Stempel auf und verändern die Formen bis zur Unkenntlichkeit (siehe Abbildung 4). Der Hinweis, dass das Dokument Formatierungen und Inhalte enthalten kann, die das Programm nicht in dem aktuell ausgewählten Format zu speichern vermag, tröstet da nur wenig.
Abbildung 4: Nach dem Abspeichern und erneuten Öffnen einer Powerpoint-Präsentation mit Formen zeigen sich diese weit entfernt vom Original. Die PPTX-Datei präsentiert nur noch gleichförmige Rechtecke und unschöne Artefakte.
Auch der versprochene Import von Smart-Art-Objekten in Impress klappt nicht. In Powerpoint können solche Objekte Aufzählungen grafisch aufbereitet anzeigen. Der Clou ist, dass Anwender den Textinhalt auch weiterhin wie normalen Text editieren können und nicht direkt in das Objekt hineinschreiben müssen. Impress importiert diese Smart-Art-Objekte in der neuen Version, verliert auf dem Weg aber deren eigentliche Funktionalität.
Nach dem Import stehen dem Nutzer nur die in einzelne Grafikobjekte zerlegten Elemente mit Textboxen zur Verfügung. Beschriftungen muss er dort direkt ändern. Das wäre zu verschmerzen, aber auch hier offenbart sich nach dem erneutem Öffnen ein trauriges Bild. Die Objekte sind nicht mehr besonders smart, sondern fast alle verschwunden. Händisches Nachbessern ist somit ausgeschlossen.