Open Source im professionellen Einsatz

Alien und Turbo Dalvik

Eine Sonderrolle unter den Android-Tools für fremdartige Plattformen nehmen die der Schweizer Firma Myriad [10] ein. Im Frühjahr 2010 hatte sie erstmals auf dem Mobile World Congress in Barcelona ihre Dalvik-Alternative namens Turbo Dalvik präsentiert, mit der Apps "bis zu dreimal" schneller laufen sollen als mit Googles Original-Engine [11]. Gleichzeitig, so die Ankündigung, solle sie Ressourcen-schonender sein und den Akku deutlich weniger belasten. So wären endlich auch "grafisch deutlich intensivere Spielerlebnisse" möglich. August 2010 meldete der Hersteller, sein Produkt auch an die MIPS-Plattform angepasst zu haben (Kasten: "Interview: Wo bleibt der Turbo-Alien?"). Von Turbo Dalvik steht immerhin schon eine Testversion für registrierte Partner bereit.

Interview: Wo sind die Turbo-Aliens?

Olivier Bartholot ist Vizepräsident fürs Business Development der Schweizer Myriadgroup und beantwortete die Fragen des Linux-Magazins.

Linux-Magazin: Herr Bartholot, warum gibt es keine Testversionen von Myriads Software?

Bartholot: Wir beliefern ausschließlich Hersteller, keine Endkunden, sondern zum Beispiel die Branchen für Mobiltelefone, Consumerelektronik, Automobilbau und Flugzeugbau.

Firmen wie MIPS Computer Systems Inc., unser erster Dalvik-Turbo-Kunde, arbeiten mit unserer Software. Wir haben den MIPS-Support Anfang 2011 bekannt gegeben, jetzt rollen die das bei ihren Kunden in Asien aus.

Android-Apps auf I-OS

Linux-Magazin: Was genau haben sie auf der Convention der International Association for Wireless Telecommunication CTIA [13] im Oktober präsentiert?

Bartholot: Auf der CTIA 2011 zeigten wir unsere aktuelle Version von Alien Dalvik 2.0, also Android-Apps, die auf I-OS laufen, ein Video davon gibt es auf [14]. Aber das ist nur ein Beispiel dafür, dass wir Alien Dalvik auf jedem Betriebssystem und vielen Hardwareplattformen betreiben können.

Alle Hard- und Software-Plattformen

Linux-Magazin: Welche Plattformen wird Alien Dalvik unterstützen? Gibt es Einschränkungen bezüglich der darunter liegenden Hardware (zum Beispiel nur MIPS und ARM oder auch x86) oder des Betriebssystems?

Bartholot: Da gibt es keine Einschränkung, weder bei Hardware noch bei Software. Wir entwickeln heute auf ARM, auf x86 und auf MIPS sowie diversen Linux-Varianten. Und es gibt noch einige weitere Plattformen, über die ich hier noch nichts verraten darf.

"10 bis 500 Prozent schneller"

Linux-Magazin: Gibt es denn öffentlich einsehbare Benchmarkergebnisse für Turbo Dalvik und Alien Dalvik?

Bartholot: Ja, die gibt es. Auf dem N 900 (Abbildung 8) erreicht Caffeine mit Turbo Dalvik 3536 Punkte gegenüber 2349 Punkten (Google Jit, N 900) oder 1776 Punkten auf einem HTC Legend mit Google Jit und Android. Aber der Performancegewinn mit Turbo Dalvik hängt stark von der verwendeten Plattform ab. In manchen Fällen beträgt er nur 10 Prozent, in anderen schwankt er zwischen 300 und 500 Prozent, das variiert stark je nach Benchmark, den die Tester heranziehen.

Patente spielen keine Rolle

Linux-Magazin: Wie sehen Sie die Patentproblematik? Gibt es bereits diesbezüglich Kontakte zu Apple und Oracle und anderen Patenteigentümern?

Bartholot: Das sehen wir gelassen. Wir haben lange Erfahrung im Java-Universum und daher auch diverse Patente in unserem Portfolio. Über potenzielle Kooperationen oder Allianzen darf ich leider nichts öffentlich sagen.

Q1/2012: Alien-Dalvik auf Basis von ICS

Linux-Magazin: Wie sieht ihre Roadmap bezüglich Ice Cream Sandwich aus?

Bartholot: Alien Dalvik unterstützt Froyo, also Android 2.2. Version 2.3 hatte nicht genug Verbreitungsgrad für uns. Alien Dalvik verwendet den Android-Code, der der Apache-Lizenz untersteht, und weil Google keine Quelltexte veröffentlichte, schied auch Android 3 für uns aus.Das bedeutet aber, dass wir uns frühzeitig ganz auf Android 4 konzentrieren konnten. Unsere nächste Version von Alien Dalvik (2.0), die Ende des ersten Quartals 2012 erscheint, basiert auf Ice Cream Sandwich. Aber die meisten Apps laufen ja auch auf allen Releases.

Ende 2011 legte Myriad nach und brachte mit Alien Dalvik (Abbildung 8, [12]) eine Android-Laufzeitumgebung für alternative Plattformen heraus. Erstmals präsentierte der Hersteller sein Werk für Apple-Geräte auf der CTIA Enterprise Show im October 2011 [13]. Eine Testversion von Alien Dalvik gibt es derzeit nicht, man konzentriert sich auf die Industrie, nicht auf die Endkunden.

Abbildung 8: Derzeit das einzige Gerät, auf dem Alien und Turbo Dalvik aus dem Hause Myriad laufen: das N 900 mit Meego. Aber auf Messen präsentiert der Hersteller bereits I-OS-Varianten. Seine Kunden seien nicht Konsumenten, sondern die Industrie, die die "um bis zu 500 Prozent schnellere" Software verwendet.

Fazit

Eine Reise ins isländische Dalvik ist einfacher bewerkstelligt, als eine Android-App unter Linux zu starten. Aus den vollmundigen Ankündigungen der einzelnen Projekte ist bislang noch nichts geworden.

Die GPL-Softwarae Iced Robot bietet einen interessanten Ansatz, steckt aber noch in einem sehr frühen Entwicklungsstadium, und Googles Emulator aus dem Android-SDK (unterliegt einer eigenen freien Lizenz) läuft nur im Schneckentempo. Da bleibt nur noch Android x86 (APL), das man jedoch unter Linux in einer virtuellen Maschine laufen lassen muss und dessen umständliche Bedienung schnell auf die Nerven geht.

Dazu kommt: Bei keiner der vorgestellten Lösungen hat der Anwender Zugriff auf den Android-Market. Er muss sich folglich die benötigten Apps erst irgendwo anders besorgen, beispielsweise indem er einen Konkurrenzshop besucht oder sie über Umwege mit speziellen Apps aus einem Smartphone herauszaubert.

Schade ist auch, dass mit Linux genau das System, das Android erst möglich machte, bei den Apps außen vor bleibt. Bei genauerem Blick ist auch das proprietär lizenzierte Windows-Programm Blue Stacks nichts anderes als ein Emulator, und Canonical wollte mit seiner Laufzeitumgebung offenbar dem damals noch existierenden Ubuntu-Netbook-Remix mehr Auftrieb verschaffen. Vielleicht kehrt der ja einmal zurück, sollte Ubuntu vielleicht doch Smartphones und Tablets erobern.

DELUG-DVD

Auf der DELUG-DVD liegt ein virtuelles Android-4.0-Image, das direkt von der DVD starten kann. Neben dieser VMware-Instanz liegt in dem Verzeichnis auch das aktuelle Android-SDK von Google.

Infos

  1. Googles Android-SDK: http://developer.android.com/sdk/index.html
  2. Iced Robot: http://www.icedrobot.org
  3. Android x86: http://www.android-x86.org
  4. Android x86 unter Virtualbox: http://www.android-x86.org/documents/virtualboxhowto
  5. Titelthema "SImplify your Desks": Linux-Magazin 03/11, S. 25 bis 53
  6. Android-Apps auf Ubuntu: http://arstechnica.com/open-source/news/2009/05/canonical-developers-aim-to-make-android-apps-run-on-ubuntu.ars
  7. Eintrag zum Android Execution Environment im Ubuntu-Wiki: https://wiki.ubuntu.com/Specs/AndroidExecutionEnvironment
  8. Blue Stacks: http://bluestacks.com
  9. Arnold Zimprich, "Apps für Windows": Android User 01/12, S. 82
  10. Myriad: http://www.myriadgroup.com
  11. Dreimal schneller mit Turbo Dalvik: http://www.myriadgroup.com/Media-Centre/News/MYRIAD-BRINGS-3x-FASTER-APPLICATIONS-RICHER-GAME-GRAPHICS-AND-BETTER-BATTERY-LIFE-TO-ANDROID.aspx
  12. Alien Dalvik: http://www.madteam.co/2011/10/12/alien-dalvik-2-0-no-barriers/
  13. CTIA Conference 2011: http://www.ctia.org/conventions_events
  14. Video "Alien Dalvik bringt Android Apps auf I-OS": http://www.youtube.com/watch?=rtVVWhgMAyc

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