Liquidizer
Der Informatiker Stefan Dirnstorfer rief Liquidizer 2011 ins Leben. Er hat die Software in Scala implementiert und verwendet das Liftweb Framework [17], Graphviz [18] und Gnuplot [19] sowie Apache Maven [20]. Der Code ist über Github verfügbar und steht unter der MIT-Lizenz. Für den Hausgebrauch geht Liquidizer mit dem Jetty-Webserver [21] und einer H2-Datenbank [22] über Port 8080 in Betrieb. Ein Rootzugang ist nicht nötig, der Einsatz auf einem üblichen Webhosting-Paket könnte aber an Apache Maven scheitern. Alternativ arbeitet Liquidizer mit einem Apache Webserver und einem SQL-Backend zusammen – eine Variante, die bessere Backup- und Replikationsmöglichkeiten bietet.
Ihre Feuertaufe erlebte die Software im Mai 2011 zum Bundesparteitag der Piratenpartei. Um die 1000 Benutzer wählten die bevorzugte Reihenfolge der zur Abstimmung stehenden Anträge. Den Nutzeransturm meisterte Liquidizer problemlos; ein Manipulationsversuch über eine angebliche Sicherheitslücke verhinderte aber den Einsatz der gewonnenen Ergebnisse [23].
Liquidizer setzt auf ein komplexes mathematisches Verfahren, das sich vom binären Ja/Nein verabschiedet. Stattdessen verleiht die Software den Stimmen auf einer Skala von -3 bis +3 ein Gewicht (siehe Abbildung 3). Stehen beispielsweise drei Anträge zur Wahl, in denen der beste Editor der Welt zu küren ist, muss sich der Wähler nicht endgültig für Emacs, Vi oder Joe entscheiden. Stattdessen kann er mit seiner Wertung festlegen, dass er den Joe eigentlich ganz gerne mag, den Vi aber ein bisschen mehr und den Emacs doch nicht so richtig.
Auch Liquidizer kennt Delegationen, nutzt hier aber ebenfalls mathematische Abhängigkeiten, die den Wert der Stimme und der Delegationen beeinflussen. So ist nicht jede Delegation zwingend eine Stimme.
Votorola
Dieses Projekt stammt von einer kleinen Entwicklergruppe, die weitgehend unabhängig von Vereinen oder Parteien agiert. Die Software befindet sich im Prototyp-Stadium, sieht aber bereits jetzt recht vielversprechend aus. Das Tool steht unter der MIT-Lizenz. Es benötigt Open JDK oder die Java-Laufzeitumgebung von Sun in Version 1.6. Darüber hinaus sind Semantic Mediawiki 1.5.5 und PostgreSQL ab Version 8.4 sowie eine Reihe gängiger Mediawiki-Erweiterungen [25] und die Eigenproduktion der Votorola-Macher namens Mailish Username [26] erforderlich. Momentan testet Metagovernment [27] die Anwendung, weitere Alphatester sind laut Aussagen der Macher aber erwünscht.
Was Votorola vor allem von den anderen Kandidaten unterscheidet, sind die offenen Strukturen und das Konzept der kommunikativen Delegationen. Während Letztere bei Adhocracy, Liquidizer und Liquid Feedback eher ein zusätzliches Feature sind, spielen sie bei Votorola eine zentrale Rolle. Das Konzept ist schnell erklärt: Ein Anwender veröffentlicht nicht etwa eine Idee und sammelt dann Stimmen für diese, sondern sucht bei Votorola andere Wähler, die ihre Stimmen auf seine Version der Idee delegieren. Ein Wähler, der 100 Stimmen auf sich versammelt hat, kann nun mit einem anderen Wähler in Verhandlung treten.
War Anna beispielsweise sehr überzeugend und hat 500 Delegationen für ihre Umgehungsstraße auf sich versammelt und Chris 400 Delegationen, die den keuchenden Buntmarder retten möchten, kann er versuchen, mit Anna ein Übereinkommen zu treffen. Sie erhält dann auch seine 400 Stimmen, wenn sie einer alternativen Trasse zustimmt. Mit nun 900 Stimmen haben sie ganz gute Chancen gegen Bens 600 Stimmen, die er sammeln konnte, weil er die Umgehungsstraße viel zu teuer und eine Tempo-30-Zone völlig ausreichend findet.
Delegationen und Diskussionen befinden sich bei Votorola wahrlich beständig im Fluss. Die Benutzeroberfläche erinnert in der aktuellen Version stark an ein Mediawiki (siehe Abbildung 4). Was aber auf den ersten Blick vertraut wirkt, verwirrt bei genauem Hinschauen. Die Navigation ist zu unübersichtlich und eher etwas für gestandene Techies als für politisch interessierte Normaluser. Noch gibt es also viel zu tun, wollen die Entwickler das flexible und komplexe System selbsterklärend abbilden.
Der Mediator
Dieser Testkandidat eignet sich nicht dazu, absolute Antworten zu finden, fängt aber Stimmungsbilder ein und bildet Kompromisse ab, mit denen die Mehrzahl der Teilnehmer leben könnte. Auch zur Meinungsbildung taugt Liquidizer weniger. Die Diskussionsseiten der Anträge haben nicht viel mehr zu bieten als die Kommentarfunktionen eines Blogs. Das reicht aber, um dem Wähler die Möglichkeit zu geben, sein Abstimmungsverhalten zu begründen, echte Diskussionswerkzeuge fehlen jedoch.
Liquidizer empfängt seine Nutzer auf den ersten Blick mit einem freundlichen und aufgeräumten Interface. Es verschleiert geschickt die Lernkurve und den benötigten Aufwand, wenn der Politikinteressierte wirklich verstehen will, wie das genaue Gewicht seiner Stimme zustande kommt. Die Visualisierung der Delegationen oder des Abstimmungsverlaufs schaffen zwar Transparenz, erschlagen aber den technisch unbedarften Benutzer mit einem Riesenpaket Information.
Auch in Bezug auf ihre Privatsphäre müssen Wähler Zugeständnisse machen. Zwar können sie alle ihre Informationen jederzeit rückstandsfrei aus dem System entfernen, bleiben sie aber dabei, ist ihr gesamtes Abstimmungsverhalten inklusive ein- und ausgehender Delegationen für jeden einsehbar.
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