Liquid Feedback
Liquid Feedback ist ein Kind des Public Software Group e.V. und entstand 2009. Das Tool steht unter der MIT-Lizenz. Der Entwicklerverein arbeitet zwar unabhängig von der Piratenpartei, Entstehung und Entwicklung der Software sind aber eng mit ihr verknüpft.
Liquid Feedback ist in Lua [12] implementiert, arbeitet mit einem PostgreSQL-Backend und benötigt einen CGI-fähigen Webserver. Außerdem verlangt das Tool nach Web MCP [13] und Rocketwiki [14] – beide stammen ebenfalls aus der Schmiede der Public Software Group. Mit gemietetem Webspace spielt Liquid Feedback zusammen, wenn ein Shellzugang und damit auch Zugriff auf den Cron-Dienst zur Verfügung steht. Wer einen Rootserver hat, ist auf der sicheren Seite. Eine öffentliche Testinstanz steht unter [15] bereit, sie eignet sich aber nicht für den produktiven Einsatz.
Auf die Flaggschiff-Installation der Piratenpartei greifen gegenwärtig mehr als 5000 Mitglieder zu, die 2000 Initiativen und 1000 Themen eingestellt haben. Die zugehörige Datenbank ist knapp 600 MByte groß.
Liquid Feedback ist hierarchischer strukturiert als Adhocracy. Jede Instanz besitzt Bereiche, in denen sich die Themen befinden. Diese entsprechen den Vorschlägen in Adhocracy. Wäre Rita ein Mitglied der Piratenpartei, müsste sie ihre Idee für die Umgehungsstraße im Themenbereich "Umwelt, Verkehr, Energie" einordnen (siehe Abbildung 2). Ihre Idee durchläuft dann mehrere Phasen: Zuerst muss sie das Quorum bestehen, in dem zehn Prozent aller angemeldeten Benutzer ihre Idee zumindest als diskussionswürdig befinden müssen. Kommt das Quorum nicht zustande, beendet das System die Initiative automatisch.
Diskussionskultur
Erreicht Ritas Vorschlag das Quorum, beginnt die Diskussion. Helmut und Willy können nun Gegeninitiativen entwerfen. Ein handliches Diskussionstool bietet Liquid Feedback in der derzeitigen Version nicht. Je nach Instanz generiert das System stattdessen automatisierte Links in angeschlossene Forensysteme. Ist auch die Diskussionsphase beendet, gilt die Initiative als eingefroren, was kurzfristige Änderungen am Abstimmungstext verhindern soll. Hat sich die zwischenzeitliche Diskussion als unfruchtbar erwiesen und ist damit die Unterstützerzahl unter die zehn Prozent des ersten Quorums abgesunken, scheitert der Vorschlag und eine Abstimmung findet nicht statt. Blieb das Interesse erhalten, dürfen Rita, Helmut, Willy und Margarete endlich zur virtuellen Urne schreiten.
Hier nehmen sie Ideen an oder lehnen sie ab oder sortieren Konkurrenzideen, die sich eventuell in der Diskussionsphase herausgebildet haben, nach ihren Präferenzen. Willy würde die Umgehungsstraße durchs Naturschutzgebiet wahrscheinlich ganz ans Ende seiner Liste einfügen, eine Straße durch ein weniger problematisches Gebiet an die erste Stelle setzen und Tempo 30 im besagten Wohngebiet als akzeptable Alternative und somit an Position zwei sehen.
Delegationen spielen in Liquid Feedback eine wichtige Rolle. Der Wert einer Delegation beträgt immer genau eine Stimme. Bekommt Willy die Delegationen von 134 Mitgliedern seines Naturschutzvereins übertragen, wiegt seine Stimme für die Alternative zur Umgehungsstraße genau 135 Stimmen. Während bei Adhocracy Delegationen derzeit unbegrenzt bestehen bleiben, hat die Liquid-Feedback-Referenzinstallation der Piraten kürzlich ein Verfallsdatum implementiert. So muss sich beispielsweise Margarete nun in regelmäßigen Abständen Gedanken machen, ob sie ihre Delegation weiterhin auf Willy überträgt oder ob sie inzwischen nicht mehr so ganz von dessen Kompetenz überzeugt ist. Zeigt sie kein Interesse an einer direkten Teilnahme und kümmert sich auch nicht um eine neue Delegation, verfällt die Stimme.
So durchdacht das Wahlsystem und die Abstimmungsphasen bei diesem Tool auch sind, in puncto Usability müssen Anwender deutliche Abstriche machen. Derzeit erfordert die Software genügend Zeit und Willen, sich einzuarbeiten. Ein kleines Entwicklerteam namens Saftige Kumquat ist daher angetreten, um eine Lösung zu finden, und arbeitet an einer alternativen Oberfläche mit Codenamen Bombay Crushed [16].
Ursprünglich bestand Liquid Feedback auf Klarnamen, welche die Betreiber eindeutig den Parteimitgliedern zuordnen konnten. Damit war das Abstimmungsverhalten jedes einzelnen Mitglieds gläsern und alle mit Zugang zum System konnten es nachvollziehen. Nach einigen Diskussionen erweiterten die Entwickler das Tool, es lässt inzwischen Pseudonyme zu. Die sind jedoch vom System weiterhin verifizierbar, um Abstimmungsbetrug zu verhindern.
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