Vertrauensfrage
Linux-Magazin: Dirk Hohndel von Intel hat vor wenigen Minuten in seiner Keynote hier auf dem Desktop Summit von der Open-Source-Community gefordert, Konzernen mit Vertrauen bei gleichzeitiger Wachsamkeit zu begegnen.
Mark Shuttleworth: In den jüngsten Gnome-Statements zu den Copyright-Assignments findet sich ein bemerkenswertes Zitat: "Man kann sich nicht darauf verlassen, dass kommerzielle Firmen vorhersagbar handeln." Ich denke, das Gegenteil ist der Fall. Gewinnorientierte Firmen werden immer vorhersagbar agieren, sie müssen nach Mustern handeln, um Gewinn zu erzielen.
Die freiwilligen Einzelentwickler und Non-Profit-Organisationen sind jene, die schnelle und radikale Änderungen durchziehen. Das hat nichts mit Gut oder Schlecht zu tun, sondern kann nur helfen zu verstehen, wie Konzerne funktionieren und was die Open-Source-Community von ihnen erwarten darf. Wenn ein Programmierer meint, dass Firmen böse sind, dann ist das nur dumm und hilft uns nicht weiter.
Linux-Magazin: Was für eine Art von Vertrauen ist da nötig? Auch das Vertrauen darauf, dass der andere irgendwann für einen selbst unbequeme Entscheidungen fällen wird, wenn es für ihn Sinn macht?
Normalerweise denkt man: "Ich vertraue dir, weil ich weiß, was du tun wirst." Besser wäre es aber anzunehmen: "Ich vertraue darauf, dass du diese Rolle spielen wirst, und ich werde meine Rolle spielen." Das ist eine ganz andere Art von Vertrauen. Die macht aber eine Zusammenarbeit überhaupt erst möglich.
Ich glaube, es ist meist offensichtlich, was Microsoft im Schilde führt, aber das verhindert nicht, dass ich mit ihnen zusammenarbeite. Sie verfolgen sicher ihre eigenen Ziele, nicht meine, aber ich kann mit ihnen kooperieren. Das Gleiche gilt für Oracle, IBM, Intel oder Nokia.
Wir brauchen wohl eine erwachsenere, reifere Herangehensweise an unser Verständnis von "Vertrauen". Die Leute fühlen sich betrogen, wenn eine große Company einen eingeschlagenen Pfad verlässt, weil es für die Firma keinen Sinn mehr macht. Aber eigentlich ist das nur notwendig und natürlich, das sollte erwartbar sein. Das ist dann auch kein Vertrauensverrat.
Neue Konkurrenz: Mint, Unity, Mobile
Linux-Magazin: Zurück zu Ubuntu: Bei Distrowatch hat in den letzten Monaten Mint Ubuntu überholt (Abbildung 3).
Mark Shuttleworth: Ja, das ist interessant. Erst mal finde ich toll, dass die Mint-Leute ebenfalls Ubuntu verwenden. Das ist gesundes Open-Source-Verständnis. Mint ist so beliebt, weil es den Anwendern den Einstieg leicht macht und es viel proprietäre Software mitbringt, die man andernorts erst installieren muss.
Die Evangelisten für freie Software mögen das anders sehen, aber das ist etwas, was die Einsteiger brauchen. Da schwebt immer die Frage im Raum, wie stark darf man den Anwender bevormunden: Soll er selbst die proprietären Grafiktreiber installieren und dabei vielleicht sogar ein Erfolgserlebnis haben? Oder möchte man ihm ein fertiges, komplettes, aber Ideologie-freies System vorsetzen? Mint reduziert die Einstiegshürden für den Endanwender, und das ist gut so. Ich denke, wir sollten uns nicht anmaßen, den Leuten Vorschriften zu machen.
Linux-Magazin: Mit der Entscheidung, auf den Unity-Desktop (Abbildung 4) zu setzen, hat Canonical ja auch einigen Gegenwind erfahren. Mint wirbt mit "Unity-free". Hat bei dem Erfolg vielleicht auch der Unity-Effekt mitgespielt?
Mark Shuttleworth: Das wird noch sehr spannend, weil den Leuten von Mint noch eine Entscheidung bevorsteht: Wollen sie den Desktop selbst weiterpflegen oder irgendwann Unity übernehmen oder vielleicht etwas ganz eigenes basteln? Ich denke, Unity-free war auf jeden Fall eine recht gelungene Marketingaktion, aber langfristig? Wir werden sehen.
Linux-Magazin: Canonical beteiligt sich am Genivi-Projekt, das Linux in Auto-Entertainment-Systeme einbauen will (Abbildung 5). Bei der mobilen Plattform Meego sind Sie zwar nicht dabei, aber gibt es konkrete Pläne für Tablets, Smartphones oder die Zusammenarbeit mit OEM-Herstellern?
Mark Shuttleworth: Dies ist nicht der richtige Ort für solche Ankündigungen, aber kurz: Ja, es gibt bereits Projekte im Genivi-Umfeld, wo Ubuntu in Autos arbeitet, und ebenso gibt es zahlreiche Projekte auf mobilen Plattformen und Tablets, deren Systeme auf Ubuntu basieren. Meego hat sich leider für RPM entschieden, das finde ich sehr schade.
Wir bei Ubuntu haben die Touch-Infrastruktur unter Linux stark verbessert und freuen uns darüber, dass das mittlerweile viele andere Projekte übernommen haben. Bei den Ultramobilen Mini-Netbooks sind wir auch sehr gut im Rennen, aber mehr darf ich dazu zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen.
An normaler Hardware verkauft zum Beispiel Dell vor allem in Asien oder an Behörden sehr viele Ubuntu-Geräte. Wir haben viele Jahren an diesen Grundlagen gearbeitet, jetzt trägt diese Arbeit endlich Früchte und viele große Hersteller nehmen Ubuntu als Alternative wahr, das ist ein sehr schöner Erfolg. Natürlich würde ich mich freuen, wenn auf der Startseite von Dell ein Ubuntu-Rechner prangen würde, aber das dauert wahrscheinlich noch ein bisschen.
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