Open Source im professionellen Einsatz

Die richtigen Lizenzen und Agreements

Linux-Magazin: Mit welchen Lizenzen wird das denn am ehesten klappen?

Mark Shuttleworth: Wir als Community müssen uns auf einige Kern-Lizenzen einigen, zum Beispiel GPL und BSD. Die sind gut genug. Werden es mehr, rächt sich das irgendwann. Wer aber unter der GPL oder BSD veröffentlicht, trägt automatisch zum großen Ganzen bei. Das ist ein großes persönliches Ziel von mir.

Linux-Magazin: Das führt uns direkt zu den umstrittenen Contributor License Agreements, mit denen Ubuntu von den Entwicklern verlangt, Urheberrechte an Canonical zu übertragen. In Ihrer Keynote auf dem Ubuntu Developer Summit [2] vergleichen Sie Ihre Situation mit dem eines Grundstückbesitzers, in dessen Garten ein Fremder einen Obstbaum pflanzt und jeder Passant darf die Früchte genießen. Anschließend dürfe der Hauseigentümer das Haus nicht mehr verkaufen, weil der Baum der Allgemeinheit gehört. Haben Sie oft das Gefühl, gegen ideologische Windmühlen anzurennen?

Mark Shuttleworth: Natürlich. Aber ich weiß auch, dass jeder das Recht auf seine eigene Ideologie hat. Ich bin mir auch voll bewusst, dass es an mir liegt, da etwas draus zu machen. Und ich nehme die Angst von Entwicklern, dass der eigene Code in einem kommerziellen Produkt enden könnte, sehr ernst. Gleichwohl muss man die auch hinterfragen.

Ich habe Programmierer gefragt: "Habt ihr denn jemals auch Code an ein BSD-Projekt gegeben? Kennt ihr die Lizenz von X11? Und würdet ihr Patches zu X11 einreichen?" Die meisten haben kein Problem damit. Es geht hier gar nicht wirklich um diese Ängste, aber sie lassen sich gut instrumentalisieren. Jeder, der zu einem Open-Source-Projekt beiträgt, will in erster Linie das Ganze besser machen, einen Fehler beheben, gemeinsam ein Produkt verbessern.

Trotzdem ist die Angst vor der Asymmetrie groß, davor, dass eine Firma eine herausragende Rolle einnehmen könnte. Aber solche Asymmetrien sind doch die Essenz des Wettbewerbs, sie helfen ein Ökosystem aufzubauen. Der akademische Ansatz, allen Firmen die gleichen strengen Beschränkungen aufzuerlegen, ist da nicht hilfreich.

Community-Kompromiss: Harmony

Linux-Magazin: Als die Diskussion aufbrandete, haben Sie mit dem Harmony-Projekt (, Abbildung 2) dafür gesorgt, dass sich die Community beim Ausarbeiten von CLAs beteiligt. Warum kam das nicht früher auf die Agenda?

Abbildung 2: Harmony ist ein Community-Projekt von Canonical, das versucht ein universelles Contributor License Agreement zu entwerfen.

Abbildung 2: Harmony ist ein Community-Projekt von Canonical, das versucht ein universelles Contributor License Agreement zu entwerfen.

Mark Shuttleworth: Das hat alles damit angefangen, dass ich gefragt wurde, ob Canonical ein Contributor Agreement für Novell unterzeichnen würde. Ich hielt das für keine gute Idee und sagte zunächst nein. Aber noch am selben Abend bereute ich das und entschied, solche Vereinbarungen zu unterzeichnen, mit Red Hat, Intel und anderen Firmen.

Weil Canonical nur eine kleine Company mit 400 Mitarbeitern ist, die eine Distribution bauen, müssen wir versuchen unsere Patches für viele Projekte upstream zu bringen, das ist essenziel für uns.

Ich weiß aber, dass es uns sehr viel Zeit kostet, all die verschiedenen CLAs zu inspizieren und zu prüfen. Und den Entwicklern war es gar nicht recht, dass jedes CLA andere Bedingungen stellt. An dem Abend entschloss ich mich dazu, das zu professionalisieren, und zwar auf Community-Art. Alle großen Open-Source-Projekte sollten mit ins Boot, um ein allgemeingültiges CLA zu entwerfen, das den Wildwuchs an fragmentierten CLAs durch eine gemeinsame Idee ersetzen würde.

Das Creative-Commons-Modell liegt da nahe, weil es kommerzielle und nicht kommerzielle Nutzung ermöglicht. Also sage ich: Lasst uns darüber reden, lasst uns ein allgemeingültiges Framework entwerfen. Und das ist eigentlich alles, worum es in Harmony geht. Konzerne, Non-Profits, freie Projekte, alle sollten sich zusammensetzen, mit all den unterschiedlichen Ansichten, und am Ende ein Ergebnis produzieren, das allen genügt.

Linux-Magazin: Also ist das, was auf der Harmony-Webseite steht, ein Kompromiss und stellt weder Ihr noch Canonicals Wunschergebnis dar?

Mark Shuttleworth: Ja klar, das soll es auch sein. Was ist besser für die Community? Eine zersplitterte Landschaft von Agreements oder eine dedizierte, spezielle Kompromisslösung, für die sich die Community entschieden hat?

Nach meiner Vorstellung sollte ein Contributor, der seine Rechte abgibt, eine volle Lizenz zurückbekommen, sodass jeder mit Version 1 einer Software alles machen kann, auch wenn die Firma Version 2 proprietär lizenziert hat. So könnte jeder seine eigene, freie Version 2 veröffentlichen. Das wäre zwar mit Arbeit verbunden, aber möglich. Aber leider habe ich mich damit nicht durchgesetzt, auch nicht bei Canonical. Aber ich glaube auch nicht daran, dass diese Position viele Anhänger hat.

Linux-Magazin: Gibt es eine tiefere Ursache für den Konflikt?

Mark Shuttleworth: Die Community pflegt ein tiefes Misstrauen gegenüber den Motiven von größeren Firmen. Dabei ist die Sache ganz einfach: Es geht nicht um Vertrauen, sondern um Vorhersagbarkeit. Fremden Menschen pauschal zu vertrauen ist prinzipiell keine gute Idee, weil sie sich ändern, andere Wünsche und Motivationen entwickeln. Das Gleiche trifft auch für Institutionen oder Firmen zu. Es gibt viele Gelegenheiten, über Veränderungen in den Wünschen der Menschen zu reden, aber die Community muss einen Weg finden, wie wir trotzdem produktiv sein können, obwohl es uns an Planungssicherheit mangelt.

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