Freie Software bringt nachweislich eins in die Welt der Computer: Vielfalt. Ob Anwendungsprogramme, Tools, Distributionen oder Oberflächen – in der großen Open-Source-Schatulle liegen von jeder Sache stets mehrere. Wahlfreiheit auch für mit dem Finger zu bedienende Nicht-PCs herzustellen, schicken sich seit Ende März KDE-Entwickler sowie die Firmen Open-slx (Nürnberg, [1]) und Basyskom (Darmstadt, [2]) an, indem sie die KDE-Plasma-Technologie ([3], [4]) nehmen und für Mobiltelefone, Tablet-PCs und Settop-Boxen modifizieren.
Die Extrawurst ist nötig, weil ein Finger Bildschirmelemente zwar motorisch unmittelbarer annavigiert, aber deutlich gröber aufsetzt als jeder Mauszeiger. Deshalb müssen die Widgets wie etwa Schaltflächen anders konzipiert sein, meinst sind sie auch größer. Plasma Active [5] nennen sich die Technologie und das Touch-Framework, um Plasmoids und Applikationen zu schreiben.
Contour [6] heißt der für Benutzer sichtbare Teil von Plasma Active. Wer eine Anwendung für Mobilgeräte schreiben will, benutzt die Plasma-Active-Technologie sowie die -APIs und sorgt so dafür, dass sich seine KDE-Anwendung in Contour integriert.
Das Framework ist so konzipiert, dass viele für den KDE-Desktop geschriebenen Applikationen sehr einfach auf Plasma Active zu übertragen sind. Damit steht sehr schnell ein großes Set an nützlichen Anwendungen für die Touchscreen-Geräte bereit – daraus ergibt sich der entscheidende Vorteil gegenüber jeder Neuentwicklung, die erst mal mit einem leeren App-Store startet.
Aktivität bestimmt Oberfläche
Die Entwickler, die KDE-Applikationen nach Plasma Active portieren, sind darum bemüht, Dateisystemdialoge durch Contour-Shell-Dialoge zu ersetzen. Der Unterschied ist alles andere als kosmetisch: Das Bedienkonzept von Contour arbeitet nämlich nicht anwendungszentriert, sondern orientiert sich an einer Tätigkeit (Activity) und den zugehörigen Informationen, mit denen der Benutzer hantieren will (Abbildung 1).
Abbildung 1: Contour präsentiert seinen Benutzern eine Aktivität in Boxen, die Elemente wie Dokumente, Bilder, Anwendungen und Bookmarks umfassen.
Die Contour-Elemente sind also für den Benutzer keine Dateien oder E-Mail-Adressen, sondern abstrakterer Natur: Bookmarks, Kontakte, Fotos und so weiter. Contour animiert die Benutzer zudem, die Elemente miteinander zu verknüpfen, zum Beispiel ein Foto mit einem geografischen Ort oder einer Aktivität. Über Symbole im Panel dürfen sie die Elemente bewerten (Empfehlungsfunktion) oder mit anderen teilen (Share). Soziale Netze betrachtet Contour gleichrangig – der Benutzer teilt und bewertet beispielsweise Fotos in Facebook, Twitter oder Google Plus genauso wie lokale.
Die Darstellungsformate passen sich damit den Umständen an, sind kontextsensitiv. Gültige Kontexte sind die Geolocation, Zeit, geöffnete Dateien und Apps, die aktuelle Activity oder zurückliegende Aktionen. Mit dem Activity Switcher, den man sich als eine Art Minifenster-Karussell vorstellen darf, wechselt der Benutzer von einer Tätigkeit zur nächsten. In der Summe baut die Contour Shell einen so genannten semantischen Desktop auf, dessen Beziehungen eine Datenbank verwaltet (siehe Kasten "Nepomuk").
So sperrig die Langform "Networked Environment for Personalized, Ontology-based Management of Unified Knowledge", so einprägsam das Akronym: Nepomuk [7]. Die Open-Source-Spezifikation hatte einen semantischen Desktop zum Ziel, der Metadaten aus mehreren Desktop-Anwendungen sammelt und vernetzt. Das gleichnamige Research-Projekt, an dem auch KDE teilgenommen hat, war nennenswerte 17 Millionen Euro schwer, wovon 11,5 Millionen die Europäische Union beigesteuert hat.
Neben einer Java-Implementierung und Eclipse-Code hat Nepomuk auch in KDE 4 Eingang gefunden [8]. Es benutzt das RDF-Backend Soprano und erlaubt das Assoziieren von Metadaten mit verschiedenen Objekten auf einem Desktop, etwa Dateien, Lesezeichen, E-Mails und Kalendereinträgen.
Ja wo laufen sie denn?
Ziel der Contour-Entwickler ist es, dieses Jahr noch eine Version 1.0 in die Welt zu setzen. Neben dem Verfeinern der Basissoftware und dem Portieren vorhandener KDE-Applikationen fahndet die Community nach Plasma-Active-fähigen Geräten. Sie will primär gar nicht Tablet- und Smartphone-Anwender davon überzeugen, ihre Geräte auf Contour zu migrieren. Vielmehr sucht sie nach Hardwareherstellern – besonders in Fernost –, die Geräte gleich mit dem freien System ausliefern.
Die Hoffnung ist, dass genug Produzenten von Googles Produktpolitik für Android die Nase voll haben. Eines der Argumente: Contour zwingt niemanden als Kunden in einen App-Store; die Geräteanbieter könnten aber auch eigene App-Stores einrichten und so ein Geschäftsmodell schaffen, bei dem Google oder Apple nicht mitverdienen.
Aktuell ist die Hardwarebasis sehr einfach überschaubar: Open-slx liefert mit der hauseigenen Open-Suse-Variante einen Linux-Build für normale PCs aus [1]. Und es kommen laufend Builds von Basyskom mit Meego 1.2 heraus [2], die auf einem Wetab laufen oder in Virtualbox oder nativ von Flashdisk auf x86-Standardhardware starten.
Versuche mit letzterer Variante im Linux-Magazin-Testlabor waren nur von Teilerfolgen begleitet. Ein IBM-Notebook konnte nichts damit anfangen, ein Mehrkern-PC mit Nvidia-Grafik bootete die Oberfläche, die das zäh laufende Contour aber großteils extrem dunkel darstellte. Per Textkonsole vermochten die Tester Meego noch zur Akzeptanz einer Maus zu bewegen; die Mouse-Events nahm dann zwar das Panel an, nicht aber der Rest der Oberfläche. Wie immer bei Entwicklerbuilds sind diese Erlebnisse aber nicht repräsentativ.