Open Source im professionellen Einsatz

Fall 7: Erfolg kopieren

Mangelndes Verständnis für die Funktionsweise von Open Source ist in Unternehmen (ob Hersteller, ob Anwender) häufig anzutreffen, wenn Linux oder freie Software nicht so funktioniert, wie man es sich wünscht. Ein typischer Fehler ist die Erwartung, Linux und freie Software würden irgendwann genau wie Windows, MS Office oder Exchange ticken. Die FSFE kämpft mit Aufklärung seit Jahren gegen diese Vorstellung an.

Doch viel zu lange war es das erklärte Ziel der Linux-Entwickler, den Desktop von Windows oder die Outlook-Anbindung oder Office identisch abzubilden. Man hoffte so, Nutzer ohne Schulungsaufwand mit freier Software arbeiten zu lassen.

Doch dann kamen die Smartphones. Zwar meldete sich Nokia, vorher Linux-Vorreiter, erst aus der freien, dann wohl aus der Handy-Welt ab, aber Apple und Android revolutionierten die Welt der GUIs. Das alte Windows-Look&Feel ist 2011 definitiv out, Multitouch revolutioniert die Benutzeroberflächen.

Chris di Bona, Googles Open-Source-Chef, erklärt Android im Interview gar zum "wahr gewordenen Traum vom Linux-Desktop" [14], gibt aber auch freimütig zu, dass dahinter ein ganz anderes Vermarktungskonzept stehe.

Doch genau da liegt auch eine Zeitbombe, die in ähnlicher Form schon vielen anderen Open-Source-Projekten und -Firmen um die Ohren geflogen ist: Langsam, aber sicher kommen die ersten Malware-Attacken auch auf Android, und vielleicht heißt es irgendwann: "Wir haben es ja gewusst, Linux ist auch nicht sicherer." Dass allerdings der Fehler im App-Modell und im Design des von Linux nur abgeleiteten Betriebssystems Android zu suchen sein wird, spielt dann auch keine Rolle mehr.

Fazit

Linux taugt gut als Sündenbock und die proprietäre Konkurrenz wusste das immer schon gut zu nutzen. Blameware, Vaporware, chaotische oder mangelnde Lobby und fehlendes Verständnis für die Funktionsweise freier Software dienten als Vehikel, um kommerzielle, geschlossene Lösungen in vielversprechende Positionen zu manövrieren. Letzten Endes ist das allerdings nicht die Schuld von Linux. Gut, dass Beispiele wie München oder Libre Office zeigen, dass es entgegen allen Widerständen auch anders laufen kann. Trotzdem wäre es schon lange Zeit für einen professionelleren Lobbyismus der Open-Source-Community.

Infos

  1. Markus Feilner, "Warez aus der Amtsstube – ein Kommentar zum Auswärtigen Amt": http://www.linux-magazin.de/Blogs/Redaktionsblog/Warez-aus-der-Amtsstube-ein-Kommentar-zum-Auswaertigen-Amt
  2. Markus Feilner, "Rolle rückwärts": Linux-Magazin 05/11, S. 43
  3. "Solothurn gibt Linux-Desktop den Schuh": http://www.inside-it.ch/frontend/insideit?&site=ii&_d=_article&news.id=22515
  4. Markus Feilner, "The Dutch Mountains … Open-Source Groupware heute": http://www.linux-magazin.de/Blogs/Redaktionsblog/The-Dutch-Mountains-Open-Source-Groupware-heute
  5. Sebring kauft Scalix: http://www.linux-magazin.de/NEWS/Neuer-Besitzer-Sebring-Software-Xandros-verkauft-Scalix-fuer-12-Millionen-Dollar
  6. "Nicht nach Linux gefragt", Futurezone: http://futurezone.orf.at/stories/285045/
  7. Linux-Verband kritisiert Vergabepraxis der Bundestagsverwaltung: http://www.bundestux.de/show/503163.html
  8. Limux: http://www.muenchen.de/limux
  9. Markus Feilner, "Mehr Einfluss wagen": http://www.linux-magazin.de/Blogs/Redaktionsblog/Mehr-Einfluss-wagen
  10. Constanze Kurz, "Im siebenten Kreis der Demokratie": http://www.faz.net/artikel/C30833/netzneutralitaet-im-siebenten-kreis-der-demokratie-30458545.html
  11. Kristian Kißling, Uli Bantle, "Griff nach den Sternen": Linux-Magazin 07/11, S. 54
  12. Steven J. Vaughan-Nichols, "What's what with openSUSE, ZENworks, YaST": http://www.desktoplinux.com/news/NS8960940099.html
  13. Mathias Huber, "Freiheit, die ich meine": Linux-Magazin 05/11, S. 40
  14. Chris di Bona im "Standard": http://der-standard.at/1308186313346/WebStandard-Interview-Google-Android-ist-der-wahr-gewordene-Traum-vom-Linux-Desktop

Diesen Artikel als PDF kaufen

Express-Kauf als PDF

Umfang: 5 Heftseiten

Preis € 0,99
(inkl. 19% MwSt.)

Als digitales Abo

Als PDF im Abo bestellen

comments powered by Disqus

Ausgabe 07/2013

Preis € 6,40

Insecurity Bulletin

Insecurity Bulletin

Im Insecurity Bulletin widmet sich Mark Vogelsberger aktuellen Sicherheitslücken sowie Hintergründen und Security-Grundlagen. mehr...

Linux-Magazin auf Facebook