Open Source im professionellen Einsatz

Fall 5: Münchner Kindl – Erfolge wenig bekannt

Ganz ähnlich klingt die Geschichte aus München, zumindest wenn man mit Brüsseler Politikern spricht. Hinter vorgehaltener Hand heißt es da, Microsofts Lobbyisten erzählten, die Migration in München (Limux, [8], Abbildung 5) sei gescheitert. Das überrascht, unterscheidet sich der Stand der Münchner Dinge doch gänzlich von dem in Berlin, Wien oder Solothurn.

Abbildung 5: Limux läuft besser als geplant und deutlich besser als bisweilen kolportiert: Tux im Zeichen des Münchner Kindls, des Wahrzeichens der bayerischen Landeshauptstadt.

Erst vor wenigen Wochen feierten die Beteiligten das Bergfest angesichts der gelungenen Umstellung der ersten Hälfte der Desktop-PCs auf Linux. Das neue Projektmanagement, jetzt von IBM, und der Umstieg von Debian auf Ubuntu scheinen der bayerischen Landeshauptstadt gut zu tun.

Warum hält sich hartnäckig das Gerücht, die Migration in München funktioniere nicht? Der Grund dafür ist – ähnlich wie in Berlin – in fehlender oder mangelhafter Lobbyarbeit der Open-Source-Gemeinde zu finden. Selbst ein Mitarbeiter des bayerischen Wirtschaftsministeriums, der nicht namentlich zitiert werden will, beklagte 2009 gegenüber dem Linux-Magazin die Asymmetrie: "Aus der OSS-Community ruft doch nie jemand bei den Politikern an, während Microsoft zahlreiche Leute nur dafür bezahlt, unsere Telefone klingeln zu lassen."[9] Und wenn in beratenden Gremien doch mal die Verfechter freier Positionen in der Überzahl sind, schafft es meist die besser organisierte Gegenseite, mit geschickterem Taktieren und legitimen Methoden die Vorhaben zu torpedieren, siehe das aktuelle Beispiel der Internet-Enquetekommission im Deutschen Bundestag [10].

Fall 6: Kontroverse Managemententscheidungen

Ganz anders liegt der Fall dort, wo die Entscheidungen von Herstellern freier Software die Anwender zur Weißglut treiben. Canonical sorgt seit ein paar Monaten unbeabsichtigt für einigen Aufwind bei Distributionen wie Mint, die auf den ungeliebten Unity-Desktop [11] verzichten. Gleichzeitig häufen sich die Beschwerden von Anwendern mit älterer Hardware, auf denen neue Ubuntu-Systeme Zicken machen, weil Canonical die alten Treiber einfach nicht mehr supportet. Die Geschichte dieser Ärgernisse ist lang, schon nach 2003 ärgerte Novell die Suse-Anwender mit der Zwangsintegration der "Mormonenprodukte" in die freien Suse-Distributionen. Erst 2007 verschwand der ungeliebte Management-Daemon und wurde fortan durch Zypper ersetzt [12].

Paradebeispiele für solche Fehlentscheidungen lieferten in den letzten Jahren auch Sun und ihr neuer Besitzer Oracle. Die Mitglieder der Projekte MySQL, Java und Open Office können ein Lied davon singen. Trotz vieler Beiträge der Open-Source-Community kroch die Weiterentwicklung des freien Büropakets nur langsam voran, offenbar hatte Oracle andere Interessen. Leidtragende waren wieder einmal das freie Projekt und dessen unzufriedene Anwender [13].

Doch hier zeigten sich auch die unbezwingbaren Selbstheilungskräfte der Community: Nachdem sich viele Open-Office-Anwender und -Entwickler lange Zeit über die gelinde gesagt zurückhaltende Bugfix-Politik von Oracle geärgert hatten, entstand mit dem Libre-Office-Projekt (Abbildung  6) ein Fork, der der "offiziellen" Version innerhalb kürzester Zeit eine große Anzahl von Neuerungen und viele Fehlerkorrekturen voraus hat, und Oracle schaut in die Röhre. "Bazaar-Style-Entwicklung at it's best", würde Eric S. Raymond wohl sagen.

Abbildung 6: Selbstheilungskräfte beweist die Community mit Libre Office.

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