Open Source im professionellen Einsatz

Fall 3: Mangelndes Engagement

Ein anderes herausragendes Projekt, das ebenfalls im Alpenraum angesiedelt war, hörte auf den Namen Wienux (Abbildung 3). Dessen Webseite ist mittlerweile verwaist und die IT-Verwaltung des zuständigen Magistrats hüllt sich in Schweigen. Journalist Markus Sulzbacher vom renommierten österreichischen Nachrichtenblatt "Der Standard" kommentiert auf Nachfrage: "Geht es um Linux in Wien, dann herrscht in der Hauptstadt heute wohl ein Gesetz des Schweigens. Das ist umso mehr schade, nachdem Wienux zuvor weltweit für Schlagzeilen gesorgt hatte." Gegenüber der Presse gäbe es nur mehr Aussagen wie "einige Mitarbeiter der Stadt" hätten es im Einsatz, so Sulzbacher zum Linux-Magazin.

Abbildung 3: Wienux, so hieß das vom Magistrat der Stadt Wien entwickelte und mangels Interesse fallen gelassene Linux.

Die letzte News war der Umstieg der Kindergärten von Wienux auf Vista, da die Software zur Überprüfung der Sprachkenntnisse der Kleinen nur mit dem Internet Explorer laufe. Wer beim Hersteller ISM aus Rostock nachfragt, erfährt ohne Weiteres, dass der auch gerne eine Linux-Version entwickelt hätte. Ein Firmensprecher dazu: "Eine solche Version wurde nicht insistierend nachgefragt. Laut Spieß [Anm.: Christine Spieß, Dienststellenleiterin der für städtische Kindergärten zuständigen Magistratsabteilung 10] wird bei der MA 10 derzeit nicht daran gedacht, das System eventuell für den Betrieb auf Wienux umzustellen." [6]

Zurück bleibt der Eindruck der Anwender, dass bestimmte Dinge mit Linux nicht gehen. Aber Schuld trägt auch hier nicht der Pinguin, sondern ein Management, das das freie System benachteiligt hat, in diesem Fall durch schlichte Nichtbeachtung.

Fall 4: Lobbyismus

Etwas länger zurück in der Linux-Geschichte liegt der Fall des Deutschen Bundestages ([7], Abbildung 4). Dort hatten sich die Verantwortlichen um die Jahrtausendwende mit viel Vorschusslorbeer für eine Linux-Migration auf Desktops und Servern entschieden. Herausgekommen ist nur wenig. Microsofts Lobbyisten haben vermutlich erfolgreichere Arbeit geleistet, während die Open-Source-Lobby zähneknirschend eingestehen muss, dass da vieles falsch gelaufen ist. Fast zehn Jahre danach läuft Linux nur im Backend und Exchange arbeitet als Groupware. Das Linux-Magazin hat Elmar Geese und Peter Ganten vom Linux-Verband um eine rückblickende Stellungnahme gebeten, ihre Antworten dokumentiert der Kasten "Berlin – ein Open-Source-Lobbyismus-Desaster?".

Berlin – ein Open-Source-Lobbyismus-Desaster?

Elmar Geese, Live-Vorstand und Geschäftsführer der Firma Tarent:

"Ich sehe die Bundestags-Migration als gutes Beispiel dafür, was wir, die Open-Source-Community, noch lernen können und müssen und wo die OSS-Bewegung sowie die beteiligten Unternehmen gemeinsam noch Lernbedarf haben. Auch aus der Sicht der Interessenvertretung sind wir jetzt schlauer.

Vier Punkte sind mir dabei besonders wichtig: Proprietäre Mitbewerber nehmen uns mittlerweile so ernst, das sie an allen Fronten schießen. Ohne alte Feindbilder zu pflegen – hier ist nach wie vor Microsoft am aktivsten und auch am erfolgreichsten. Hauptangriffsszenarien sind dabei die Verhinderung offener Standards und die Schaffung von technischen Tatsachen in der Anwendungsinfrastruktur. "

Microsoft schießt scharf mit Sharepoint

"Die Rolle, die vor 2007 noch einem Mail- und Groupware-Produkt wie Exchange zufiel, nimmt heute im Bereich des Dokumenten-Managements Sharepoint wahr. Dabei vereinen die Angreifer zwei erfolgreiche Konzepte der Vergangenheit: Die Bottom-up-Strategie, sich über die Bürofunktionen einzunisten, sowie die einfache Integration über proprietäre Schnittstellen. Jemand, der Sharepoint einsetzt, lässt sich kaum mehr von Microsoft Office wegbringen, das Vendor-Lock-in ist geschafft."

Schlechte Zeiten für OSS-Politik

"Auch die Zeiten der politischen OSS-Unterstützung sind gerade schlecht. Wir hoffen, dass sich das durch den Nachhaltigkeitsaspekt mit dem Trend hin zu Grün wieder ändert. Die Interessenvertretung der OSS-Unternehmen stellt sich gerade neu auf, das wird helfen. Die Stärke und Durchschlagskraft des proprietären Wettbewerbs werden wir aber nicht erreichen.

Hier schließt sich der Kreis bezüglich der Bundestagsthematik: Wir mussten lernen, dass es eben nicht reicht, die besseren Argumente zu haben, wenn der politische Wille fehlt. Hier müssen wir noch zulegen."

Peter Ganten, Live-Vorstand und Geschäftsführer von Univention:

"Elmar Geese hat absolut Recht. Ich möchte nur hinzufügen, dass einige den Fehler gemacht haben zu glauben, bei der Einführung von Open-Source-Software würde man ohne professionell geführte und ausgestattete Projekte auskommen. Ist der Hauptgrund für die Einführung von OSS eine Umsonst-Mentalität und stehen nicht die eigentlichen Vorteile im Vordergrund, dann ist diese Gefahr besonders hoch."

Ein professionellerer Ansatz ist gefragt

"Ebenso wird leider immer wieder übersehen, dass nicht jede Behörde oder jedes Unternehmen die Verantwortung für die Pflege einer individuell entwickelten Lösung selbst übernehmen kann. Hier ist dringend die Zusammenarbeit mit Produktherstellern oder Dienstleistern geboten, die solche Leistungen genauso wie die Hersteller proprietärer Software, aber mit entscheidenden Vorteilen für die Anwender sehr professionell liefern können."

Abbildung 4: Auch der Deutsche Bundestag in Berlin wollte mal auf Linux und freie Software umstellen, doch die

Abbildung 4: Auch der Deutsche Bundestag in Berlin wollte mal auf Linux und freie Software umstellen, doch die "heterogene" Lobbyarbeit der Open-Source-Community hat das erfolgreich vereitelt.

Fakt ist: Am Beispiel des Deutschen Bundestages zeigt sich, dass überlegene Technologie nicht ausreicht. Linux und Open Source unterliegt eben auch den Gesetzen des Marktes, und da sind Lobbyismus, Beratung, Strategien, professionelles Produktmanagement und Kinderbetreuung gefragt. Vor zehn Jahren war die Linux-Welt dazu offenbar noch nicht in der Lage. Sündenbock ist jedoch die Community, wieder mal: "Auch in Berlin ist wenig rumgekommen."

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