Open Source im professionellen Einsatz

Hardware-Spezifikationen

<I>Zuschauer:<I> Was war das schwierigste Problem in der Linux-Entwicklung?

<I>Linus:<I> Auf jeden Fall nicht die Technik. In diesem Bereich konnten wir Kernelentwickler bisher immer noch alles lösen. Gelegentlich schlagen wir vielleicht nicht gleich den richtigen Lösungsweg ein und merken erst im Rückblick, dass er falsch war. Aber die Technik macht nie ernsthafte Probleme.

Was uns viel eher Kummer bereitet, das ist Dokumentation und Unterstützung von Hardwareherstellern zu bekommen. Manche Firmen machen hier Schwierigkeiten, worüber ich mich furchtbar aufregen kann – besonders weil Linux dann schlecht vor den Anwendern dasteht, wenn es die betroffene Hardware nicht unterstützt. Das wird zum Glück aber immer seltener, weil die Hersteller einsehen, dass sie sich mit schlechtem Linux-Support selbst schaden.

Abbildung 1: Linus Torvalds und Greg Kroah-Hartman beim Fachsimpeln.

Abbildung 1: Linus Torvalds und Greg Kroah-Hartman beim Fachsimpeln.

Die andere große Schwierigkeit besteht darin, ein Projekt mit Tausenden Mitwirkenden zu organisieren – und mit Hunderten Firmen, die alle ganz unterschiedliche Zielsetzungen haben. Daher kam es in den vergangenen 20 Jahren immer wieder zu großen Meinungsverschiedenheiten zwischen Entwicklern. Wenn mir etwas an Linux schlaflose Nächte bereitet, dann sind es Politik und persönliche Auseinandersetzungen.

Manchmal bin ich echt frustriert, dann schicke ich Flames an die Mailingliste und beschimpfe Leute. Zum Glück schaffen wir es meistens, unsere Probleme zu lösen, aber gelegentlich gibt es wirklich böses Blut oder ein Streit zieht sich über Monate hin.

<I>Greg:<I> Innerhalb von Firmen gibt es solche Streitereien aber auch – doch die internen Mails bekommt man ja nicht zu sehen.

<I>Linus:<I> Die Kernel-Mailingliste ist für ihren eher rauen Umgangston berüchtigt. Manche Leute schreckt das auch ab, weil sie sehr negative Antworten befürchten, wenn sie etwas einschicken. Beim Entwicklungsmodell des Kernels muss ich andererseits manche Dinge unmissverständlich klarstellen. Im Internet darf man kein Leisetreter sein, sonst kapiert keiner, was man möchte. Manchmal würde Höflichkeit einfach der Entwicklungsarbeit schaden.

Wenn ich vorsichtig schreibe "Das Patch braucht aber noch etwas Arbeit", richtet sich keiner danach. Deshalb schreibe ich: "Nein, zum Teufel! Diesen Code fasse ich nicht einmal mit der Kneifzange an!" Der manchmal aggressive Ton auf der Mailingliste bekommt der Entwicklungsarbeit einfach besser. Deshalb sind wir schonungslos offen und schreiben in unseren Mails Sachen wie: "Dein Code ist echt Mist – geh sterben!"

Aber selbst wenn ich mir einen Flame War mit jemandem geliefert habe, kann es sein, dass ich später meine Meinung ändere. Manchmal stellt sich einfach heraus, dass der andere doch recht hatte. Das ist zwar selten, kommt aber vor.

<I>Zuschauer:<I> Was halten Sie von Cloud Computing? Wie wird es sich weiterentwickeln und welche Rolle wird Linux dabei spielen?

<I>Linus:<I> Das ist eine derartige Marketing-Frage, dass ich sie eigentlich gar nicht beantworten möchte. Können wir bitte mit der nächsten Frage weitermachen?

Lizenzfragen

<I>Zuschauer:<I> Bist du noch mit der GPL als Kernel-Lizenz zufrieden?

<I>Linus:<I> Mit der GPL bin ich immer noch sehr zufrieden. Ganz am Anfang stand Linux ja unter einer Lizenz, die ich selbst geschrieben habe. Darin stand eigentlich nur, dass man kein Geld für die Software verlangen darf und bei Änderungen den Quelltext zurückgeben muss. Wahrscheinlich war sie juristisch alles andere als wasserdicht. Die Sache mit dem Geld erwies sich aber sehr schnell als Hindernis. Schon 1992 kopierten kleine Distributionen Linux-Floppies und wollten 5 Dollar für einen Diskettensatz haben. Die wollten natürlich kein Verlustgeschäft machen, und daher habe ich mich nach einer anderen Lizenz umgesehen. In der GPLv2 fand ich genau, was ich wollte: Die Verbesserungen sollen unter der gleichen Lizenz wieder in Linux einfließen.

Ich finde die GPLv2 eine sehr faire Lizenz – man gibt etwas und bekommt dafür wieder etwas zurück. Das kommt gut an. Die GPLv3 mag ich persönlich nicht, weil sie noch weitere Bedingungen stellt. Daran hab ich kein Interesse. Die bisherige Lizenz funktioniert so gut – warum sollte ich sie ändern?

<I>Greg:<I> 20 Jahre Linux – wie kann man so lange an einem einzigen Projekt arbeiten?

<I>Linus:<I> Manche Leute flattern ja von einem Projekt zum anderen. Aber ich habe mich schon immer gerne auf eine einzige Sache konzentriert. Ich bin kein Multitasker. Es gab zwar zwischendrin ein paar andere kleine Projekte, aber ich mache am liebsten eine Sache richtig gut. Ich hätte natürlich nie gedacht, dass ich das 20 Jahre lang machen würde.

<I>Greg:<I> Hängst du jetzt noch einmal 20 Jahre an?

<I>Linus:<I> Dann bin ich ja richtig alt [lacht]! Ich war ja sehr jung, als ich mit Linux angefangen habe. Irgendwann taucht hoffentlich jemand Neues auf, ein junger, neugieriger und energischer Mensch, der zeigt, dass er die Sache richtig gut machen kann. Na ja, vielleicht ist es erst in 20 Jahren so weit, aber irgendwann wird das passieren. Dann höre ich auf und sage: "He, du machst den Job ja besser als ich – er gehört dir!" (mhu)

Online PLUS

Dieser Text beruht auf einem Video, das die Linux Foundation bei der Linuxcon Japan 2011 produziert hat. Die Aufzeichnung finden Sie in voller Länge auf: http://www.linux-magazin.de/plus/2011/09/

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