Open Source im professionellen Einsatz

© Petr Vaclavek, 123RF

Vier Schreibumgebungen im Praxistest

Die Hamlet-Maschinen

Um die Gunst der Sachbuch- und Romanautoren, Spielemacher oder Drehbuchschreiber wetteifern Celtx, Scrivener, Storybook und Writer's Café. Sie helfen Geschichten zu entwickeln und zu ordnen, den Überblick über verwobene Erzählstränge zu behalten und Struktur ins Recherchematerial zu bringen.

DELUG-DVD: Schreibumgebungen

Auf der Delug-DVD dieses Magazins befinden sich die in diesem Artikel beschriebenen Programme Celtx, Scrivener, Storybook und Writer's Café.

Gestandene Linuxer verfassen ihre Diplom- und Bachelor-Arbeiten im Texteditor, formatieren diese mit Latex und halten Open Office & Co. für Schnickschnack. Wozu braucht es also spezialisierte Umgebungen, wenn doch die Distribution schon alle Schreibtools bietet? Ganz einfach – wer sich voll und ganz auf seinen Text konzentriert, schreibt besser. Außerdem helfen die vier Testkandidaten dabei, Struktur in größere Schreibprojekte zu bringen und auch komplizierte Handlungsstränge zu sortieren. Mit Celtx [1], Scrivener [2], Storybook [3] oder Writer's Café [4] entfällt also ein Misserfolgsfaktor für jede Autorenkarriere.

Celtx

Die Anfänge des ersten Testkandidaten Celtx reichen bis 2002 zurück, spätestens seit 2005 und mit Erscheinen der Version 0.8 ist der Name vielen Drehbuch- und Theater-Autoren ein Begriff. Diese Schreibumgebung basiert auf dem Mozilla Application Framework [5], sie läuft also auf allen Plattformen, auf denen auch die übrige Mozilla-Familie heimisch ist. Inzwischen liegt Celtx in Version 2.9.1 vor; Pakete für Windows, Mac OS X und Linux stehen ebenso wie der Sourcecode für den Download bereit.

Celtx selbst ist freie Software und kostenlos erhältlich. Lediglich der Onlinedienst Celtx Studio [6], der gleichzeitiges Arbeiten mehrerer Autoren und eine Versionskontrolle erlaubt, kostet eine monatliche oder eine Jahresgebühr. Der günstigste Tarif gilt für bis zu fünf Anwender und schlägt mit 5 US-Dollar monatlich oder 50 US-Dollar pro Jahr zu Buche; der teuerste (45 Nutzer und mehr) kostet 45 US-Dollar pro Monat und 450 US-Dollar pro Jahr.

Celtx stellt in diesem Zusammenhang eine erfreuliche Ausnahme dar und nervt nicht mit ständigen Aufforderungen, die Studio-Variante zu kaufen. Nutzer der kostenlosen Variante können mit Addons den Funktionsumfang für wenig Geld um Sketch Images, eine Plot View und den Vollbildmodus erweitern.

Nach dem Start bietet Celtx dem Benutzer verschiedene Projektumgebungen und hat auch fertige Beispiele dabei, anhand derer sich die Features schnell offenbaren (siehe Abbildung 1). Hat sich der Autor für eine Projektumgebung entschieden, öffnet sich das Herzstück des Tools – der Editor. Dieser soll möglichst unterbrechungsfreies Schreiben ermöglichen. Dass dies klappt, merkt der Nutzer schon nach wenigen Sätzen. Beim Druck auf die Eingabetaste wählt der Editor das nächste, wahrscheinlich gesuchte Element selbstständig aus.

Abbildung 1: Celtx bietet fertige Umgebungen für die unterschiedlichsten Schreibprojekte und auch Beispiele zum Üben.

Bei einem Theaterstück erscheint beispielsweise zuerst die »Regieanweisung« , zweimaliges Drücken von [Eingabe] öffnet dann die »Rolle« und der Nutzer kann den Namen der Figur eintippen. Ein weiteres Betätigen von [Eingabe] bringt ihn zum Element »Dialog« , der nächste Druck öffnet wiederum »Rolle« und damit die nächste Figur.

Celtx rückt die einzelnen Elemente richtig ein und formatiert auch korrekt. So stellt der Editor etwa Regieanweisungen kursiv, Rollennamen in Großbuchstaben und Anweisungen in Klammern dar. Auf diese Weise bleibt ein Skript übersichtlich, ohne dass der Autor Formatvorlagen von Hand zuweisen muss.

Auch in anderen Projektumgebungen verhält sich der Editor ähnlich. Schreibt der Nutzer etwa einen Comic, wechselt die Eingabetaste zwischen den Elementen »Bildnummer« , »Unterschrift« , »Sprechblase« und »Rolle« . Lediglich die Umgebungen »Storyboard« und »Roman« bilden Ausnahmen: Storyboards bestehen vor allem aus Skizzen plus kurzen Beschreibungen, und in Roman-Manuskripten ist eine Formatierung im Fließtext eher unüblich.

Einen einfachen Überarbeitungsmodus gibt es nur im Projekttyp »Drehbuch« . Jede Fassung erhält eine eigene Textfarbe, was Veränderungen sofort hervorhebt. Um eine echte Versionskontrolle handelt es sich dabei aber nicht.

Schreibutensilien für Profis

Celtx bietet viele hilfreiche Zusatztools, etwa einen Umwandler, der aus einem Theaterstück ein Radiofeature oder einen Film macht, oder die Notizfunktion in der rechten Seitenleiste. In der Medienfunktion helfen Bilder- oder Audiodateien dabei, Szenen, Kulissen oder Requisiten besser zu erläutern. Ein besonders wertvoller Helfer steckt hinter dem Reiter »Aufgliederung« . Hier markiert der Autor Wörter oder Abschnitte im Text und weist diese einer Kategorie zu. Celtx führt Anzahl und Art der benötigten Ausstattungsteile nicht nur in der Seitenleiste auf, sondern fügt sie auch dem so genannten Hauptkatalog hinzu.

Dieser enthält alle Elemente, die im Laufe der Entwicklung oder im Ablauf eines Films, Theater- oder Radiostücks Bedeutung erlangen. Auch jeder Name, der im Element »Rolle« steht, erscheint automatisch als Registerkarte im Hauptkatalog. Beschreibt ein Autor eine solche Karteikarte genauer, kann er seinen Schauspielern eine bessere Vorstellung von ihren Rollen und dem Bühnenbildner von der benötigten Kulisse geben.

Über die Reiter unterhalb des Editorfensters konvertiert der Autor sein Projekt in andere Formate und erstellt beispielsweise PDF-Dateien, Karteikarten oder ein Titelblatt. Der Reiter »Berichte« erlaubt es, nur die Dialoge ausgewählter Rollen auszugeben und zu drucken.

Als wirklich praktisch erweisen sich die Karteikarten bei größeren Wartungsarbeiten, da Celtx jede Szene auf einer Karte darstellt, der Autor kann diese dann nach Belieben per Drag&Drop neu sortieren.

Auch die Bibliothek in der linken Seitenleiste (siehe Abbildung 2) bietet mehr, als der erste Blick offenbart. Wie in verschiedenen Verzeichnissen legen Nutzer hier alle Zusatzinformationen eines Projekts ab, zum Beispiel eine Linksammlung, Musik oder anderes. Ein Drehbuch kann sogar einen weiteren Projekttyp wie etwa ein Storyboard enthalten.

Abbildung 2: Die Bibliothek in der linken Seitenleiste enthält allerlei zusätzliche Dateien für ein Schreibprojekt. Unter dem Editorfenster bietet Celtx verschiedene Reiter zur Umwandlung in andere Formate an.

Celtx bietet eine Funktion namens »Adaptieren zu« , die im Handumdrehen ein Drehbuch aus einem Theaterstück und umgekehrt erstellt. Ganz fehlerfrei läuft eine solche Verwandlung allerdings niemals ab; daher sollte der Autor immer noch einmal nacharbeiten.

Auch die Im- und Exportfunktionen sind eher rudimentär. Celtx liest ausschließlich reinen Text ein und exportiert Text und HTML. Wer gemeinsam mit anderen Autoren an einem komplexen Projekt arbeiten möchte, muss sich mit allen Beteiligten auf eine Schreibumgebung einigen, um den Text samt eingebetteter Notizen und Medien weiterzugeben. Bei den Dateien mit der Endung ».celtx« handelt es sich um Zip-Archive, die alle Medien im Original, einige XML-Projektdateien und eine SQLite-Datenbank enthalten.

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