Open Source im professionellen Einsatz

© Andrey Kiselev, 123RF.com

Lösung der kniffligen Winterrätselfragen

Dechiffrierte Zeit

Die Fragen des Winterrätsels aus Heft 02/11 bilden eine Chronik der wichtigsten Open-Source-Ereignisse des vergangenen Jahres. Eifrige Leser konstruieren aus den Antworten eine wichtige Maxime.

In der schnelllebigen News-Zeit geht manche Meldung leicht unter. Viele Ereignisse wirken aber nach und verändern den Lauf der Open-Source-Welt. Da gibt es Jobwechsel und Neuanfänge, Strategien und Veröffentlichungen. Linux-Magazin-Leser, die das Geschehen in der Linux-Welt verfolgen, haben mit den 24 Fragen des Winterrätsels keine Schwierigkeiten. Für alle anderen löst die Redaktion nun die trickreichen Fragen auf.

Abbildung 1: Wer die Lösungsbuchstaben-Werte in der ersten Zeile und die der vorgegebenen Buchstaben in der zweiten Zeile addiert, erhält den Lösungssatz unten.

Fragen und Lösungen

1. Einer der frühen Kernelentwickler tritt bei einem neuen Arbeitgeber im Januar seinen Job an und reformiert dort die eingesetzten Dateisysteme. Eine andere Abteilung dieses Unternehmens bringt erstmals eine eigene Hardware heraus. Welche Süßspeise stand Pate bei der zugehörigen Software?

Ted Ts'o trat im Januar 2010 seinen neuen Job bei Google an und brachte dort gleich seine Entwicklung Ext  4 ein. Mittlerweile ist das Dateisystem für Android weitgehend gesetzt. Zur gleichen Zeit wie Ts'os Wechsel brachte Google das Nexus One heraus, ein von HTC gefertigtes Smartphone. Auf dem lief erstmals Android 2.0 Eclair, benannt nach einem in den USA beliebten Gebäckstück. Heute warten die Anwender bereits auf Version 3.0 mit dem Codenamen Honeycomb, das besonders Tablet-Computer unterstützt.

2. Ein Dotnet-Befürworter für Linux verlässt im Januar seinen Arbeitgeber. Dieses Schicksal teilt er mit dem Community-Manager eines Projekts, das das gleiche Unternehmen maßgeblich unterstützt. Welches Tier ist der Botschafter dieses Projekts?

Der damals in München lebende Ximian-Gründer Nat Friedman steckte bei Novell auf, das sein Unternehmen bereits 2003 gekauft hatte, heiratete und erkundet nach eigenen Angaben nun die Welt. Rund zwei Jahre nur lenkte Joe "Zonker" Brockmeier im selben Haus die Geschicke von Open Suse, bevor er sich ebenfalls neuen Aufgaben zuwandte. Seit Anbeginn der Zeit vertritt ein Chamäleon die Distribution.

3. Stühlerücken beim Distributionshersteller: Weil der freundliche Diktator nicht mehr Chef sein will, überlässt er seinen Titel seiner Stellvertreterin. Deren Platz nimmt nun ein Dokumentenverwalter ein und kümmert sich ums Operative. In welchem Dateiformat sieht er seine Zukunft?

Nachdem Mark Shuttleworth als Canonical-CEO zurücktrat und der langjährigen COO Jane Silber den Posten überließ, kam Matt Asay für einige Monate vom Alfresco- zum Ubuntu-Hersteller. Mittlerweile setzt er in einem Startup auf HTML  5.

4. Hochzeit unterwegs: Zwei mobile Projekte tun sich zusammen, um schönere Oberflächen und stabiles Linux auf Smartphones & Co. zu zaubern. Später im Jahr feiern die Entwickler die offizielle Version in einer Sportstätte. Welche Sportart kommt dort ohne kugelförmige Geräte aus?

Mit der Hochzeit von Maemo und Moblin wollten Intel und Nokia (AMD und andere Partner kamen später dazu) ein weiteres Mobilbetriebssystem schaffen und veranstalteten dazu in Dublins Aviva-Stadion eine Konferenz. Normalerweise wird dort Rugby gespielt.

5. Im Lichte der Abenddämmerung verlässt ein Open-Source-Herold seinen bis dahin sonnigen Arbeitsplatz, doch findet er schon bald Unterschlupf bei einem Wächterrat für Lizenzen. Welchen Begriff prägte die Organisation?

Oracle hat mit seiner Sun-Akquisition viele Scherben erzeugt. Frustriert verließ beispielsweise Open-Source-Sprecher Simon Phipps das Unternehmen und erhielt im März 2010 einen Sitz im Vorstand des OSI, dem Gremium, das über den Begriff Open Source wacht.

6. Auf der Cebit ehrt eine internationale Jury ein Projekt für seine Innovation, denn es hatte das Wiki-Prinzip auf einen ganz anderen Bereich als die bisherigen Lexikon-Lemmata übertragen. Zu welchem Suchdienst wechselt der Gründer des Projekte im Laufe des Jahres?

Der Open-Streetmap-Gründer Steve Coast arbeitet jetzt für die Microsoft-Suchmaschine Bing, die ihrerseits dem Projekt einige Satellitenbilder schenkte.

7. Nicht das I-Pad, sondern eine heimische Entwicklung will erster Teilnehmer im Sandkasten der Tablet-PCs werden. Das füllt in den kommenden Monaten zumindest die Technik-Klatschspalten mit Ankündigungen und Skandälchen. Als Ehrenmitglied welcher Vereinigung gibt sich später im Jahr fatalerweise der Impresario der Kampagne fälschlicherweise aus?

Der I-Pad-Killer-Killer und damalige Neofonie-Chef von Ankershoffen (Abbildung 2) lobte das Wetab bei Amazon unter dem Namen "Peter Glaser", wie gleichzeitig ein Journalist aus dem Umfeld des CCC heißt. Daraufhin nahm der falsche Glaser seinen Hut.

Abbildung 2: Mit dem Wetab überhob sich der damalige Neofonie-Chef von Ankershoffen etwas.

8. Eine würdevollere Ehrung nimmt der Gründer einer europäischen Lobbyorganisation für Nicht-Open-Source-Software entgegen. Damit ist er bereits der zweite für diese Tätigkeit ausgezeichnete Deutsche. Welches Projekt begründete der erste Ordensträger?

Die Free Software Foundation bemüht sich aus Tradition, auf die Gefahren des Begriffes "Open Source" hinzuweisen, der ihrer Meinung nach nicht hinreichend den Freiheitsgedanken transportiert. Ein Meister dieser Argumentation war stets FSFE-Gründer Georg Greve, der das Bundesverdienstkreuz erhielt. Eines verlieh der Deutsche Bundespräsident bereits 2009 an KDE-Erfinder Matthias Ettrich.

9. Turbulent gerät der Monat fürs Fedora-Projekt: Mit etwas Verspätung gibt es Version 13 (Goddard) heraus und kündigt Version 14 (Laughlin) an. Später kommt noch Fedora 15 (Lovelock) dazu. Auch beim Personal gibt es einen Stabwechsel. In welcher Programmiersprache faxte der neue Projektleiter seiner späteren Frau Liebesbriefe?

Auf seiner Website beschreibt Jared Smith einen ganz neuen Anwendungsfall für Prolog: Oft unterschrieb er Nachrichten an seine Liebste im Prolog-Stil mit »loves(Jared, Jenny)« .

10. Vier Studenten sind die Sammelwut sozialer Netzwerke wie Facebook & Co. leid, brauchen aber Geld, um eine dezentralere Version zu programmieren. Das bekommen sie dann auch reichlich. Wie nennen sie ihre Server?

Über 200 000 US-Dollar erhielten die Entwickler von einem Startup-Netzwerk, um das verteilte System Diaspora zu entwickeln. Seit November 2010 verharrt das Projekt, das seine Knoten Pods nennt, im Testzustand "Private Alpha".

11. Stelldichein auf dem Linuxtag: Microsoft verkündet, fortan zu den Guten zu gehören, Google entwickelt eigene Codecs. Ein Redner stellt aber auch die binäre Antwort auf das Leben, das Universum und den ganzen Rest in Aussicht. Wo hausen die putzigen Maskottchen, die für die Antwort Pate stehen?

Auch Mark Shuttleworth hielt auf dem Linuxtag eine Keynote (Abbildung  3) und kündigte die nächste Release für den 10.10.10 an, der Binärdarstellung für 42. Maverick Meerkat, zu Deutsch "eigenbrötlerisches Erdmännchen", schaffte dann tatsächlich diesen Termin.

Abbildung 3: Auf dem Linuxtag sprach Shuttleworth über Ubuntu 10.10, das am 10.10.10 erschien.

12. Den Kernelentwicklern scheint ein Dateisystem für große Datenmengen besonders suspekt zu sein: Es gibt bis heute in den offiziellen Quellen keine Kernimplementierung, es existiert nur als Modul im Userspace. Im Laufe des Jahres kommen trotzdem zwei native Implementationen dazu. Welche Lizenz steht der offiziellen Aufnahme entgegen?

Die Kernelhacker werden nicht grün mit ZFS, denn sie betonen, dass das bei Sun entwickelte Subsystem nicht in den Linux-Stack mit LVM, Blockdevice-Layer und Devicemapper passe. Außerdem verweisen sie auf die mit der GPL inkompatible CDDL als Lizenz.

13. Die Release einer in Deutschland beheimateten Linux-Distribution war eine der ersten Aufgaben für ihren neuen Community-Manager aus den Niederlanden. Bei welchem anderen Projekt arbeitete er vorher lange mit?

Jos Poortvliet engagierte sich bei KDE.

14. Obwohl die neue Version einer Software nun auch 64-Bit-Code ausführt, nützt sie Besitzern von Linux-Programmen gar nichts. Wie hieß eine Software für Solaris, die vor über 15 Jahren eine ähnliche Funktion umsetzte?

Wine führt neuerdings auch manchen 64-Bit-Windows-Code aus. Das für Solaris entwickelte Wabi hatte einen ähnlichen Ansatz, kam jedoch nur mit einem Viertel an Bits zurecht, nämlich der 16-Bit-Version von Windows 3.11.

15. Ein Webprojekt, das angetreten war, um E-Mail und Kommunikation zu revolutionieren, schlägt ein paar Wellen – weil seine Entwickler es einstellen. Deutlich höheren Wellengang hingegen verursacht deren Idee, eine andere Software in anderen Bereichen einzuführen. Welche Politikerin stellt sich an die Spitze der Bedenkenträger?

Ob Ilse Aigner je Wave benutzte, ist zwar nicht überliefert, aber immerhin bildet sie die Speerspitze der Google-Streetview-Gegner.

16. So richtig zufrieden sind die Mitglieder eines Steuerungsgremiums nicht mit ihrem neuen Sponsor und besiegeln so faktisch das Ende einer freien Betriebssystem-Distribution. Ganz aufgeben wollte eines der Mitglieder aber nicht und ändert später die Basis für seine Live-Distribution. Wie heißt diese neue Grundlage?

Das Open Solaris Governing Board gab nach beredtem Schweigen seitens Oracle auf. Seither entwickelt der Sun-Käufer das Betriebssystem wieder als Closed Source. Auf den letzten freien Stand setzt Illumos auf, das seinerseits als Grundlage für die Live-CD Schillix herhält.

17. Ein Virus bringt nicht nur Experten, sondern auch Industrieanlagen zum Rotieren. Welches Modell zum Überwachen und Steuern nutzt die Malware, um ihr Unwesen zu treiben?

Angeblich programmierte der Mossad Stuxnet so, dass Irans Uran-Anreicherungsanlagen unrund liefen. Dazu manipulierte der Wurm dem Vernehmen nach Kommandos über die Steuer- und Messschnittstelle Scada der Zentrifugen.

18. Weil ein Projekt mit den langsamen Reaktionen seines Sponsors nicht mehr zufrieden ist, vollzieht es fast genau ein Jahrzehnt nach seiner Gründung das Schisma des Jahres. Der damalige Spender hostete die Quellen bei der Firma eines Entwicklers, der als Urvater welches Servers gilt?

Star-Office-Erfinder Marco Börries übergab seinerzeit die Quellen an Apache-Gründer Brian Behlendorf, der sie bei seinem Unternehmen Collab Net hostete.

19. Bereits zum vierten Mal in diesem Jahr veröffentlicht ein Auswanderer eine stabile Version der Software, der er vorsteht. Was erbte er einst von einem Statistikprofessor?

Linus Torvalds veröffentlichte Kernel 2.6.36 im Oktober 2010. Als Jugendlicher übernahm er noch im heimatlichen Finnland einen VC-20 von seinem Opa.

20. Stühlerücken in Projekten und Unternehmen: MySQL-Veteran Kaj Arnö geht zu SkySQL, Mozilla bekommt einen neuen Chef, der Open-Office-Marketingleiter verlässt das Boot und eine Distribution besetzt den Posten des Wachmanns mit einem ihrer ehemaligen Chefs. In welcher Stadt studierte er vor seiner Promotion?

Der Ex-Debian-Projektleiter Martin Michlmayr kommt aus Österreich und erhielt seinen Doktor in Cambridge. Davor bildete er sich im australischen Melbourne.

21. Aufregung erzeugt die Ankündigung, in einer populären Distribution mittelfristig eine zentrale Desktopkomponente zu ersetzen. Die war in der Vergangenheit schon mehrfach Spielball von Forks und Neugründungen. Welcher heutige Intel-Entwickler wurde einst sogar von der Entwicklung eines Teilzweiges ausgeschlossen?

Ob und wann Ubuntu auf X11 als Desktopgrundlage verzichtet, steht noch in den Sternen. Nach einigen Querelen bei Xfree64 gründete Keith Packard mit anderen den heute vorherrschenden Nachfolger X.org.

22. Die Kasse klingelt: Für ein erkleckliches Sümmchen wechseln die Besitzer eines Unternehmens, das auch Heimat für eine Linux-Distribution ist. Wer unterzeichnete zuvor ein ähnliches Angebot, das die Firmenleitung damals ablehnte?

2,2  Milliarden US-Dollar legt der Mischkonzern Attachmate für Novell und Suse auf den Tisch. Die 2,0  Milliarden, die Elliott Associates' Portfolio-Manager Jesse A. Cohn gebotenen hatte, erschien dem Unternehmen vorher angeblich zu wenig.

23. Großes Aufsehen erregt das Wirken einer Plattform zum Management bestimmter Dokumente. Das Linux-Magazin hatte Anfang des Jahres bereits berichtet, dass deren Gründer eine Reihe von Gesetzesänderungen befürworten. In welchem Land sollten diese Wirkung entfalten?

Auf dem 26c3 weckten die damals noch vereinten Leaker Julian Assange und Daniel Domscheit-Berg die Hoffnung, dass die Gesetzgebungsinitiative IMMI in Island klare Bedingungen für das Veröffentlichen von brisanten Dokumenten liefern würde (Abbildung  4). Das isländische Parlament Althing beschloss im Juni 2010, eine Reihe von Gesetzen neu zu bearbeiten.

Abbildung 4: Noch vereint freuen sich Assange und Domscheit-Berg auf ein Leak-freundliches Island.

Abbildung 4: Noch vereint freuen sich Assange und Domscheit-Berg auf ein Leak-freundliches Island.

24. Glänzende Aussichten prognostiziert sich ein Tool, das gleichzeitig den Anspruch erhebt, Betriebssystem zu sein, aber nicht der Emacs ist! Seine Entwickler geben bekannt, dass sich seine Nutzerzahlen binnen Jahresfrist verdreifacht hätten. Wie bezeichnen sie das dazu passend entworfene limitierte Test-Hardware-Modell?

Google benannte sein festplattenloses Netbook nach dem Isotop Cr-48, das es – wie passend – in der Realität gar nicht gibt: Es zerfällt nämlich binnen Sekundenbruchteilen, da nur die Versionen Cr-50, -52, -53 und -54 als stabil gelten.

Lösungswort und Gewinner

Viele Rätsel sind leicht lösbar, weil das Beantworten einer Teilmenge der Lösungsbuchstaben ausreicht, um das Gesamtergebnis zu raten. Das verwendete Schema versucht mittels einer simplen Strom-Chiffre, dies zu verhindern: Jeder einzelne Buchstabe beeinflusst dabei das Gesamtergebnis. Echte Strom-Chiffren wie der in der WLAN-Verschlüsselung WEP eingesetzte RC4 sind natürlich viel komplexer.

Wer die jeweils gefragten Buchstaben der Lösungswörter in das Lösungsdiagramm (siehe Abbildung  1) eingetragen hat, dekodierte den Text "INFORMATIONSWANTSTOBEFREE", eine zentrale Maxime der Hackerethik, die dem Aktionskünstler und Autor Steward Brand zugeschrieben wird.

Unter den Einsendern des richtigen Lösungssatzes hat die Redaktion sechs Fachbücher von Open Source Press, nämlich "Root-Server", "Open Source Projektmanagement" und "Cyberwar" verlost. Gewonnen haben Michael Defort, Yvonne Dohrenbusch, Michael Florian Schönitzer, Daniel Stortek, Matthias Schwarzott sowie Thomas Scholl.

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